„Schreib Julia auf Facebook an!“

Bei „Romeo und Julia – freestyle“ machen jugendliche Flüchtlinge gemeinsam mit Profis wie Hilde Dalik und Michael Ostrowski Theater. Das Südwind-Magazin war bei einer Probe dabei.

Von Siobhán Geets
Schau mir in die Augen, Kleiner: Bei den Proben zum Stück wird getanzt, gelacht - und diskutiert.

Romeo hat Liebeskummer: „Ich habe mein Herz verloren“, sagt er. „Sie ist so wunderschön. Wie kann ich sie bekommen?“ Sein Freund Mercutio gibt Tipps: „Schreib sie auf Facebook an!“, rät er. Und: „Du musst lustig sein!“ Romeo und Mercutio diskutieren darüber, wie man sie für sich gewinnt, die Herzensdame. Braucht es also Humor? Geld? Den richtigen Augenaufschlag?

Im Zentrum des Theaterstücks „Romeo & Julia – freestyle“ steht die persönliche Sichtweise der DarstellerInnen. Einige der Darsteller sind jugendliche unbegleitete Flüchtlinge, wobei die meisten von ihnen aus Afghanistan kommen. Sie alle tragen ihren Rucksack, haben viel erlebt.

Doch „Romeo & Julia – freestyle“ soll mehr sein als die Aufarbeitung ihrer Fluchterfahrungen. Es geht, wie auch in Shakespeares Original, um die großen Themen des Lebens: Liebe und Hass, Freundschaft und Familie, Gewalt und Verweigerung.

Bei der Probe in einem kleinen Wiener Tanzstudio wird diskutiert und gelacht, getanzt und improvisiert. Regie führt die österreichische Schauspielerin Hilde Dalik. Sie beginnt mit Entspannungs- und Konzentrationsübungen, später wird improvisiert. Einige der Darstellerinnen hat Dalik im niederösterreichischen Laura-Gatner-Haus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kennen gelernt. „Ich wollte mehr machen als bei Charity-Events Punsch ausschenken“, sagt sie dem Südwind Magazin. „Mir geht es darum, den jungen Leuten die Möglichkeit zu bieten, sich künstlerisch auszudrücken“. Die Diakonie – aus ihren Einrichtungen kommen die Flüchtlinge, die dabei sein – machte mit. Der Plan ging auf, das Projekt wurde von der Initiative Vielfalter, der Stadt Wien und dem Bundeskanzleramt gefördert.

Neben dem Gesprochenen gehören zu dieser moderneren Version von Romeo & Julia auch Akrobatik, Tanz und Musik. Beim Dance-Battle zeigen die Jugendlichen ihre Breakdance-Skills, im Hintergrund spielt einer auf seinem Harmonium, ein Zweiter trommelt. Traditionelle afghanische Klänge werden mit Beats vermischt. Verantwortlich für die Musik des Stücks ist der Wiener Musiker Wolfgang Schlögl, aka I-Wolf, der mit der Band Sofa Surfers bekannt wurde. Auch auf der Bühne bekommen die Jugendlichen professionelle Unterstützung: Sophie Aujesky spielt die Erwachsenenrollen.

Dalik hofft, mit dem Projekt den Jugendlichen zu mehr Halt im Alltag zu verhelfen: „Das Stück streicht ihre Qualitäten heraus und gibt ihnen eine Stimme. Sie bauen ihre persönlichen Geschichten in das Stück ein, seien es lustige, traurige oder absurde.“ Schauspieler Michael Ostrowski unterstützt die Initiative als Text-Coach. Er sieht durchaus Parallelen zwischen dem Klassiker und dem Leben der DarstellerInnen: „Da geht es oft um die erste Liebe, um Familie, Gemeinschaft“, so Ostrowski. „Julia wird ja genötigt, einen anderen zu heiraten. Dieses Thema gibt es bei unseren Darstellern auch.“

Das Deutsch der Jugendlichen habe sich seit Beginn der Proben extrem verbessert. Ostrowski: „Das ist Deutschkurs, Impro und Theaterworkshop in einem.“

Beim Einbauen persönlicher Erfahrungen zeigt sich das Profi-Team flexibel: „Wir schauen einfach, welche der persönlichen Geschichten am besten zum Stück passen“, so Ostrowski.

Diesmal dreht sich alles um Liebe und Eroberung. Mercutio bringt das Problem auf den Punkt: „Wenn du eine willst, musst du Geld haben“, sagt er. „Aber ich bin arm!“, protestiert Romeo. „Dann musst du lügen“, rät Mercutio – und sein Darsteller, der junge Zarif aus Afghanistan, erzählt eine Geschichte aus dem echten Leben: Dass er den Frauen weis macht, er sei aus Südamerika. Dass er sagt, sein Vater sei Geschäftsmann in Dubai. Und sie in die Wohnung eines Freundes einlädt und vorgibt, es handle sich um seine eigene. Zwischendurch stellt Dalik Fragen, entfacht eine Diskussion. „Ist das okay für euch, wenn die Frau euch nur trifft, wenn ihr Geld habt?“, fragt sie. Zarif alias Mercutio: „Nein, aber so ist das Leben. Die Mädels wollen dein Geld, nicht dein Herz.“

Später erzählt Julia, dass die Burschen das in Wahrheit gar nicht mehr so meinen. Dass sie wissen, es gehe nicht nur um Geld. „Wir haben es ihnen erklärt“, sagt sie. „Und sie haben es verstanden“.

„Romeo und Julia – freestyle“. Uraufführung am 5. September im DSCHUNGEL WIEN, Theaterhaus für junges Publikum, Museumsquartier.

Siobhán Geets schreibt als freie Journalistin für Tageszeitungen und Magazine.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen