Schuldebatte einmal anders

Von Ralf Leonhard ·

Ein internationales Symposion zum Thema „Globales Lernen“ in Öberösterreich gab Denkanstöße für die Schule der Zukunft.

Schülerinnen und Schülern würde es zweifellos ein höllisches Vergnügen bereiten: Lehrerinnen und Lehrer einmal ganz anders – in offener Revolte gegen Lehrpläne und Ministerium, den Unterricht zum Teufel wünschend und aus vollem Herzen über die Schule herziehend. Vielleicht würde ihnen aber die dabei zutage tretende Sinnkrise der Schule auch Angst machen.

Schauplatz Schloss Puchberg bei Wels Ende Mai: Über 150 ExpertInnen und Interessierte aus dem Bereich „Globales Lernen“ waren aus 19 Ländern angereist. Die Zwangsjacke der Lehrpläne kritisierte man als ebenso behindernd für kreativen Unterricht wie die immer knapper werdenden Mittel für Projekte und fächerübergreifendes Arbeiten.

Eine globalisierte Welt erfordert Globales Lernen. Diese weitgehend unbestrittene Feststellung stand im Mittelpunkt eines von der Südwind Agentur organisierten Symposions. Ziel war, Lehrenden in Europa und Afrika Denkanstöße und konkrete Anregungen für den Unterricht zu geben. Für alle, die nach den jüngsten Reformvorschlägen der Regierung meinen, die Schuldebatte erschöpfe sich im Für und Wider das Eckenstehen als Sanktion für unbotmäßige SchülerInnen, war es erfrischend festzustellen, dass über die Zukunft der Schule auch auf einem anderen Niveau diskutiert werden kann.

Zu Diskussionen führte schon der Zugang zur Globalisierung. Bernhard Mark-Ungericht von der Universität Graz malte ein düsteres Bild der globalisierten Welt, in der die Tugend zum Laster und das Laster zur Tugend verkehrt werde. Mäßigung sei zum internationalen Störfaktor geworden, Zufriedenheit sei gesellschaftsschädigend, „Ahnungslosigkeit wird gefeiert und kultiviert“. Der Assistenz-Professor vom Institut für Internationales Management verglich unsere Gesellschaft mit dem mythischen König Midas: „Wir verkaufen das Leben und bilden uns ein, Reichtum zu schaffen.“ Die Angst, als Fortschrittsfeind betrachtet zu werden, hindere auch jene, die das System durchschauen, angemessenen Widerstand zu leisten. Die gute Absicht entwicklungspolitischer Kreise, eine „Globalisierung mit menschlichem Antlitz“ zu schaffen, verwechsle das Antlitz mit der Maske.

Ganz anders geht die deutsche Pädagogin Annette Scheunpflug von der Justus-Liebig-Universität Gießen an die Thematik heran. Sie will Mut schaffen für Engagement in der Gesellschaft. Das Zusammenwachsen der Welt sieht sie als begrüßenswerte Herausforderung, auf die es sich einzustellen gelte. Globales Lernen müsse das Ziel haben, den Bildungswert fremder Kulturen in Zusammenhang mit der eigenen Lebensrealität zu bringen.

Den jungen Generationen solle vermittelt werden, dass die Welt eine einzige ist, so der Konsens aller Vortragenden. Sie sollen die eurozentristische Brille ablegen und verstehen, dass der Gegensatz Entwicklung-Unterentwicklung keine taugliche Kategorie für das Begreifen der Welt und das Zusammenleben der Kulturen sei. Mary Young von OXFAM Großbritannien veranschaulichte unsere eingefahrene Weltsicht durch eine Weltkarte, in deren Zentrum Australien steht und auf der der Südpol oben ist. Die Welt steht Kopf, ist man versucht zu sagen. Doch wer bestimmt, wo oben und unten ist? Wir seien einfach daran gewöhnt, Europa als Nabel der Welt zu betrachten.

Aufgeschlossenen Lehrerinnen und Lehrern fehlt es nicht an derartigen Augenöffnern für den praktischen Unterricht. OXFAM hat eine ganze Serie von Unterrichtsbehelfen erarbeitet, die zu Diskussionen Anstoß geben und helfen, die Welt in ihren überraschenden Dimensionen zu erkennen. Auch in Österreich ist auf diesem Gebiet schon viel getan worden.

Dass es not tut, den traditionellen Unterricht in Frage zu stellen, machte Professor Wulf-Dieter Schmidt-Wulffen von der Universität Hannover klar. Er hat in einer Untersuchung 12-15-jährigen SchülerInnen an deutschen Schulen die Aufgabe gestellt, ihr Wissen über Afrika schriftlich oder zeichnerisch zusammenzufassen. Das Ergebnis war ernüchternd: Für die Jugendlichen ist Afrika ein zurückgebliebener Kontinent, auf dem die Menschen wegen der großen Hitze wenig anhaben, in Palmhütten leben und von wilden Tieren umgeben sind. Ein offensichtlich durch die Medien geprägtes Bild, denn die meisten behaupteten, Afrika sei im Unterricht nie durchgenommen worden. Dem hätten manche GeographieprofessorInnen der befragten Schüler heftig widersprochen: sie hätten doch über die Sahelzone und Klima referiert. Im übrigen sei das Problem des Abholzens der Tropenwälder ebenso fester Teil des Unterrichts wie die Analyse der weltwirtschaftlichen Zusammenhänge. Einzig über die afrikanischen Spieler in der deutschen Fußball-Bundesliga wissen die meisten Schülerinnen und Schüler Bescheid und sind sogar in der Lage, deren oft komplizierte Namen fehlerfrei zu buchstabieren.

Offensichtlich leben LehrerInnen und SchülerInnen in unterschiedlichen Welten. Eine weitere Umfrage des Professors belegt, wie sehr der Unterricht an den Schülern vorbei geht. Die Themen, für die sich die Kids tatsächlich interessieren, sind in den Lehrbüchern nicht vorgesehen oder werden bestenfalls gestreift, die vom Lehrplan vorgeschriebenen Fragestellungen findet nur ein geringer Prozentsatz der Adressaten spannend. Für Klima und Böden konnten sich gerade 25 Prozent erwärmen, während über 80 Prozent etwas über das Aufwachsen von Jugendlichen wissen wollten. Gut gemeinte Erklärungen über das Wesen eines Entwicklungslandes wurden von weniger als 30 Prozent geschätzt. Aber über 70 Prozent wollten über Freizeit, Mode oder Sport in den fremden Ländern reden. Gefragt seien, so das Resümee des Professors, sozialethische Zusammenhänge statt abstrakter Fragestellungen.

Hans Bühler von der Pädagogischen Hochschule Weingarten bei Stuttgart sieht ein profundes Problem: „Bei der aktuellen Schulkrise wird an Symptomen herumgedoktert.“ Eine der grundlegenden Ursachen gerate dabei allzu leicht aus dem Blick, nämlich dass der bildungstheoretische Optimismus der Aufklärung, wonach der Mensch sich vernünftig aus Unfreiheit befreien könne und werde, für viele heutzutage nicht mehr gelte. „Just for fun“ scheine sich durchgesetzt zu haben, denn „wir tun nicht, was wir wissen“. Daher plädiert er für lustbetonteren Unterricht: Globales Lernen wird auch als ganzheitliches Lernen verstanden. Verbirgt sich dahinter vielleicht eine neue, postmoderne Form der Vielfalt, die „fun“ und „argument“ einander wieder zugänglich macht? Um dies zu erreichen, müsste der didaktische Umgang mit Komplexität Formen zulassen und entwickeln, bei der Spinnen, Zaubern, Narretei und Spiel, insgesamt also Spaß eine Verbindung mit Vernunft suchen. Oder wird auch dies von den Kids als nicht cool zurückgewiesen, von uns Etablierten als Spielerei diskriminiert werden?

Der Anhänger von Paulo Freires Befreiungspädagogik plädiert dafür, die SchülerInnen auf die „Weltgesellschaft“ aktiv vorzubereiten. Dabei müssten neue Formen des didaktischen Umgangs mit Komplexität erprobt werden. Ethik spiele eine besondere Rolle, „weil sonst mit diesem Ansatz die verlogene Ideologie des ‚everything goes‘ befördert wird – falls er überhaupt eine Wirkung hat …“

Dies ist ganz im Sinne des Kanadiers David Selby, Direktor des Internationalen Instituts für Globales Lernen in Toronto. Für ihn vollzieht sich globale Erziehung nicht allein durch die Beschäftigung mit globalen ökonomischen und ökologischen Problemen, sondern muss von einer grundlegenden Veränderung unseres (industriellen) reduktionistischen Blickwinkels und Bewusstseins zu einem holistischen Selbstverständnis begleitet sein.

Vielleicht sollten Anregungen dort geholt werden, wo normalerweise europäisches Gedankengut als höchster Stand der Entwicklung verbreitet wird: in Afrika. In Benin und sieben weiteren westafrikanischen Staaten wird seit einigen Jahren systemisches Lernen als Schulversuch praktiziert. Die klassischen Fächer sind abgeschafft. Es wird in großen Bereichen unterrichtet. So gehen Geographie, Geschichte und Sozialkunde ineinander über. Professor Jacob Sovoessi aus Benin ist überzeugt, dass sich dieses System durchsetzen wird. Ein Anfang, der auch bei uns überlegenswert ist, denn die Fachprofessoren klagen, dass der Lehrplan fächerübergreifenden Unterricht nicht zulässt. Friedenserziehung, Menschenrechte und Gewaltlosigkeit, die derzeit im Rahmen von Schulversuchen in den Unterricht einfließen, sollten selbstverständlicher Bestandteil des Lehrplans sein. Wer die Diskussion über Globales Lernen aber ernst nimmt, muss überhaupt alles in Frage stellen.

Helmuth Hartmeyer, den meisten als Geschäftsführer der Finanzierungsstelle für entwicklungspolitische Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit KommEnt und daher als strenger Wächter über öffentliche Gelder bekannt, entpuppte sich als Philosoph, der nicht nur bedauerte, dass das Budget für entwicklungspolitische Bildungsarbeit in den letzten Jahren stark gekürzt worden sei, sondern auch radikales Umdenken in der Schulpolitik forderte: „Dass wir diesen Übergang von der informierten zur lernenden Gesellschaft schaffen, wünsche ich mir.“

Mit diesem Wunsch und dem dringenden Bedürfnis, weder die Diskussion noch die in den drei Tagen geknüpften persönlichen Verbindungen abreißen zu lassen, sind wohl die meisten TeilnehmerInnen von Puchberg abgereist.

Ralf Leonhard ist Österreich-Korrespondent der Berliner Tageszeitung taz und langjähriger freier Mitarbeiter des SÜDWIND-Magazins.

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