

Hunderttausende Menschen werden in Lagern in Südostasien gezwungen, im Online-Betrug zu arbeiten. Die Strukturen, in denen sie gefangen sind, ähneln jenen aus früheren Zeiten.
„Pling.“ Eine neue Kontaktanfrage auf LinkedIn. Jemand zeigt sich „beeindruckt von deinem Profil“. Das Porträtfoto wirkt professionell, der Lebenslauf plausibel. Wer nichts Böses ahnend „Annehmen“ klickt, bekommt bald darauf eine Nachricht von der Person und beginnt, zu plaudern. Über Wirtschaft, Sport, Technologie, Belangloses. Der Lockvogel stellt unaufdringliche Fragen, hört zu, schenkt Zeit und Aufmerksamkeit. Wochen vergehen. Die emotionale Bindung wächst. Irgendwann streift das Gespräch das Thema Finanzen. Investmentmöglichkeiten. Cryptogeschäfte. Die Bekanntschaft erzählt von einer Plattform, mit der sie gute Erfahrungen gemacht hat. Eine unverbindliche Einladung zum Mitmachen folgt. Die Renditen, die versprochen werden, sind hoch. Erst überweist man ein paar Euro, bekommt Profite angezeigt, ist aber vielleicht noch ein bisschen skeptisch. Man probiert, den Gewinn aufs Konto zu bekommen. Das klappt. Hunderte, Tausende, Zehntausende Euro folgen. Dann sind plötzlich sowohl die Investment-Plattform als auch die Online-Bekanntschaft wie vom Erdboden verschluckt. Das ganze Geld? Weg.
„Schweineschlachten“ per Laptop
Das ist das Drehbuch einer Betrugsmasche, die „Pig Butchering“, auf Deutsch „Schweineschlachten“, genannt wird. Wie viele der laut einem Bericht des Bundesministeriums für Inneres im Jahr 2025 über 30.000 in Österreich zur Anzeige gebrachten Fälle von Internetbetrug darunterfallen, lässt sich nicht sagen. Die Dunkelziffer ist hoch, da viele Betroffene aus Scham nicht zur Polizei gehen. Weltweit aber werden, konservativen Schätzungen zufolge, jährlich mehr als 100 Milliarden US-Dollar auf diese Weise erbeutet. Die Menschen in wohlhabenden Ländern, die so um ihr Erspartes gebracht werden, sind jedoch nicht die einzigen Opfer. In Myanmar sitzen die anderen.
Laut dem UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung sind in Südostasien mehr als 300.000 Menschen aktiv in Betrugsmaschen wie „Pig Butchering“ involviert. Die meisten von ihnen wurden in Indien, Bangladesch, Sri Lanka oder den Philippinen als Arbeitsmigrant:innen angeworben. Ein Freikommen aus den hermetisch abgeriegelten Lagern, in die sie dann gesperrt werden, ist jedoch nahezu unmöglich.
Kein Wandel beim Menschenhandel
Ironie der Geschichte: Diese neuen Arbeitslager sind nur einen Steinwurf von den Orten entfernt, an denen im neunzehnten Jahrhundert indische Zwangsarbeiter:innen Rohstoffe auf britische Schiffe verladen haben. Die Kolonialherrschaft, die mit dem Einmarsch britischer Truppen in das Land, das sie später Burma nennen würden im Jahr 1852 begann, wirkt auf damals ungeahnte Weise bis heute nach. Das „Maistry-System“, bei dem hunderttausende Arbeitskräfte aus Indien angelockt wurden, um sie auszubeuten, ist ein Urahn des auf Schuldknechtschaft basierenden Menschenhandels. Damals wie heute werden zunächst lukrative Verdienstmöglichkeiten – auf Zeit – versprochen. Doch sind die Opfer einmal fern der Heimat werden sie ihrer Dokumente, ihrer Freiheit und ihrer Menschenwürde beraubt. Nach Hause dürfen sie, wenn überhaupt, erst, nachdem sie riesige Schuldenberge, die angeblich durch Transport, Unterkunft und Arbeitsvermittlung angefallen sind, abgearbeitet haben. Im 19. Jahrhundert mussten sie dafür in Häfen, am Bau oder in der Landwirtschaft schuften.
Mafiös verwobenes System
Heute sitzen sie, umzäunt von Stacheldraht, vor Laptops und Smartphones und mailen, schreiben und chatten um ihr Leben. Wie im „Maistry-System“ werden die Schulden, die sie angeblich abzuarbeiten haben, von Tag zu Tag mehr statt weniger. Fluchtversuche sind lebensgefährlich. Der einzige Ausweg, der ihnen angeboten wird, ist zynisch: Sie können gehen, wenn sie dafür andere aus ihrer Heimat anwerben.
Solange die Hintermänner – mafiöse Organisationen aus China – unangetastet bleiben, ist keine Besserung in Sicht. Zwar gab es einzelne Befreiungsaktionen, wie etwa die Rettung von rund 7.000 Menschen aus einer Anlage an der thailändisch-myanmarischen Grenze im Februar 2025, doch insgesamt steigt die Zahl der Betroffenen. Das liegt vor allem daran, dass die Drahtzieher:innen exorbitante Gewinne mit Online-Betrug machen können. Bewusstseinsbildung ist daher ein Schlüssel, um ihnen nachhaltig das Handwerk zu legen. Aber vor allem braucht es angesichts der mafiösen Strukturen und der modernen Sklav:innenarbeit ein politisches Bewusstsein.
Ralph Mayr arbeitet als selbstständiger Autor, Journalist und Unternehmensberater. Er schreibt unter anderem über Digitalisierung, Reisen durch Asien und KI.
Zum Weiterlesen:
Report der United Nations High Commissioner for Human Rights (OHCHR): A Wicked Problem: Seeking Human Rights-Based Solutions to Trafficking into Cyber Scam Operations in South-East Asia
Bericht der Global Initiative Against Transnational Organized Crime: A World of Deceit: Mapping The Landscape of the Global Scam Centre Phenomenon
Podcast von The Economist: Scam Inc
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