Septemberweizen im 21. Jahrhundert

Von Werner Hörtner ·

Vor mehr als einem Vierteljahrhundert hat der deutsche Dokumentarfilmer Peter Krieg den immer noch aktuellen Klassiker „Septemberweizen“ gedreht. Heute eckt er mit seinen radikal-liberalen Ideen in globalisierungskritischen Kreisen an.

Der Film hat Geschichte geschrieben und unzählige entwicklungspolitisch interessierte Menschen beeindruckt und beeinflusst: „Septemberweizen“ über den internationalen Weizenhandel, die Warenterminspekulation, das Grundnahrungsmittel als politische Waffe. Nach siebenjährigen Recherchen und jahrelangen Dreharbeiten fand der Dokumentarfilm 1980 den Weg in die Kinos und ins Fernsehen. Und wurde von KritikerInnen großteils als Agitprop verteufelt. „Der Film stellt die Ordnung in Frage, die unsere Freiheit bestimmt“, schrieb ein deutscher christlicher Fernsehkritiker. Vor allem über Mundpropaganda wurde „Septemberweizen“ zum Erfolgsfilm, mit Besucherrekorden und zahlreichen internationalen Auszeichnungen.
Kriegs heutige marktwirtschaftliche Philosophie war in dem Film von 1980 nur angedeutet als Kritik an macht- und marktpolitischen Interventionen des Staates, die den Markt verzerren. Dieser stelle so etwas wie einen lebenden Organismus dar, der sich selbst reguliert und durch Eingriffe von außen nur gestört oder gar zerstört werde. „Ökonomie und der Markt bilden ein Informationssystem, und die Signale in diesem System sind die Preise. Und die Preise werden gesetzt durch die Bewertung der Konsumenten“, ist Peter Krieg überzeugt.

Der deutsche Filmer und Medienberater hat erst langsam seine heutige staatskritische, libertäre Haltung entwickelt. In den 1970ern hat er sich von den sozialistischen Vorstellungen der 1968er Bewegung gelöst – auch durch die Erfahrungen, die er bei seinen Reisen in staatssozialistische Länder machte. Seine Kritik an staatlichen Interventionen im Wirtschaftsgefüge führte ihn schließlich auch zur Kritik an der Entwicklungshilfe – und zum zumindest vorläufigen Ende seiner Laufbahn als Filmer. Der deutsch-französische Kultursender Arte hatte 1993 bei ihm einen Film über Afrika und Entwicklungshilfe bestellt. „Es wurde der erste Film, der von Arte beauftragt und bezahlt war und dann nicht gesendet wurde. Und zwar wegen meiner marktradikalen Kritik an der Entwicklungshilfe, die damals noch relativ neu war. Es war ein Themenabend, und da passte mein Film nicht rein, weil der Tenor dieses Abends genau umgekehrt war.“
Was Kriegs KritikerInnen leicht übersehen oder nicht wahrhaben wollen ist, dass seine libertär-anarchistische Vorstellung vom freien Markt nichts gemein hat mit der heute praktizierten „freien Marktwirtschaft“. Die fehlende Freiheit des Marktes, die Einschränkung durch Gesetze, Regulierungen usw. helfe am meisten den großen Konzernen, sagt Krieg. „Diese müssen sich einem freien Wettbewerb gar nicht mehr stellen, weil sie die Macht und die Möglichkeit haben, sich die Gesetze so schneidern zu lassen, wie es für sie am besten ist. In unserer Demokratie ist es eben so, dass sich die Lobby durchsetzt, die die besten Druckmittel hat. Deshalb sind die Großen ja gar nicht am freien Markt interessiert. Sie sind alle voll für eine staatliche regulierte Wirtschaft.“

Und wie könnten wir zu dem freien Markt gelangen, wie ihn Peter Krieg versteht? „Ich glaube, der einzige Weg ist, dass man langsam diese Idee in die Köpfe der Menschen bringt. Die jetzige Entwicklung muss ja irgendwann einmal an die Wand laufen. Die Leute bemerken, dass dem Sozialstaat, der gleichzeitig auch ein Überwachungsstaat sein muss, der gleichzeitig die Stimmen kaufen muss durch Subventionen, das Geld ausgeht.“
Bei aller Skepsis als kritischer Beobachter des Zeitgeschehens freut sich Krieg über die große Diskussionsbereitschaft der Jugend, die sich vor allem im Internet manifestiert. In den USA zum Beispiel sind libertäre Ansätze in der jungen Generation plötzlich wieder populär. „Das macht mir natürlich Mut. Diese Generation ist mit dem Internet groß geworden, und Freiheit ist etwas, was sie zumindest symbolisch mit dem Internet verknüpft.“ Überhaupt ist für den Filmer das Internet die Kommunikationsplattform der Zukunft. Da er von seinem libertären Standpunkt aus die Filmförderung aus Steuergeldern ablehnt, will er eine freiwillige Finanzierung seiner Filme erreichen, und dazu könnte das Internet eine Möglichkeit bieten.
Gegenwärtig hat Krieg gleich mehrere Filmprojekte im Kopf, über Demokratie, Entwicklungsalternativen bis zur Klimadebatte. l

Der mittlerweile zum Klassiker mutierte „Septemberweizen„, auch mehr als ein Vierteljahrhundert später immer noch von anschaulicher Aktualität, wurde kürzlich vom Wiener Filmladen als DVD veröffentlicht. Bestellungen auf
shop.filmladen.at

Der Film ist auch besonders zum Einsatz an Schulen geeignet und vom österreichischen Unterrichtsministerium approbiert.

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