Simentov hat keine Hoffnung

Von Emran Feroz, Kabul ·
Zabulon Simentov
© Emran Feroz

Vor rund 100 Jahren lebten mehrere Zehntausend Jüdinnen und Juden in Afghanistan. Heute plant der letzte Verbliebene das Land zu verlassen.

Zabulon Simentov sitzt in seinem kleinen Wohn- und Schlafzimmer und starrt auf seinem alten Röhrenfernseher: Gulbuddin Hekmatyar, ein bekannter Warlord, hält eine feurige Rede, in der er der Regierung von Präsident Ashraf Ghani, mit der er vor einigen Jahren eigentlich Frieden geschlossen hat, mit einem Aufstand droht. Simentov kann den Anblick kaum ertragen. „Dieser miese Hund will wieder seine Raketen losschießen“, kommentiert er das Geschehen.

An den Bürgerkrieg in den 1990er Jahren kann sich Simentov gut erinnern. Männer wie Hekmatyar zerstörten damals Kabul. Als Mitglied einer religiösen Minderheit und obendrein noch als Jude wurde er von den Extremisten schnell angefeindet. „Sie mordeten und plünderten. Das waren dunkle Tage“, sagt er.

Immer wieder zurück. Simentov wurde 1959 in der Stadt Herat im Westen des Landes nahe der iranischen Grenze geboren, dem einstigen Zentrum des Judentums in Afghanistan.

Bereits in jungen Jahren zog er nach Kabul und leistete seinen Wehrdienst ab. Er wurde in der Hauptstadt sesshaft und begann mit dem Handel von Juwelen und Teppichen. Dank einiger Geschäftsreisen sah er zahlreiche andere Länder, doch trotz der Kriege zog es ihn stets nach Afghanistan zurück.

Bis heute lebt er in der Kabuler Synagoge, die er eigenhändig renoviert hat. Seine religiösen Verpflichtungen nimmt Simentov ernst: Er hält den Schabbat als Ruhetag ein und feiert Pessach, das wichtigste Fest im Judentum, mit seinen muslimischen Freund*innen. Viele von ihnen kennt er seit Jahrzehnten.

„Abgesehen von der Religion gibt es nichts, was uns unterscheidet“, sagt Baryaal Khan, ein Freund Simentovs. Er findet es beklagenswert, dass vergessen wird, dass einst zigtausende Jüdinnen und Juden im Land gelebt haben.

Die Anziehungskraft des Staates Israel ab 1948, der Putsch der afghanischen Kommunisten und die Unruhen im Land ab 1978, der Einmarsch der Roten Armee im Jahr 1979 sowie die Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 ließen immer mehr afghanische Jüdinnen und Juden emigrieren.

Nur zwei blieben. Als die Taliban regierten, besuchte Simentov Mitte der 1990er seine Familie in Israel. Doch im Gegensatz zu anderen kehrte er nach einem zweimonatigen Aufenthalt zurück. Zu dieser Zeit hielten sich in Kabul nur noch zwei bekennende jüdische Afghanen auf – Simentov und Isaak Levy, der 2005 verstarb.

Die beiden erlebten den Fall des Taliban-Regimes. Die mögliche Rückkehr der Extremisten beobachtet Simentov  wie viele seiner Mitmenschen – beunruhigt.

Denn: Seit Beginn der Friedensgespräche mit den Taliban im vergangenen Jahr stehen die Pläne für eine  Interimsregierung mit Warlords und Taliban im Raum. „Die wäre fatal für dieses Land“, kommentiert er, während er auf seiner kleinen Gasflamme Grüntee kocht und Süßigkeiten aus einer Tüte hervorholt.

Afghanistans letzter Jude macht sich um seine Zukunft Sorgen, sowie auch die der afghanischen Frauen. „Niemand hat so sehr gelitten wie die Frauen in diesem Land. Sie sind für mich allesamt wie meine eigene Mutter, Schwester oder Tochter. Ihre Rechte müssen garantiert und dürfen nicht als politisches Kleingeld betrachtet werden“, sagt Simentov.

Die US-Intervention betrachtet Simentov als gescheitert. Er bezieht sich diesbezüglich auf die wirtschaftliche Komponente und die massive Korruption in Afghanistan.

Ex-Präsident Hamid Karzai (im Amt von 2001-2014) und seine Regierung seien für die meisten Probleme, die weiterhin bestehen, verantwortlich. „Wahre Teufel sind das!“, sagt er verärgert.

Auswanderung geplant. Mittlerweile erwägt er seine eigene Auswanderung nach Israel, wo seine Ex-Frau, eine turkmenische Jüdin, und seine zwei Töchter leben.

Simentovs Nachbar*innen und Freund*innen sind skeptisch und meinen, dass er in der Vergangenheit immer wieder angekündigt habe, Afghanistan zu verlassen. „Ich bin ein stolzer Afghane und ich liebe mein Land. Doch ich will in Ruhe leben“, resümiert Simentov. Er müsse noch einige „geschäftliche Dinge“ regeln, sagt er. Dann sei er weg.

Emran Feroz ist österreichischer Journalist und Autor mit afghanischen Wurzeln. Zu Recherchezwecken war er zuletzt im Februar und März 2021 in Afghanistan. Feroz ist mit Zabulon Simentov lange befreundet und schreibt gerade an einem Buch über das Judentum in Afghanistan.

Hinweis der Redaktion: Nach der Machtübernahme Afghanistans durch die Taliban Mitte August verließ Simentov das Land.

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