So gut wie ihre Mitglieder

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist derzeit harter Kritik ausgesetzt. Zu Recht? Ein Kommentar von Robert Lessmann.

Mit 8.000 Beschäftigten ist die WHO die größte der UN-Sonderorganisationen. Sie wurde am 7. April 1948 zu dem Zweck gegründet, sich für „bestmögliche Gesundheit für alle“ einzusetzen. Zu ihren Erfolgen gehört die Bekämpfung von Infektionskrankheiten wie Polio und Pocken. In den vergangenen Jahren sieht sich die WHO aber auch harter Kritik ausgesetzt. Viel zu spät und unzureichend habe sie auf die Ebola-Epidemie in Westafrika 2014/2015 reagiert. Es entstand der Eindruck, die Organisation habe erst gehandelt, als es auch westliche Staaten mit der Angst zu tun bekamen.

Bürokratische Verkrustungen, fehlende Mittel, aber auch Verfilzung mit der Pharmaindustrie werden ihr angekreidet.

Der Verdacht erhärtet sich durch die vorangegangenen Erfahrungen mit der Schweine- und der Vogelgrippe ab 2009, die weitgehend harmlos verliefen; die WHO hatte zu früh den Notstand ausgerufen. Riesenmengen Impfstoff waren angeschafft worden. Der zuständige WHO-Impfdirektor wechselte nur zwei Jahre später zum Pharmakonzern Novartis. Für 8,6 Millionen ÖsterreicherInnen wurden damals neun Millionen Schutzmasken gekauft – und nur gut zehn Prozent davon benötigt.

Krankgespart. Gesundheit ist ein hohes Gut – und ein teures. Das Geschäft mit der Gesundheit boomt. Was aber, wenn der Notstand damals tatsächlich eingetreten wäre? Das Feld ist komplex und Prognosen sind schwierig. Nach dem Versagen in Afrika wurde in der WHO ein 100 Millionen Euro-Notfallfonds beschlossen, doch mit Mühe wurde bisher gerade einmal ein Viertel der Summe einbezahlt. Bevor in Westafrika Ebola ausbrach, hatte die WHO gerade die schlimmsten Kürzungen ihrer Geschichte hinter sich: um 25 Prozent. Hunderte MitarbeiterInnen waren entlassen worden. In Afrika waren noch ganze drei NotfallexpertInnen stationiert. Die Notfallabteilung in der Genfer Zentrale war von 96 auf 34 MitarbeiterInnen verkleinert worden.

Klar: Auch bei der Frage, wo gespart wird, handelt es sich um politische Entscheidungen. Die Generaldirektion könnte andere Prioritäten setzen und entschlossener handeln, der Apparat könnte stärker auf Krisen ausgerichtet sein, besser organisiert und ausgestattet. Insbesondere aber – und das gilt für alle UNO-Organisationen – kann die WHO nur so gut sein wie ihre 194 Mitgliedsstaaten, die vielfach nötige Mittel nicht verabschieden und verabschiedete nicht bereitstellen. Sie setzen andererseits auch Vorschriften und Empfehlungen nicht um.

Durchsetzungsfähigkeit. In „schwachen Staaten“ wie in Westafrika geschieht dies aus Mittellosigkeit und Unvermögen. Viele Regierungen hatten damals lange geleugnet, dass von einer Ebola-Epidemie die Rede sein könne.

Es geht aber auch um die Durchsetzungsfähigkeit gegenüber „starken Staaten“. So kritisiert das eng mit der WHO kooperierende UNO-Programm UNAIDS schon seit Jahren Länder wie Russland in ungewöhnlich scharfer Form (was selten vorkommt). Dessen Weigerung, einschlägige Empfehlungen umzusetzen, stelle für die Betroffenen nicht selten ein Todesurteil dar und konterkariere Erfolge gegen HIV/Aids in anderen Teilen der Welt. Geändert hat sich nichts. Die Zahl der HIV-Neuinfektionen infolge unsteriler Nadeln liegt in Russland bei jährlich rund 50.000. In Westeuropa, wo im Rahmen von „harm-reduction“-Maßnahmen sterile Nadeln an DrogenkonsumentInnen ausgegeben werden, geht sie gegen Null.

Vieles an der Kritik an der WHO ist berechtigt und Reformen sind überfällig, das weiß man auch in Genf – und hat beispielsweise auf die Zika-Infektionswelle 2016 in Brasilien rascher reagiert. Doch letztlich brauchen wir zur Bewältigung globaler Herausforderungen mehr und besseren Multilateralismus – nicht weniger, wie es aktuelle PolitakteurInnen vorgeben wollen.

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