Somalia will Normalität

In Mogadischu herrscht Aufbruchsstimmung: Nach mehr als zwanzig Jahren Bürgerkrieg kehren immer mehr Somalis zurück. Doch die Probleme sind immer noch groß, der Frieden brüchig.

Von Marc Engelhardt
Ein Flüchtlingslager am Stadtrand von Garowe/Puntland: Hier leben all jene, die keine andere Unterkunft finden – vor allem von Bürgerkrieg und Dürre geplagte Flüchtlinge.

Wenn Abyan Abdi Ahmed Englisch spricht, dann tut sie das in akzentuiertem Oxford-Englisch. Kein Wunder: Die meiste Zeit ihres Lebens hat die 29-Jährige mit der sanften Stimme und dem festen Blick in London verbracht. „Ich bin aufgewachsen mit Eiscreme, Donuts und McDonald’s“, sagt die junge Frau und lacht. Als sie vor mehr als einem Jahr in Puntland im Norden Somalias ankam, vermisste sie als erstes den morgendlichen Besuch bei Starbucks. „Aber inzwischen bin ich begeistert von der Lebensqualität und den Möglichkeiten, die ich hier habe – ich möchte nicht zurück, ich bleibe!“ Sie streicht eine Falte auf dem schwarzen Hidschab glatt, der außer ihrem Gesicht den ganzen Körper bedeckt.

Hungersnöte, Bürgerkrieg, Terror: Somalia ist dafür bekannt, dass die Menschen das Land verlassen. Nach dem Sturz des Autokraten Siad Barre 1991 verfügte Somalia über keine Regierung, die den Staat zusammenhalten konnte. Clans, Kriegsherren und in weiterer Folge Islamisten kämpften um die Macht. Die Intervention der Afrikanischen Union in Gestalt der AMISOM-Frie-dens-truppe brachte eine gewisse Stabilität in der Hauptstadt Mogadischu.

Derzeit steigt die Zahl der Somalis, die wieder zurückkommen: Nichts illustriert den Wandel in Somalia so deutlich wie die tausenden Menschen, die von überall auf der Welt zurückkehren. Viele haben die Heimat seit Jahrzehnten nicht gesehen – wenn sie überhaupt schon einmal hier waren. 

Abyan Abdi Ahmed verließ Somalia 1992 in einem Boot, sie war acht Jahre alt. Vom Bürgerkrieg, der damals bereits die Hauptstadt Mogadischu erschütterte, bekam sie nichts mit. Der Vater hatte sie rechtzeitig zur Großmutter in den noch ruhigen Norden geschickt. „Die Erinnerungen, die ich an Somalia habe, sind gut – abends ging man aus, wir waren oft am Strand oder im Kino.“ Hätte sie Tod und Armut erlebt, die das Land schon so lange im Griff haben, sie wäre womöglich nie nach Somalia zurückgekehrt, sagt Abyan Abdi Ahmed nachdenklich. 

Derzeit managt die alleinerziehende Mutter einer dreijährigen Tochter das Ernährungsprogramm einer Hilfsorganisation, sie leitet ein 40-köpfiges Team. In ein, zwei Jahren will sie mit ihrem Ersparten eine Ausbildungsstätte für Frauen eröffnen.

Für viele, die jetzt in der Hauptstadt Mogadischu Läden eröffnen oder ihre Arbeitskraft anbieten, ist Somalia ein Land voller Chancen, die sie im Exil nie gehabt hätten. Jene, die Mogadischu noch von früher kennen, tragen den Traum in sich, die blühende Stadt ihrer Erinnerungen wieder aufzubauen. „Ich bin hierher gekommen, um das Leben der Bewohner von Mogadischu zu verändern“, sagt Ahmed Jama, der seit seiner Rückkehr vor fünf Jahren vier Restaurants in Mogadischu eröffnet hat. „Die Menschen haben sich jahrzehntelang hinter geschlossenen Türen verschanzt und sind nur hinausgegangen, wenn sie wirklich mussten“, erklärt Jama. „Ich sage ihnen jetzt: ‚Kommt, es gibt einen Platz, da könnt ihr hin, um euch zu entspannen, zu lachen und Freunde zu treffen!’“

Außer Espresso und Eiscreme steht in Jamas „Village“-Restaurants somalische Küche auf dem Speiseplan: ein Mix aus äthiopischen, persischen, nahöstlichen und italienischen Einflüssen. Nach Jahrzehnten blanker Not genießen viele, dass Vergnügen wieder Einzug hält.

Nicht wenige erklären Jama für verrückt. Zweimal bereits haben Attentäter eines seiner Cafés ins Visier genommen. Zuletzt kamen dabei Anfang September mindestens 15 Menschen ums Leben.

Zu den Anschlägen bekannten sich die Islamisten der Shabaab. Nach mehreren Jahren Schreckensherrschaft zog sich die islamistische Miliz 2011 vor den Frie-dens-truppen der Afrikanischen Union aus Mogadischu ins Hinterland, teils auch in das Ogaden-Gebiet auf äthiopischem Territorium zurück.

Besiegt ist die Shabaab nicht. Immer wieder verüben die Islamisten Anschläge, vor allem gegen die Regierung von Präsident Hassan Sheikh Mohamud. Mohamud wurde vor einem Jahr vom Parlament zum Präsidenten gewählt (siehe Kasten). Er gilt der internationalen Gemeinschaft als Hoffnungsträger: In die brutalen Kämpfe zwischen rivalisierenden Warlords und ihren Privatarmeen, die der Flucht von Siad Barre Anfang 1991 folgten, war der heute 57-jährige Universitätsdozent nicht verwickelt. Während Clanmilizen das einst blühende Mogadischu in Trümmer schossen, baute Mohamud mitten in der Kampfzone eine Schule auf. 2011 gründete er seine „Partei für Frieden und Entwicklung“ – „die erste Partei, die nicht nur Claninteressen vertritt“, warb Mohamud.

Die Clanzugehörigkeit ist das, was in vielen anderen afrikanischen Ländern die Ethnie ist: eine vermeintliche Zuordnung zu einer Gruppe, die sich auf gemeinsame historische Wurzeln beruft und sich gegenseitig unterstützt. Vor allem Politiker nutzen die Clanzugehörigkeit gerne zu ihrem Vorteil. Umso erstaunlicher war es, dass Mohamud gewählt wurde.

Von London nach Garowe ohne Rückflugticket: Abyan Abdi Ahmed.

Die Bilanz seines ersten Amtsjahres fällt allerdings ernüchternd aus: Mit dem Versuch, die Macht in einem somalischen Zentralstaat zu bündeln, hat sich Mohamud Feinde gemacht. Viele Kontrahenten fordern einen Föderalstaat, schon um ihre Macht zu erhalten. Einen Bürgerkrieg in der Region rund um die strategisch wichtige Hafenstadt Kismayo verhinderte er nur, indem er in letzter Minute einen Pakt mit der Miliz des als opportunistisch geltenden Sheikhs Ahmed Madobe einging, der früher auf Seiten der Shabaab gekämpft hat.

Der Pakt zeigt, wie unfähig Mohamuds Regierung ist, Somalia ohne fremde Hilfe zu kontrollieren – ob von Warlords oder internationalen Akteuren wie Kenia oder der Afrikanischen Union. Auch UN-Programme zum Aufbau von Armee und Polizei haben daran bislang nichts geändert. Die Shabaab regiert bis heute weite Teile der ländlichen Regionen Somalias – vor allem, weil es niemanden gibt, der sie ersetzen kann.

Die Aufbruchstimmung in Mogadischu dämpft das nicht. Seit einigen Monaten gibt es sogar Straßenlaternen. „Mogadischu ist so sicher wie Kabul“, sagt ein fröhlicher Passant, und er meint es positiv. Einst galt Mogadischu als gefährlichste Stadt der Welt. Jetzt fliegt Turkish Airlines die Millionenstadt direkt an, und die USA wollen bald ein Konsulat eröffnen.
Das klingt nach der Normalität, die der Kaffeehausbesitzer Jama leben möchte – eine Normalität, die allerdings derzeit nicht ohne schwer bewaffnete Soldaten an jeder Straßenecke auskommt.

Außerhalb von Mogadischu allerdings weicht das Gefühl von Normalität schnell dem Eindruck von bleibender Not und anhaltender Skepsis. Fast eine Million Somalis leben laut UN-Flüchtlingshilfswerk derzeit noch in Flüchtlingslagern in den Nachbarländern, dazu kommen 1,1 Millionen intern Vertriebene.

„Natürlich möchte ich in meine Heimatstadt zurückkehren, wenn dort Frieden herrscht“, sagt Asli Abdulkadir Abdullahi. „Aber das sehe ich nicht.“ Als 19-Jährige floh sie aus Mogadischu, nachdem eine Granate im Wohnzimmer eingeschlagen und ihre Großmutter in Stücke gerissen hatte. Seit 13 Jahren ist sie auf der Flucht. In der Siedlung Jilab am Stadtrand von Garowe, der Hauptstadt von Puntland, einer Region im nordöstlichen Somalia, hat sie jetzt ein Restaurant eröffnet. Dort kocht sie Reis und Gemüse für die Arbeiter, die Steinhäuser für die ärmsten Flüchtlinge bauen. Jede noch so kleine Summe, die sie entbehren kann, spart Abdullahi für die Ausbildung ihrer Tochter. Zwei weitere ihrer Töchter sind auf der Flucht gestorben. Sie hat Grausamkeiten erlebt, über die sie nicht sprechen möchte.

Wer wie die Köchin Abdullahi in Jilab lebt, hat noch Glück gehabt. 600 Familien wohnen in der Siedlung, die die Hilfsorganisation World Vision mit staatlichen Hilfsgeldern aus Deutschland und den USA gebaut hat: zur einen Hälfte sind es Flüchtlinge, zur anderen Einheimische aus Puntland wie Mohammed Said. Gemeinsam mit seiner Frau Zaina ist Said in eines der zehn Quadratmeter großen Häuser gezogen. „Ich bin Soldat und arbeite für die Regierung von Puntland“, sagt Said. „Kameraden von mir sind mit ihren Waffen abgehauen, ich bin ehrlich, bin geblieben und sichere diese Siedlung“, so der Puntländer. „Aber seit sieben Monaten habe ich keinen Sold mehr bekommen!“

Die Regierung Puntlands wird jenseits ihrer selbst gesteckten Grenzen weder von der Zentralregierung noch von der internationalen Gemeinschaft als autonom anerkannt. Puntland liegt an der Spitze des afrikanischen Horns. Im Süden grenzt Puntland an Somalia, westlich schließt sich das ebenfalls nicht anerkannte Somaliland an, das sich 1991 unabhängig erklärt hat und wo bis heute weitgehend Frieden herrscht.

Von Puntlands Küste zogen in den vergangenen Jahren mit Maschinengewehren und Raketenwerfern bewaffnete Männer aus, um Frachter zu kapern und gegen hohes Lösegeld freizugeben. Über 130 Millionen Euro sollen Puntlands Piraten alleine 2011 verdient haben, trotz Marinepatrouillen von NATO und EU. Das große Geld aber machten Hintermänner, etwa somalische Geschäftsleute im Exil. Bei Puntlands Bevölkerung kam kaum etwas von den Millionen an. Der Landstrich gehört bis heute zu den am wenigsten entwickelten in ganz Afrika.

„Wir besitzen genau ein Fahrzeug, um Bedürftige zu erreichen“, erklärt Abdirazak Hersi Hassan, leitender Angestellter in Puntlands Gesundheitsministerium. „Viele Dörfer sind mehrere Tagesreisen entfernt, und die Hälfte der Bevölkerung lebt bis heute nomadisch – die können wir praktisch nicht versorgen.“ Bei fast allen Entwicklungsparametern liegt Puntland ganz hinten: 135 von 1.000 Kindern sterben vor ihrem fünften Geburtstag, der Durchschnitt liegt global bei 51. Die Impfraten waren lange einstellig, das Erreichen der Zweistelligkeit gilt als großer Erfolg. Ob die Zahlen die ganze Wirklichkeit abbilden, ist ungewiss, denn auch für genaue Statistiken fehlen Geld und Personal. „Ausgebildete Krankenschwestern oder Nothelfer zu finden, ist unser größtes Problem“, klagt Hersi.

Von Ärzten will er gar nicht reden: für 1,9 Millionen Puntländer gibt es davon gerade einmal 100, die meisten im Dienst von Hilfsorganisationen. Für Hersi bleibt nur, den Mangel zu verwalten. „95 Prozent unseres Etats sind externe Zuschüsse. Wir haben eine Gesundheitsstrategie entwickelt, aber ohne Geld von Hilfsorganisationen könnten wir davon nichts umsetzen.“ Und: Seit Hassan Sheikh Mohamud in Mogadischu Präsident ist, fließt das Geld dorthin anstatt nach Puntland.

Für die aus London zurückgekehrte Abyan Abdi Ahmed ist die Not in ihrer Wahlheimat Garowe, Puntlands Hauptstadt, eine Herausforderung. „Mir war immer klar, dass ich mich als Ernährungswissenschaftlerin nicht um fettleibige Kinder oder Wohlstandskrankheiten kümmern will – ich möchte die unterstützen, die wirklich Hilfe brauchen.“ Vorbild ist ihr Vater: „Mein Vater war Patriot: Er hat immer gesagt, wenn Leute wie ich gehen, wer soll dann das Land wieder aufbauen?“

In der Hitze des Innenhofs des Büros der Hilfsorganisation, in dem sie arbeitet, ist nur das Zirpen der Grillen zu hören. Abyan Abdi Ahmed denkt nach. „Ich habe Vertrauen in die Zukunft Somalias“, sagt sie schließlich. Es klingt wie ein Bekenntnis. Eines der Bekenntnisse, von denen die Zukunft Somalias abhängen könnte. 

Marc Engelhardt berichtet seit zehn Jahren aus Somalia. Sein Buch „Somalia – Piraten, Warlords, Islamisten“ ist im Verlag Brandes&Apsel erschienen (siehe Rezensionen Seite 38). Mehr Informationen unter somalia.unreporter.de

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