Sonne, Mond und Sterne

Von Ingrid Mazuelos León ·

Inti (Sonne auf Quechua) Wara (Mond auf Aymara) Yassi (Sterne auf Guaraní) heißt eine bolivianische Organisation, die mit Straßenkindern misshandelte Tiere pflegt.

Vor den überraschten Blicken der Fußgänger lässt sich Juan Carlos Antezana mitten im Zentrum von La Paz sieben Stunden lang in einen 60 x 60 cm kleinen Käfig sperren. So demonstriert er der Bevölkerung die qualvolle Situation, in der sich in Gefangenschaft lebende Tiere aus dem Urwald befinden. Er fordert von der Regierung die Einhaltung der Rechte von frei lebenden Tieren sowie verschärfte Gesetze gegen die Zerstörung der Urwälder. Auch in Bolivien schwindet der Regenwald Tag für Tag, meist durch absichtlich gelegte Brände, um große Flächen in Weideland umzuwandeln. Aber nicht nur durch die Brandrodungen sind viele Tierarten bereits vom Aussterben bedroht, auch die Wilderei stellt ein ernstzunehmendes Problem für das ökologische Gleichgewicht dar.
In der auf fast 4.000 Meter über dem Meer gelegenen Andenstadt La Paz sind Tiere anzutreffen, die man im Dschungel kaum zu Gesicht bekommt. Papageien, Schlangen, Affen und sogar Jaguare werden in Kisten und Säcke gepfercht und auf den zahlreichen Märkten als Haustiere angeboten. Oft töten die Wilderer die Muttertiere, die Jungen werden gefangen genommen und verkauft. Obwohl Wilderei in Bolivien verboten ist, halten sich nur wenige an das Gesetz.
Juan Carlos Antezana, der Gründer der Organisation Inti Wara Yassi, durchkämmt die Märkte, um misshandelte Tiere zu befreien. Er sucht ebenfalls den Dialog mit den Menschen, um ihnen das große Unrecht, das den Tieren und der Natur damit angetan wird, bewusst zu machen.

Die Wurzeln des Projekts reichen eigentlich bereits in die 1970er Jahre zurück, in die Zeit der Militärdiktatur unter General Banzer. Antezana wohnte in einem Armenviertel von El Alto, der Zwillingsstadt von La Paz (s. SWM 3/06), ohne Fließwasser und Strom. Nur wenige Kinder gingen damals hier zur Schule. „Eines Tages kam ich an diesen Ort“, erzählt er, „ich sah die Not der Kinder und beschloss, meine Arbeit zu kündigen, um mit diesen Menschen zu leben. Sie haben mich gelehrt, ihre Brüder, die Bäume und die Tiere, zu lieben und zu schützen.“ Vorher hatte er als Freiwilliger in psychiatrischen Krankenhäusern und als Kunstlehrer gearbeitet.
Antezana zeigte den Kindern und den Familien, wie sie sich durch einfache Handwerksarbeiten erhalten können. Er bereiste mit den Kindern verschiedene Orte, damit diese mehr über ihr Heimatland erfuhren. Auf einer Wanderung kam er damals an einem abgebrannten Waldstück vorbei. Zwei sterbende Schlangen krümmten sich in der Asche vor Schmerzen. Das schockierende Erlebnis bewegte die Kinder und Juan Carlos, 1992 eine Bewegung zu gründen. Sie gingen damit an die Öffentlichkeit und erhielten nach und nach vermehrte Aufmerksamkeit. 1996 fanden sie schließlich in Villa Tunari im tropischen Chapare am Rande des bolivianischen Regenwaldes ein geeignetes Areal, um ein Refugium für misshandelte Wildtiere zu errichten.
Das Gebiet umfasst rund zweihundert Hektar. Da der Zuwachs an misshandelten Tieren aber immer größer wurde, erwarb die Organisation mit Hilfe von Spendengeldern ein weiteres Areal zwischen Santa Cruz und Trinidad, um den noch größeren Rehabilitationspark Ambue Ari zu errichten.
Täglich kommen nun neue Tiere in jämmerlichem Zustand in den beiden Parks an. Hier werden sie gepflegt, um sie nach der Phase der Rehabilitation in die freie Wildbahn zu entlassen. Mittlerweile sind es schon mehr als tausend Tiere. Sie alle stammen aus dem illegalen Besitz privater Haushalte, aus Zirkussen und Hotels, wo sie unter miserablen Verhältnissen gehalten wurden. Die meisten Tiere können nach der Pflege problemlos in die Freiheit entlassen werden.
Schwieriger stellt sich die Situation mit den Wildkatzen dar, die durch die private Haltung an Menschen gewöhnt sind. Da diese das Jagen verlernt haben, könnten sie sich auf ihrer Nahrungssuche den Dörfern nähern und den Menschen gefährlich werden.

Antezana bewirkt mit seinem Team von Inti Wara Yassi jedoch viel mehr, als Tiere aus ihrer Verwahrlosung und Gefangenschaft zu retten. Schon bald hat er erkannt, dass sich die Lebensbedingungen der gefangenen Tiere und die der Straßenkinder der Großstädte ähneln. Ein wichtiger Bestandteil des Projekts ist es daher, Kinder aus zerstörten Familien und Waisen einzubinden.
Juan Carlos weiß, wo diese anzutreffen sind. Unter der Brücke von Las Américas in La Paz suchen sie Unterschlupf. Der Fluss, der später in den Amazonas mündet, gleicht hier einer Müllhalde. Die schutzlosen Kinder sind sexueller Gewalt und Drogen ausgesetzt. Viele von ihnen schnüffeln Klebstoff, um das Hungergefühl und die Kälteempfindlichkeit zu mildern und den harten Alltag besser zu ertragen. Trotz der trostlosen Lebensbedingungen ist es jedoch kein leichtes Unterfangen, die Kinder von der Straße wegzubringen. Hunderte oder sogar Tausende, die genaue Anzahl ist nicht bekannt, teilen in La Paz ein ähnliches Schicksal. Um auf der Straße besser überleben zu können, bewegen sich die meisten Kinder in Gruppen. Es bilden sich soziale Gefüge, in denen sie sich gegenseitig beistehen. Die Gruppe ersetzt für viele Kinder die Familie.
Obwohl es zahlreiche Hilfsprojekte für Straßenkinder gibt, ist die Rückfallsquote sehr hoch. Juan Carlos gab jedoch die Hoffnung nicht auf. Er versuchte, die Kinder zu überreden, in den Park mitzukommen. Die Natur sollte es ihnen erleichtern, die schlimmen Erlebnisse auf der Straße verarbeiten zu können. Zwang besteht keiner, jeder kann einfach einmal mitkommen, um mit Jaguaren, Affen, Schlangen und Papageien Bekanntschaft zu machen. Die Idee ist, dass die traumatisierten Tiere und Kinder einander begegnen und sich helfen, Vertrauen und Liebe wieder zu entdecken.

Antezana erzählt die Geschichte von Juan Carlos Tola: „Der Kleine wohnte in einem Waisenhaus in Cochabamba. Als er in den Park kam, sprach er kaum ein Wort. Er zeigte autistische Verhaltensweisen, in seiner eigenen imaginären Welt lebend, und kommunizierte mit niemandem. Eines Tages fanden wir am Wegrand zehn kleine Junge eines Langschwanzwiesels. Um sie zu retten, nahmen wir sie mit. Diese Tiere sind nicht sonderlich beliebt bei den Menschen. Sie werden oft getötet, da sie sich den Wohngebieten nähern und dort Hühner und Eier fressen.
Juan Carlos Tola sah die Kleinen und adoptierte sie auf der Stelle. Er nahm sie mit in sein Bett, gab ihnen Milch und versorgte sie mit aller Liebe wie Mutter und Vater. Nach einigen Tagen starben drei der Jungtiere. Juan Carlos verfiel in ein unkontrollierbares Schluchzen. Er war zum ersten Mal im Stande, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen, seitdem er in den Park gekommen war. Als die restlichen Wiesel größer wurden, gab er ihnen Fleischstücke. Er übernahm die absolute Vaterrolle für diese Tiere, bis der Moment kam, sie in ihre Freiheit zu entlassen. Durch dieses Erlebnis gelang es dem Kind, den Halbautismus, in dem es gefangen war, zu durchbrechen. Juan Carlos entwickelte sich zu einem sehr kommunikativen Menschen. Heute ist er bereits neunzehn Jahre alt und betreut gemeinsam mit Vladimir das Areal der Affen.“
Auch Vladimir ist als Kind in den Park gekommen, um dem Alkohol und der Gewalt zu entfliehen und dort ein neues Leben zu beginnen.

Die Aufrechterhaltung des Projekts erweist sich jedoch als nicht einfach, denn Unterstützung seitens der Regierung gibt es so gut wie keine. In Bolivien existieren zu viele Bereiche, in denen Geld dringend benötigt wird. Außer dem Tierarzt sind alle MitarbeiterInnen von Inti Wara Yassi bolivianische Kinder und ausländische Freiwillige. Sie kommen aus der ganzen Welt – ohne sie wäre die Weiterführung des Projekts kaum möglich. Für Unterkunft und Mahlzeiten muss nämlich bezahlt werden, und mit diesen Einnahmen und Spendengeldern kann das Projekt finanziert werden.
Mittlerweilen zählt die Organisation zahlreiche Unterstützungsgruppen außerhalb Boliviens, die von zurückgekehrten Volontären in Nordamerika, England, der Schweiz und Israel betrieben werden. Die weltberühmte Primatenforscherin Jane Goodall hat Juan Carlos Antezana zu einem ihrer fünf Helden auserkoren, deren Geschichte sie beim Sender TV-Animal Planet präsentiert (www.animal.discovery.com). Solche Anerkennungen und die sichtbaren Erfolge bei der Arbeit mit den Kindern und Tieren geben Juan Carlos und seinem Team Kraft zum Weitermachen.

Die Autorin studierte Kommunikationswissenschaft und Spanisch an der Universität Salzburg. Nach einem längeren Aufenthalt in Bolivien ist sie derzeit als Marketing-Leiterin tätig.

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