Sonst sucht sich der Schmerz seinen Weg in dir

Esther Mujawayo überlebte den Völkermord in Ruanda mit ihren drei Töchtern, ihr Ehemann und die meisten ihrer Angehörigen wurden getötet. Mit anderen Witwen gründete die ehemalige Oxfam-Mitarbeiterin die Hilfsorganisation Avega für überlebende Frauen und Kinder und machte eine Therapie-Ausbildung. In dem Auszug aus ihrem Buch „Ein Leben mehr“ erzählt sie von der therapeutischen Arbeit bei Avega.

Von Esther Mujawayo
Das erste Zuhören, in der Therapie, das ist lebenswichtig für die Opfer. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Ich habe ja schon gesagt, dass es in unserem Wortschatz auch den Begriff „Trauma“ nicht gab. Anfangs benutzten wir zum Ausdruck der sichtbaren Beschwerden das Wort guhahamuka, was wörtlich so viel bedeutet wie „seine Lungen zu Schau tragen“, aber das ist sehr abwertend, denn jemand, der igihamuke ist, also seine Lungen zur Schau trägt, kann sich nicht kontrollieren, schrickt bei jeder Kleinigkeit zusammen, redet zu laut oder fährt andere ohne Grund barsch an.
Da dieser Begriff voraussetzt, dass du für dein Verhalten verantwortlich gemacht werden kannst oder dir eines Fehlverhaltens bewusst bist, hätte sein Gebrauch dazu führen können, dass die Betreffende Schuldgefühle entwickelt, weil sie Sorgen hat. Der Begriff war also ungeeignet. Wir Therapeutinnen von Avega und anderen ruandischen Organisationen haben schließlich das Wort guhungabana gewählt, das „stark destabilisiert sein“ bedeutet und gleichzeitig ausdrückt, dass der Grund für die Instabilität nicht bei der betreffenden Person selbst zu suchen ist.
Die Erweiterung unseres Wortschatzes um Begriffe, die wir mit Bedacht erarbeitet hatten, brachte für unsere Patientinnen bei Avega eine enorme Erleichterung, weil die Überlebenden oft das Gefühl haben, sie selbst seien verrückt. Angst davor, nicht mehr ganz richtig im Kopf zu sein, dafür ist in unserer Sprache ubwenge bwarayaze gebräuchlich, wörtlich „der Verstand (den man hat) ist „geschmolzen“, und dieser Ausdruck findet meist bei Traumapatienten Anwendung. Wenn eine von ihnen zum Beispiel aus dem Haus geht und unterwegs vergisst, wohin sie wollte, und glaubt, nun verliere sie den Verstand.

Hier sei unbedingt auf Folgendes hingewiesen: Ein traumatisierter Mensch sagt selbst nie, dass er ein Trauma hat, weil er sich dessen ja nicht bewusst ist. Auf diese Entschlüsselung legen wir bei Avega großen Wert: Das fiel uns leicht, wenn ich das so sagen darf, weil wir an den Frauen, die zu uns kamen, sehr schnell unsere eigenen Symptome erkannten. Ein Beispiel: Keine Überlebende, ob sie Arbeit hatte, arbeitslos war, Witwe oder noch verheiratet, Mutter oder unverheiratet, wohlhabend oder nicht, machte morgens früh mehr ihr Bett, und jede dachte, sie wäre die Einzige, der es so ging. Erst im Laufe der Zeit und vor allem durch die vielen Gespräche und den Erfahrungsaustausch mit Überlebenden entwickelten wir eine Art Traumaschema oder besser, wir stellten eine Liste der Symptome zusammen. […]
Zuerst musste Schluss sein mit der Heimlichtuerei. In sehr zurückhaltendem Ton, aber sichtbar mitteilungsbedürftig hatte uns eine Patientin erzählt, dass sie sich nicht wieder erkannte, weil sie die Geduld verlor, wenn ihre Kinder Lärm machten; eine andere hat erzählt, sie glaube, noch immer ihre Familie zu sehen, obwohl sie genau wusste, dass die umgebracht worden war, auf einer Straße; eine dritte konnte ein Medikament nicht mehr in Form von Sirup zu sich nehmen, weil Sirup sie an das Sperma bei ihrer Vergewaltigung erinnerte; und wieder eine andere war losgegangen, ihre Tante zu besuchen, und hatte sich stattdessen irgendwo im Feld verirrt … Allen Frauen, die sich für verrückt hielten, weil sie ihr Gedächtnis verloren hatten, die ständig Angst hatten, Halluzinationen, schlaflose Nächte oder Albträume, aber nie den Mut, sich zuzugestehen, dass der Genozid selbst, den sie erlebt hatten, ein Verlust an Verstand war, allen den Frauen haben wir vor Augen geführt, dass ihre vermeintlich anormalen Symptome völlig normal sind und dass die eigentliche Anormalität in dem Unfassbaren liegt, das sie durchlitten haben. Und wir betonten dabei, dass sie ihr Gefühl, wahnsinnig zu sein, unbedingt aussprechen, es unbedingt äußern müssen, denn „wenn du es in dir behältst, ohne es in Worte zu fassen, sucht sich dieser Schmerz immer weiter seinen Weg in dir“, erklärten wir ihnen und verwandten dabei oft dieses Bild. [...]

So haben wir den Müttern und Mädchen sehr einfach und anschaulich erklärt, was Somatisierung bedeutet, und im nächsten Schritt, was ein Trauma ist. Und sie hörten uns zu, aufmerksam, erleichtert. Danach, regelmäßig, konntest du sehen, wie sich eine der Patientinnen in ihrem Stuhl aufrichtete, sich den Rücken hielt und dir seufzend sagte, ja, die Schmerzen im unteren Rücken, seit Monaten, die hat sie im Grunde seit dem Tod ihrer Kinder ... Vor allem aber sagten sich die traumatisierten Frauen, es ist nicht ihre Schuld, dass es ihnen so schlecht geht, der Grund dafür liegt in dem, was sie durchgemacht haben.

Copyright: Peter Hammer Verlag GmbH, Wuppertal 2005

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