Sozialprojekt Kosmetik

Von Christa Wüthrich · · 2010/11

In Burkina Faso haben junge Frauen selten die Chance, eine Ausbildung zu absolvieren. Ein Projekt in der Hauptstadt Ouagadougou bildet Mädchen aus den ärmsten Familien zu Kosmetikerinnen und Maskenbildnerinnen aus. Eine Erfolgsgeschichte.

Evrad Nadège ist neunzehn Jahre alt. Sie lebt in einem kleinen Dorf rund 45 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. In einem winzigen Raum schläft sie zusammen mit den Eltern und den vier Geschwistern. Elektrizität sucht man hier vergebens. Für frisches Trinkwasser marschiert sie täglich eine Stunde lang mit einem gelben Plastikkanister zum nächsten Brunnen. Gegessen wird nur eine Mahlzeit pro Tag, mehr geben die Getreidefelder, welche die Familie bewirtschaftet, nicht her. Trotzdem zählt sich Evrad zu den Glückskindern im Dorf.

Bis zur fünften Klasse besuchte sie die Schule – und gehört damit zu den wenigen Menschen im Land, die lesen und schreiben können. An die 70 Prozent der erwachsenen Burkinabés sind AnalphabetInnen. Kurz vor ihrem 18. Geburtstag begann Evrad als Hausmädchen bei einem entfernten Verwandten in der Hauptstadt Ouagadougou zu arbeiten. Für die Schule war sie nun eindeutig zu alt. Um eine Lehre zu absolvieren, fehlte das Geld. Trotzdem bekam die junge Frau die Chance, mit einer Ausbildung als Kosmetikerin zu beginnen.

„Für Mädchen wie Evrad, welche aus bildungsfernen Familien kommen und aus eigener Kraft nie eine Ausbildung absolvieren könnten, haben wir einen Förderverein gegründet, der für die Kosten der Lehre aufkommt“, erklärt Bea Petri. Die Schweizerin ist Maskenbildnerin und kam 2008 durch Zufall nach Burkina Faso. „Im Auftrag der Schweizer Organisation Swisscontact führte ich in Ouagadougou eine Schulung für zukünftige Maskenbildnerinnen durch“, erinnert sich die 55-Jährige. Gastgeberin war die Einheimische Safi Ouattara Diallo. Die 40-jährige Besitzerin der Schneiderinnenschule Nas Mode wollte ihr Kundenangebot um den Bereich Kosmetik und Maskenbild erweitern, fand jedoch keine Fachperson, welche die zukünftigen Maskenbildnerinnen hätte ausbilden können. Denn Ouagadougou gilt zwar als eine der Filmmetropolen des afrikanischen Kontinents mit einem eigenen internationalen Filmfestival (siehe SWM 04/09). Doch bis jetzt wurden die MaskenbildnerInnen für die Filmproduktionen aus dem Ausland eingeflogen. In Burkina Faso selbst gab es keine ausgebildeten Make-up-Profis.

In den vier Wochen, welche die Schweizer Maskenbildnerin in Ouagadougou verbrachte, entwickelte sich jedoch nicht nur eine enorme Lernbereitschaft bei den Schülerinnen, sondern auch eine tiefe Freundschaft zwischen Bea Petri und Safi Ouattara Diallo. Die beiden Frauen beschlossen kurzerhand, ein gemeinsames Ausbildungsprojekt für Kosmetik und Maske zu realisieren, und gründeten das Unternehmen Nas Mode Esthétique.

Bea Petri reist nun jedes Jahr für einige Wochen nach Ouagadougou, um sich um die Ausbildung und Weiterbildung der Lehrerinnen und Schülerinnen zu kümmern. Die Klassenbesten werden zusätzlich als Maskenbildnerinnen geschult. Im Gegenzug verbringt Safi Ouattara Diallo im Frühling jeweils einen Monat in der Schweiz, um in der „Schminkbar“ ihrer Geschäftspartnerin in Zürich die neusten Kosmetik- und Maskentrends zu entdecken. Für rund ein Dutzend Mädchen übernimmt der von Bea Petri in der Schweiz gegründete „Förderverein NAS Mode“ die Schulkosten.

Eine der unterstützten Schülerinnen ist Evrad Nadège. „Ich habe nicht einmal zu träumen gewagt, je eine richtige Ausbildung absolvieren zu können. In meiner Familie hat das noch niemand geschafft“, gesteht Evrad und fügt hinzu: „Es ist, als ob du neu auf die Welt kommst.“ In ihr Dorf kehrt sie nur noch während der Ferien zurück, um den Eltern bei der Feldarbeit zu helfen. „Nach der Ausbildung möchte ich hingegen mein eigenes kleines Studio in der Hauptstadt eröffnen und dadurch meine Familie unterstützen.“ Die Chancen, dass Evrad ihre Pläne umsetzten kann, stehen gut. An die 80 Prozent der Schulabgängerinnen von NAS Mode finden nach der zweijährigen Ausbildung zur Kosmetikerin eine Arbeitsstelle oder machen sich selbstständig. Eine Ausgangssituation, die in Burkina Faso Seltenheitswert hat. Etwa 70 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung sind ohne Job.

Die ersten zwei ausgebildeten Maskenbildnerinnen sind mit ihrer Lehrtätigkeit an der Schule sowie mit Aufträgen bereits ausgelastet. Eine von ihnen ist Emma Zoungaina. „Ich kümmere mich beim nationalen Fernsehsender um den tadellosen Auftritt der Moderatorinnen und Moderatoren. Der Sender bezahlt keinen Lohn in Geld, sondern strahlt dafür Werbespots für die Schule aus“, erzählt die 22-Jährige und ergänzt: „Zu unseren Kunden gehören nicht nur Journalistinnen und Journalisten, sondern auch Brautleute, Models, Kinder bei Maskenpartys oder reiche Burkinabés, die auf ihr Äußeres besonderen Wert legen.“ Eine Gesichtsbehandlung kostet 5.000 CFA (etwa 7,60 Euro), für ein Make-up werden an die 2000 CFA (3 Euro) verrechnet. Wer denkt, dass sich die Ausbildung nur auf rein schminktechnische Aspekte reduziert, irrt. Es zählen auch Service, Produktkenntnis und Beratung. „Viele junge Frauen benutzen quecksilberhaltige Cremen, um ihre Haut aufzuhellen. Die Produkte sind jedoch gefährlich. Die Folgen sind eine zerstörte, vernarbte Haut. Hier ist Information bei den Schülerinnen wie den Kundinnen wichtig.“

Emma selbst stammt aus einer polygamen Familie: ein Vater, drei Frauen, 18 Kinder. Man werde zum Kämpfen geboren. Emma hat nicht nur eine Schulung zur Maskenbildnerin in der Tasche, sondern ist auch ausgebildete Schneiderin. Man müsse im Leben flexibel bleiben, um bereit zu sein, wenn die große Chance komme. Zusammen mit zwei anderen jungen Frauen bewohnt sie bis dahin ein kleines Zimmer in der Nähe der Schule – und hofft bald auf einen ersten Auftrag aus der Filmindustrie.

„Im Moment sind wir für Filmprojekte noch unterbesetzt. Sobald wir auf ein Team von Maskenbildnerinnen zurückgreifen können, werden wir auch in der Filmproduktion unsere Aufträge akquirieren“, analysieren Bea Petri und Safi Ouattara Diallo die Situation. Das Ausbildungsprojekt der beiden Frauen wirft jedoch auch Fragen auf und lässt Kritik aufkommen. Was nützen Lidschatten und Wangenrouge, wenn Menschen weder Essen noch Arbeit haben? Sollte man nicht besser das Geld für ein bodenständiges, erprobtes Projekt einsetzen? „Fachleute für Maske, Kosmetik, aber auch Styling und Kostüm sind in Ouagadougou mit seinen Film- und Showproduktionen gefragt. Und genau dieser Nachfrage werden wir gerecht“, betonen die zwei Unternehmerinnen. Bis 2013 sollen die heutigen Räume der Schneiderinnenschule so wie der Kosmetikausbildung durch ein modernes Ausbildungszentrum und Internat ersetzt werden. Bauland und Pläne stehen bereit. Ein Teil der benötigten 230.000 Euro sind dank dem Förderverein und Spenden gesichert. Für rund 200 junge Leute wird die Schule in Zukunft Ausbildungsmöglichkeiten bieten – und für Mädchen wie Evrad unverhoffte Perspektiven eröffnen.

Christa Wüthrich ist freie Journalistin und arbeitet für verschiedene Printmedien (www.wuethrich.eu).

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