Spielräume aufzeigen

In Wien fand ein Workshop zu Friedensjournalismus mit Johan Galtung statt.

Von Irmgard Kirchner
Journalisten kommen dann, wenn es raucht?, und das sei zu spät. Zu spät für Friedensjournalismus zumindest, meinte der berühmte norwegische Friedensforscher Johan Galtung beim Seminar ?Friedensjournalismus?, das am zweiten September-Wochenende in Wien stattfand. Wer Konflikt mit Gewalt verwechsle, käme über eine Symptombehandlung nicht hinaus. Die Aufgabe von JournalistInnen sei es, erklärte Galtung, die Welt transparenter zu machen und damit ?Rohmaterial? für den Frieden zur Verfügung zu stellen. Dazu gehöre unter anderem, aufzuzeigen, wie viele verschiedene Seiten es bei jedem Konflikt gebe. Galtung: ?Von nur zwei Parteien auszugehen, ist immer falsch!? Insbesondere solle in der Berichterstattung nicht auf die friedlichen, konstruktiven Stimmen vergessen und sollen mögliche Spielräume aufgezeigt werden. Viele Journalisten hätten eine uneingestandene Sehnsucht nach Gewalt, überdies würden sie sich auf die Sichtweise der Eliten konzentrieren.

Frauen hält Galtung für talentierter, was Friedensjournalismus anbelangt.

Der Friedensforscher kritisierte unter anderem die gewaltfixierte Berichterstattung über die Demonstrationen im Umfeld internationaler Tagungen (in denen er übrigens den Beginn einer Weltrevolution, mit Parallelen zur französischen Revolution, sieht). Derartige Berichte blendeten die Sichtweisen sowohl der Gewaltlosen als auch der Regierungen aus. Bekämpft werde von den DemonstrantInnen nicht die Globalisierung schlechthin,sondern jene ?von oben?: Monetarisierung und Privatisierung. In den Protesten ginge es um Solidarität. Die Regierenden könnte man in diesem Zusammenhang als ?SolidaritätsgegnerInnen? bezeichnen und die Demonstrierenden als ?Solidaritätsfreunde?.

Der siebzigjährige Mitbegründer der Friedensbewegung legt große friedensjournalistische Hoffnungen auf die neuen globalen Medien, die nicht als Sprachrohr für Kapital und Nationalstaaten fungieren. Innerhalb der etablierten Medien schlägt er die Installierung von so genannten ?FriedenskorrespondentInnen? vor. Mögliche Themen für eine regelmäßge Friedensberichterstattung, für die Galtung eine ?latente Kundschaft? sieht: Berichte über friedliche Länder, über friedensfördernde, der Völkerverständigung dienende Initiativen, Geschichten von Menschen, die für den Frieden arbeiten oder Friedensvorschläge ?

In Österreichs Medien hat Galtung seine Spuren hinterlassen: Sein eigener Friedensvorschlag für Nahost wurde wenige Tage später in einer österreichischen Qualitätszeitung, deren Außenpolitikchefin an dem Workshop teilgenommen hatte, zitiert.

Als nächster Schritt ist ein Seminar mit internationalen Fachleuten zu praktischen Übungen in ?Friedensjournalismus? geplant.

Weitere Empfehlenswerte Links zu Friedensjournalismus: www.reportingtheworld.org
www.transcend.org

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