Subversives Schreiben

Warum Ngũgĩ wa Thiong’o nur mehr auf Gĩkũyũ schreibt.

Von Tobias Lambert
Schriftkundig und entmachtet: Prempeh I., der einst mächtige Herrscher des Reiches Asante in Westafrika, wurde 1900 von den Briten auf die Seychellen verschleppt und durfte erst 1924 in die Kolonie Goldküste zurückkehren.© Basel Mission / Mission 21

17 Jahre lang schrieb Ngũgĩ wa Thiong’o auf Englisch. 1977 entschied er sich dazu, belletristische Werke fortan ausschließlich in seiner Muttersprache Gĩkũyũ zu verfassen. Warum es für ihn nur diese eine Option geben konnte, skizziert der große kenianische Autor in der Essaysammlung „Dekolonialisierung des Denkens“, die 1986 sein letztes in englischer Sprache geschriebenes Buch werden sollte. Darin schildert Ngũgĩ wa Thiong’o, wie er als Kind in der Schule plötzlich dazu gezwungen wurde, Englisch zu sprechen. In vielen afrikanischen Ländern ist das ähnlich: Im Bildungssystem, unter Eliten und in den Leitmedien dominieren Englisch, Französisch oder Portugiesisch. Afrikanische Sprachen gelten hingegen als rückständig, was einen Großteil der Bevölkerung von politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Teilhabe ausschließt.

Endlich übersetzt. Nun liegen die „Essays über afrikanische Sprachen in der Literatur“ endlich in deutscher Übersetzung vor. Abgesehen von ihrem etwas angestaubten antiimperialistisch-marxistischen Duktus haben die Texte nichts an Aktualität verloren. Ngũgĩ wa Thiong’o zeichnet den geistigen Kolonialismus nach, der die Unabhängigkeit der afrikanischen Staaten überdauert hat. Sprachen sind für ihn weit mehr als nur Kommunikationsmittel, sie prägen das kollektive Gedächtnis von Gesellschaften. Vehement distanziert er sich von jenen SchriftstellerInnen aus Afrika, die in den alten Kolonialsprachen schreiben. Afrikanische Literatur könne hingegen nur „in den Sprachen der afrikanischen Bauernschaft und Arbeiterklasse“ geschrieben werden.

Da die ungleichen Machtbeziehungen zwischen den Sprachen auf andere gesellschaftliche Ungleichheiten verwiesen, sei das Schreiben in afrikanischen Sprachen letztlich subversiv. Ngũgĩ wa Thiong’o weiß, wovon er spricht. Nachdem er ein Theaterprojekt in seiner Muttersprache ins Leben gerufen hatte, musste er das Jahr 1978 im Gefängnis verbringen und anschließend ins Exil gehen.

Erhellende Extras. Den Band ergänzen in der deutschen Übersetzung erhellende Aufsätze afrikanischer AutorInnen, die den Einfluss von Ngũgĩ wa Thiong’os Essays auf ihr eigenes Schaffen darlegen. In diesem letzten Teil blitzt auch hin und wieder auf, dass die Debatte insgesamt komplexer ist, als es Ngũgĩ wa Thiong’o selbst darstellt. Besonders interessant ist der Text von Petina Gappah aus Simbabwe, die selbst auf Englisch schreibt. Sie erzählt, wie sehr ihr die Essays dabei geholfen haben, ihre Muttersprache Shona wiederzuentdecken. Da sie selbst in frühen Jahren auf Englisch unterrichtet worden war, sieht sie sich jedoch nicht in der Lage, auf Shona „gefühlsbetont und musikalisch“ zu formulieren. Afrikanische Literatur schreibt sie selbstredend dennoch.

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