Tausend Hügel, Millionen Erinnerungen

Von Richard Solder · · 2024/Jan-Feb
Ruanda (Blick in den Westen des Landes), das „Land der tausend Hügel“, sucht weiter den Weg in die Zukunft. © Godong / robertharding / picturedesk.com

Wie in Ruanda Gedenkorte, lokale Gerichte, Literatur und Erfahrungen aus der Traumatherapie bei der Mammutaufgabe helfen, mit dem Erbe des Genozids an den Tutsi 1994 umzugehen.

Ein dunkles Kapitel der Menschheitsgeschichte jährt sich bald zum 30. Mal: Der Völkermord an der Tutsi-Minderheit in Ruanda. Radikalisierte Hutu töteten in der Zeit zwischen 7. April und Mitte Juli 1994 mehr als 800.000 Menschen, manche Schätzungen gehen von einer Million Menschen aus. Tutsi, gemäßigte und oppositionelle Hutu wurden regelrecht niedergemetzelt. Es kam zu Massenvergewaltigungen. Der Genozid destabilisierte die ganze Region. Die Folge war u. a. eine gewaltige Fluchtbewegung, mehr als zwei Millionen flohen vor dem Morden.

Im Vorfeld betrieben extremistische Hutu, u. a. über Radiosendungen, massive Hetzpropaganda gegen die Bevölkerungsgruppe der Tutsi.

Erst der militärische Sieg der Rebellenarmee der RPF unter der Führung des späteren und bis heute amtierenden Präsidenten Paul Kagame am 14. Juli 1994, die im April von Uganda aus in das Land einmarschiert waren, beendete das Töten.

Platz für Gedenken. Wie umgehen mit so einer Katastrophe? Und wie können die Menschen danach wieder Tür an Tür zusammenleben?

2001 waren sogenannte Gacaca-Gerichte eingerichtet worden, bei denen Täter und Opfer aufeinandertrafen. Auf der einen Seite, um das staatliche Rechtssystem zu entlasten. Zudem kam so die Aufarbeitung des Völkermordes in die ländlichen Gebiete und „unters Volk“. Gacaca sprachen Recht nach traditioneller Art und Weise, bei der alle Streitparteien von den Dorfältesten angehört werden.

Ruanda erinnert mit einer jährlichen Gedenkzeit, genannt „Kwibuka“, was in der Amtssprache Kinyarwanda „Erinnern“ heißt. Sie beginnt am 7. April und dauert hundert Tage. Zudem wurden mehrere Erinnerungsstätten errichtet. Zehn Jahre nach den Massakern eröffnete in Kigali das Genocide Memorial, das mittlerweile zum Unesco-Welterbe zählt. Das Erinnern wurde so im „Land der tausend Hügel“ landauf, landab verortet.

Ruanda

Hauptstadt: Kigali

Fläche: 26.340 km2 (1/3 der Fläche Österreichs)

Einwohner:innen: 13,78 Millionen  

Human Development Index (HDI): Rang 165 von 191 (Österreich 25)

BIP pro Kopf: 966 US-Dollar (2022, Österreich: 52.131 US-Dollar)

Regierungssystem: Präsidialrepublik. Seit 2000, de facto seit dem Ende des Genozids, regieren Staatschef Paul Kagame und seine Partei, die Ruandische Patriotische Front (RPF), das Land. Die RPF wurde, nicht zuletzt als militärische Streitkraft, Mitte der 1980er Jahre im Nachbarland Uganda von exilierten Tutsi gegründet.

Daneben spielte bald die Verarbeitung der Geschehnisse in Büchern eine Rolle. Die Afrikawissenschaftlerin Martina Kopf von der Universität Wien forscht zu afrikanischen Literaturen, u. a. zu literarischer Zeugenschaft in Bezug auf den Genozid in Ruanda. Das meiste, was in den Jahren unmittelbar nach dem Genozid darüber publiziert wurde, war von Autor:innen aus Europa und den USA.  Aus diesem Grund startete der tschadische Journalist Nocky Djedanoum 1998 ein Projekt: Literat:innen aus verschiedenen afrikanischen Ländern wurden eingeladen, zu Ruanda zu recherchieren und zu publizieren, „um ein literarisches Gedächtnis zu schaffen“, erklärt Kopf. „Das Projekt war sehr mutig. Die Initiatior:innen beantworteten die Frage, ob Literatur, ob Kunst ein adäquates Mittel ist, um solche unfassbare Unmenschlichkeiten zu vermitteln, klar mit ‚Ja‘!“

Von Ruanda lernen. Im Zuge des Projektes wurden Bücher veröffentlicht, die einiges zur Aufarbeitung beitrugen, etwa von Boris Diop und Véronique Tadjo.

Über gut recherchierte, aber in Romanform umgesetzte Geschichten konnten unterschiedliche Perspektiven wahrgenommen werden – u. a. jene von Tätern.

Kann man aus der Aufarbeitung des Genozids an den Tutsi Lehren ziehen, wie man auch anderenorts mit Hetze, Hass und unvorstellbaren Grausamkeiten umgehen kann? „Ich finde, Dinge daran sind übertragbar“, sagt Wissenschaftlerin Kopf, und weist auf die Arbeit der Ruanderin Esther Mujawayo hin.

Mujawayo, Soziologin, Traumatherapeutin und selbst Überlebende des Genozids, arbeitete mit vielen Betroffenen. Und sie verfasste zwei Bücher: „Ein Leben mehr – Zehn Jahre nach dem Völkermord in Ruanda” und „Auf der Suche nach Stéphanie – Ruanda zwischen Versöhnung und Verweigerung”.

Für Mujawayo steht fest: Nach dem Genozid war es vor allem wichtig, für Überlebende existenzielle Grundlagen zu schaffen. Statt Traumaprogrammen wäre in der ersten Phase praktische Unterstützung gefragt gewesen, etwa Unterkünfte zu organisieren oder den Menschen die Möglichkeit zu geben, Angehörige zu suchen – generell ein zentrales Thema in der Zeit nach Katastrophen.

Ausländische Hilfsorganisationen seien oft mit falschen Vorstellungen gekommen, wie mit traumatisierten Personen umzugehen sei. Mujawayo, die später nach Deutschland zog, hat sich in weiterer Folge international vernetzt. Sie ist Mitbegründerin von AVEGA, der Vereinigung von Witwen des Genozids vom April 1994. Zu ihren Klient:innen gehörten viele Frauen, die im Zuge des Genozids vergewaltigt wurden. Aus Scham konnten sie oftmals lange nicht über die Geschehnisse sprechen und kämpfen über Jahrzehnte oder ihr ganzes Leben damit.

Faktor Stabilität. Immer wieder berichtete Mujawayo über den Umgang mit Überlebenden des Genozids. Und dabei sieht sie durchaus Grund für Hoffnung und Perspektive in Ruanda – trotz der vielen traurigen Geschichten, die sie in ihrer Arbeit hört: „Aus der schlimmsten, schrecklichsten Erfahrung ist es uns gelungen, etwas Gutes, etwas Schönes zu schaffen“, formulierte es Mujawayo 2018 gegenüber der Deutschen Welle. Stabilität, so eine ihrer Botschaften in Interviews und Vorträgen, ist für lange Zeit das Allerwichtigste für Betroffene.

Und Stabilität ist etwas, das der einstige General und Tutsi Paul Kagame liefern konnte – nachdem er 1994 die Macht übernahm, blieb er Präsident, bis heute. Mit zunehmend autokratischer Tendenz und ohne dass je eine echte Opposition zugelassen wurde. Im Ruanda von heute werden Meinungs- und Versammlungsfreiheit von Kagames Regime stark eingeschränkt. Freie Medien gibt es de facto nicht.

Neben politischer Kontinuität und der Befriedung des Landes machte Ruanda in den Jahrzehnten nach dem Genozid eine erstaunliche wirtschaftliche Entwicklung durch. Auch mit der Hilfe des Westens. Mehrere Staaten wollten wohl offensichtlich etwas gutmachen.

Empfehlungen: Vom senegalesischen Schriftsteller Boris Diop erschien 1999 der mehrfach ausgezeichnete Roman Murambi, le livre des ossements im Verlag Stock (Deutsche Übersetzung: Murambi: Das Buch der Gebeine) und von der ivorischen Autorin Véronique Tadjo das ebenso vielbeachtete Buch L’ombre d’Imana (2000, Verlag Actes Sud; Deutscher Titel: Der Schatten Gottes: Reise ans Ende Ruandas).

Denn in den schlimmen Monaten 1994 reagierten sie nicht und wurden dafür im Nachgang heftig kritisiert – neben den Vereinten Nationen vor allem die USA, Großbritannien, Belgien und Frankreich.

Das sahen viele Beobachter:innen als eine weitere Lehre aus dem Genozid an den Tutsi: Die internationale Staatengemeinschaft muss aktiv werden. Bei Massakern zuschauen, wie es 1994 passiert ist, das sollte nie wieder vorkommen.

Mitarbeit: Xaver Schrems

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