Teufelstraining

In China boomt der Arbeitsmarkt für weibliche Bodyguards. Fritz Schaap berichtet von einem Trainingskurs am Rande Pekings.

Weibliche Bodyguards: Unauffällig sollen sie wirken, unabhängig wollen sie sein.© Sascha Montag

Zhon Ting ist eine zierliche junge Frau. 22 Jahre alt, die schwarzen Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Sie steht im Anzug vor einem Tisch mit halbvollen Weinflaschen und dreckigen Gläsern. Beim ersten Schluck muss sie ein wenig würgen. Es ist der erste Wein ihres Lebens, aber sie hat sich schnell im Griff. Die nächsten drei Gläser fließen stoisch auf ex, so wie Chen Yongqing, ihr Trainer, das von ihr verlangt.

Zhon Ting möchte Bodyguard werden, deswegen ist sie hier beim dreiwöchigen Intensivkurs der „Tianjiao International Security Academy“, einer der bekanntesten und ersten Ausbildungsstätten für Bodyguards in China.

Am Rande des Pekinger Bankenviertels, neben den Hochspannungsmasten, unter denen Grund und Boden billig ist, leben 16 junge Männer und vier Frauen während des Kurses in einem Flachbau mit Trainingsraum, Boxring, Seminarraum und Schlafräumen. Ausdauer-, Kraft- und Kampftraining sowie Fahr- und Unterwassertraining stehen auf dem Stundenplan. Von sechs Uhr morgens bis 23 Uhr abends wird gelernt und geübt.

Kräftemessen gehört dazu. Chinas neue Reiche benötigen ihre Bodyguards weniger aus Sicherheitsgründen, sondern als Statussymbol. Deswegen müssen sie vorzeigbar sein und sich auskennen in den Ritualen und Gepflogenheiten der mondänen Oberschicht. Der ist Weintrinken wichtig – wie in Europa, so Chen Yongqing, Chef der Akademie. Trinken sei aber auch Kräftemessen, deswegen gehöre es zum Kursprogramm.

„Eigentlich trinke ich ja nicht“, sagt eine der Frauen nach dem vierten Glas und setzt sich wieder zu ihren KollegInnen. Chen, der vorne die Reste verschiedener Flaschen mit billigem Shiraz und Chardonnay für die nächste Gruppe zusammengießt, schaut irritiert auf und sagt: „Dass du nicht trinken kannst, ist schlimm genug. Aber du darfst deine Schwäche nie zeigen und schon gar nicht zugeben. Soll euer Boss etwa wissen, dass er von einem Schwächling beschützt wird, der nicht trinken kann?“

Die Bosse, von denen er redet, sind die neuen Dollar-MillionärInnen Chinas. Laut dem Hurun Research Institute gibt es von ihnen schon 1,09 Millionen, 192.000 allein in Peking. Die Hauptstadt ist das Ziel von Millionen WanderarbeiterInnen, die ihre Familien auf dem Land ernähren müssen. Es ist aber auch Sehnsuchtsort für viele junge ChinesInnen, die nicht daheim heiraten, sondern selbstständig und stark sein wollen.

Streben nach Unabhängigkeit. So auch Zhon Thing, aus Qiujiapo, einem kleinen Dorf in den Bergen, 700 km südwestlich der Hauptstadt: „Ich war 20, als ich ging. Das ist das Alter, in dem die Eltern anfangen, einen Ehemann zu suchen.“ Nachdem ihr Vater den dritten Anwärter angeschleppt hatte, reichte es ihr. Sie packte ihre Sachen, ging nach Peking. Dort mietete sie sich in eine kleine Wohnung ein, die sie mit vier anderen Frauen aus derselben Provinz teilte. Sie fand einen Job in einem Laden, der alte chinesische Münzen an TouristInnen verkauft und sparte, bis sie das Geld für das Training zusammen hatte. Sie hatte davon in einer Fernsehsendung gehört. Die Ausbildung kostet umgerechnet knapp 1.300 Euro.

Seit fünf Tagen ist sie jetzt an der Akademie. „Das Härteste ist der erste Tag“, erzählt sie. Das ist das sogenannte Teufelstraining. 24 Stunden kein Essen, kein Schlaf, stundenlanges Robben durch Schlamm, hunderte Liegestütze, drei Stunden rennen, Hanteltraining, wieder eine Stunde rennen, eine Stunde stillliegen im Schlamm, Liegestütze, bis zur totalen Ermüdung. Schläge und Tritte vom Trainer, für die, die nicht mehr können. „Da wollen sie testen, wie man sich emotional im Griff hat. Die wollten, dass wir sie hassen und schauen, wie wir reagieren.“ Sie selbst habe gut durchgehalten. „Die Trainer machen keinen Unetrschied zwischen Männern und Frauen. Einige Jungs sind in Ohnmacht gefallen, mehrmals sogar“, sagt sie mit einem stolzen Lächeln, das vom neuen Selbstverständnis der Chinesinnen zeugt. Sie wollen das, wonach auch die Männer streben: stark sein, aufsteigen, sich selbst verwirklichen.

Starke Frauen beliebt. Private Sicherheitskräfte sind in China erst seit 2010 legal, und die Nachfrage steigt. Besonders weibliche Bodyguards sind gefragt, weil viele reiche Unternehmer sie nicht für sich selbst haben wollen, sondern für ihre Familien. „Da sind ihnen Frauen lieber“, erklärt Chen. Sie seien unauffälliger, bieten keinen Grund zur Eifersucht, sie können gleichzeitig noch Sekretärin, Kindermädchen und Küchenhilfe sein. Außerdem steigt die Zahl weiblicher Millionäre stärker als die männlicher. Ein Drittel aller Millionäre in China sind mittlerweile Frauen. „Und Frauen haben lieber Frauen als Bodyguards um sich. Sie geben ihnen eher das Gefühl von Privatsphäre“, sagt Chen.

„Es ist eine große Chance, in eine Welt zu kommen, in die ich sonst nie kommen würde“, erklärt Zhon Ting, während sie die letzten Nudeln aus einer Aluminiumschüssel schlürft. „Man kommt viel herum, lebt zwischen den Reichen und Schönen.“

Für Chen, den ehemaligen Soldaten, war die Akademie die Chance, selbst reich zu werden. „Wenn sich erst mal die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass man als anständiger Reicher einen Bodyguard braucht, dann wollen alle einen.“ Als Ausbildner und Bodyguard-Vermittler macht er schon jetzt viel Geld. Gerade sähe er niemanden im Kurs, der das Potenzial hätte, für ihn zu arbeiten. „Drei oder vier können nochmal den gleichen Kurs machen, dann könnte aus ihnen vielleicht ein Bodyguard werden.“ Auch Zhon Ting wird seiner Meinung nach noch mindestens einmal das Grundtraining absolvieren müssen. Sagen tut er ihr das noch nicht.

Nach dem Wein-Testen gibt es noch sechs Stunden Training: Nahkampf, Mann gegen Mann, Frau gegen Frau, es wird geschlagen und getreten. Am Abend geht es weiter mit einem kleinen Dinner, wieder mit viel Wein und Bier. Trinken müssen alle. Als sie um 23:00 Uhr im Bett liegen, schallen Trillerpfeifen durch die Halle, die Trainer jagen sie aus den Schlafsälen: Überraschungstraining. „Ihr müsst auch betrunken arbeiten können“, sagt Chen. Dann müssen die KursteilnehmerInnen bis morgens um drei kämpfen, Liegestütze machen und Gewichte stemmen. Wer schlapp macht, bekommt Prügel.

Emanzipations-Training. Aber nicht alle Frauen, die hierher kommen, wollen tatsächlich Bodyguards werden. Es ist für viele auch einfach eine Art Empowerment-Seminar. „Man härtet sich ab, lernt durchzuhalten. Das kann man immer brauchen“, sagt eine von Zhon Tings Kolleginnen. Die Emanzipation ist zwar bei den chinesischen Frauen angekommen, noch lange aber nicht bei den Männern. Selbst in den modernen Finanzzentren Peking und Shanghai gilt bei Männern: Frauen müssen kleiner sein. Körperlich sowie von der sozialen Stellung her. Sich da zu behaupten ist schwer für die vielen jungen, aufstrebenden Chinesinnen.

Zhon Ting ist müde. Sie liegt mit ihren drei Kolleginnen in ihren Doppelstockbetten. Normalerweise würde sie jetzt ihren Freund anrufen, aber die Handys müssen bei Kursbeginn abgegeben werden. Zhon Ting findet, dass auch das sie stärker machen kann: „Auch in Beziehungen muss man unabhängig sein.“

Fritz Schaap ist Reporter der Agentur Zeitenspiegel und arbeitete lange als Korrespondent im Nahen Osten. Im letzten Jahr begann er seinen Arbeitsbereich nach Asien und Afrika auszudehnen.

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