Tief statt Peak

Wie sich der Erdölpreis in den letzten Jahren entwickelt hat und was das für erdölproduzierende Staaten bedeutet, analysiert Jürgen Vogt.

Es ist noch gar nicht so lange her, da bedrohte ein Gespenst mit Namen „Peak Oil“ die Weltwirtschaft: Die weltweite Ölproduktion werde unweigerlich an ihre Grenze stoßen, die Kluft zwischen Nachfrage und Angebot immer breiter werden und den Ölpreis in immer schwindelerregendere Höhen treiben, mit verheerenden Folgen für die Volkswirtschaften in den Industrieländern. Es sollte ganz anders kommen.

Angefeuert wurde die These vom „Peak Oil“ von dem seit Anfang der 2000er Jahre stetig steigenden Ölpreis, der Mitte 2008 die Rekordmarke von über 140 US-Dollar pro Fass Brent-Öl erreichte, jener qualitativ hochwertigen Ölsorte, deren Preis als Richtwert gilt. In den Jahren 2011 bis 2013 lag er nahezu immer über 100 Dollar. Der Sturzflug begann Mitte 2014 und hält bis heute an. Das Angebot übersteigt bei weitem die Nachfrage. Gegenwärtig liegt der Preis für ein Fass Brent-Öl unter der 50 Dollar-Marke.

Schnäppchen Öl. Der Mix an Erklärungen für diese Entwicklung reicht vom zusätzlichen Angebot von Öl aus Teersanden und durch Fracking aus Sandsteinschichten, vor allem aus Kanada und den USA, bis zur Weigerung der OPEC-Staaten, allen voran Saudi-Arabien, die Produktionsmenge wie in der Vergangenheit in solchen Situationen üblich zu senken. Andere beziehen sich auf den Iran als wieder zugelassenen Anbieter auf dem Weltmarkt oder machen die sinkende Nachfrage einer stotternden chinesischen Wirtschaft verantwortlich.

Heute leiden die Volkswirtschaften der Förderländer unter dem dramatischen Fall des Ölpreises. Und vor allem jene, die unter die Bezeichnung Rentenökonomien fallen. Ölrente ist, etwas vereinfacht, die Differenz zwischen Förderkosten eines Fasses Rohöls und seinem erzielten Verkaufspreis. In Fall von Venezuela ist es der Staat, der mit seiner staatseigenen Petróleos de Venezuela S.A. (PDVSA) den Zugriff auf den allergrößten Teil der Rente hat.

Noch billiger. Venezuela ist geradezu das Paradebeispiel für die Konsequenzen für ein Land, das sich so extrem auf die Ölrente stützt. 95 Prozent der venezolanischen Ausfuhrerlöse und die Hälfte der Staatseinnahmen stammen aus dem Erdölexport. Allgemein werden die venezolanischen Produktionskosten für ein Fass Öl auf etwa 20 Dollar geschätzt. Im September 2014 lag der Weltmarktpreis für das Fass Öl aus Venezuela bei knapp über 90 Dollar. Zwei Jahre später dümpelt er unter der 40-Dollar-Marke. 2015 sind die Exporterlöse um knapp 70 Prozent eingebrochen. Für 2016 wird ein Rückgang um ein weiteres Drittel erwartet.

Anders sieht das Panorama noch in Saudi-Arabien aus. Zwar stammen auch hier rund 90 Prozent der Ausfuhrerlöse aus dem Ölgeschäft, aber die Wirtschaft des arabischen Landes mit den nach Venezuela zweitgrößten Ölreserven der Welt meldet weiterhin Wachstumszahlen von jährlich zwischen drei bis vier Prozent. Der Preisverfall hat jedoch auch hier im vergangenen Jahr ein Loch von rund 100 Milliarden Dollar verursacht und die Führung des Landes zu drastischen Einsparungen veranlasst. Noch kann das Regime vieles mit seinen in den fetten Jahren angehäuften Devisenreserven ausgleichen und finanzielle Engpässe leicht durch Kreditaufnahme auf den internationalen Finanzmärkten überbrücken.

Worin diese Entwicklungen münden, bleibt abzuwarten.

Jürgen Vogt war viele Jahre Redakteur und Geschäftsführer der Lateinamerika Nachrichten in Berlin. Seit 2005 lebt er in Buenos Aires und ist u.a. Südamerika-Korrespondent der taz.

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