Tödliche Medizin

Mehr als ein Viertel aller in Ländern des Südens gehandelten Medikamente sind gefälscht. Das Geschäft damit ist ähnlich lukrativ und weniger riskant als der Handel mit harten Drogen. Die WHO bemüht sich, das Problem international in den Griff zu bekommen.

Von Hermann Klosius
Über 500 Kinder starben Mitte der 1990er Jahre in Indien, Haiti, Bangladesch und Nigeria an Nierenversagen, nachdem sie Hustensaft eingenommen hatten, der ein giftiges Frostschutzmittel enthielt. Die Weltöffentlichkeit nahm davon kaum Notiz. Diese Kinder reihen sich jedoch unter Tausende von Opfern, die der florierende Handel mit illegal produzierten Medikamenten gerade unter den Ärmsten der Welt Jahr für Jahr fordert. Ahnungslos kaufen sie gefälschte Medikamente, die oft giftige Substanzen enthalten, nicht aber – oder in zu geringer Dosis – den heilenden Wirkstoff. Die Produkte versprechen, gegen lebensbedrohende Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose und Typhus zu helfen. Im günstigsten Fall bleiben sie wirkungslos. Doch auch wenn sie nicht zum Tod führen, tragen sie dazu bei, dass sich Resistenzen bei Krankheitserregern bilden. Nicht zuletzt unterminieren sie das Vertrauen in das Gesundheitssystem und die Wirksamkeit authentischer Heilmittel.
Für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gelten Arzneien dann als gefälscht, wenn sie „absichtlich und in betrügerischer Weise hinsichtlich ihrer Identität und/oder Herkunft falsch gekenntzeichnet“ wurden. In den Ländern des Südens sind laut WHO über ein Viertel der verkauften Medikamente Fälschungen, in einigen Ländern mehr als die Hälfte. Ihr Anteil am weltweiten Arzneimittelgeschäft wird auf über zehn Prozent geschätzt, was einem jährlichen Umsatz bis zu 50 Mrd. US-Dollar entspricht. Das US-amerikanische „Centre for Medicines in the Public Interest“ befürchtet, dass dieser bis 2010 auf 75 Mrd. Dollar ansteigen wird, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Illegale Produzenten gibt es praktisch überalll: in China, Südostasien, Indien, Russland, Nigeria, Kolumbien, Mexiko, Brasilien und anderen Ländern Lateinamerikas.
In Südostasien ist die Hälfte aller verkauften Medizin gefälscht, so eine Studie, die im September in der renommierten medizinischen Zeitschrift „The Lancet Infectious Diseases“ veröffentlicht wurde. Ein Großteil davon unterwandert neue, auf dem Wirkstoff Artemisinin beruhende Mittel gegen Malaria wie Artesunate. Auf sie stützen sich die Hoffnungen, die Krankheit in den Griff zu bekommen, an der jährlich über eine Million Menschen sterben. 53 Prozent aller in den Jahren 2002 und 2003 in Südostasien verkauften Artesunate-Packungen waren jedoch Fälschungen, wie Paul Newton von der Universität Oxford, Hauptautor der Studie, berichtet. Die Fälscher ahmen Sicherheitsmerkmale wie Hologramme auf den Packungen inzwischen derart perfekt nach, dass selbst Fachleute sie kaum von echten Produkten unterscheiden können. Das Geschäft mit dem Medikamentenschwindel gefährdet vor allem den Kampf gegen Infektionskrankheiten, denen Jahr für Jahr 14 Millionen Menschen zum Opfer fallen.
Nicht zuletzt deshalb lässt sich nicht mit Sicherheit angeben, wie viele dieser Medikamente weltweit verkauft werden und wie viele Opfer sie fordern. Zwar wurden bereits vor 20 Jahren erste Fälle von Fälschungen bekannt, doch haben Regierungen und Hilfsorganisationen im Gesundheitsbereich das Phänomen zu wenig beachtet.

Die Pharmakonzerne selbst bemühten sich oft sogar um Geheimhaltung, da sie eine Verunsicherung der PatientInnen und Umsatzeinbußen befürchteten. Erst als sich die unlautere Konkurrenz durch einen wachsenden Internethandel auch auf den finanzkräftigen Märkten des Nordens ausbreitete, gründeten einige Pharmamultis das „Pharmaceutical Security Institute“. Es führt eine Datenbank über aufgedeckte Fälle, die aber öffentlich nicht zugänglich ist. 2004 waren es laut Bericht des Instituts vom Vorjahr weltweit 553 Fälle. Auch in den USA, dem mit einem Jahresumsatz von über 200 Mrd. Dollar weltweit größten Pharmamarkt, hat sich die Situation verschärft. Dort besteht innerhalb der staatlichen „Food and Drug Administration“ (FDA) seit mehreren Jahren eine eigene Arbeitsgruppe. Die gefälschten Medikamente machen zwar weniger als ein Prozent des Umsatzes aus, werden laut FDA-Kommissar Mark B. McClellan aber „von gut finanzierten und hervorragend organisierten kriminellen Netzwerken erzeugt und vertrieben“. Viele ehemalige Händler mit harten Drogen haben sich offenbar auf diese neue Sparte verlegt. Das Geschäft ist ähnlich lukrativ, bei deutlich milderen Strafen im Vergleich zum Drogenhandel.

Hauptakteur beim Versuch, eine Gegenstrategie auf internationaler Ebene in Gang zu bringen, ist die WHO. Sie hat 2002 und 2005 in Genf und Paris zwei globale Foren zum Thema organisiert. Im Februar 2004 präsentierte sie den für Gesundheit verantwortlichen RegierungsvertreterInnen auf einer internationalen Konferenz den Entwurf einer internationalen Rahmenkonvention gegen den betrügerischen Handel mit Medikamenten. Auf WHO-Initiative wird noch diesen November in Bonn eine internationale Einsatzgruppe gegen Medikamentenfälschung namens IMPACT ins Leben gerufen („International Medical Products Anti-Counterfeiting Taskforce“). Sie soll alle Instanzen vernetzen, die zur Lösung des Problems beitragen müssen: Von Pharmaunternehmen und Apotheken über Gesundheitsbehörden bis zu Interpol und ZollbeamtInnen.
Die Arbeit von IMPACT wird laut Howard Zucker, in der WHO für diesen Bereich zuständig, anfangs folgende Schwerpunkte haben: Technologien zur Verhinderung von Fälschungen, Harmonisierung der Gesetzgebung, bessere öffentliche Warnung der KonsumentInnen und Stärkung der staatlichen Behörden. Vor allem Letzteres ist zwar wichtig, aber für arme Länder schwer zu erreichen, erklärt WHO-Mitarbeiter Valerio Reggi, der IMPACT von Genf aus koordinieren wird. Mit schlecht entlohnten Inspektoren lässt sich schwer gegen die mafiaartigen Strukturen der illegalen Produzenten vorgehen. Finanzielle Unterstützung aus dem Norden wird daher nötig sein, um die Gesundheitsbehörden im Süden zu stärken, betont Reggi.
Studienautor Paul Newton hält es für wesentlich, lebensrettende Medikamente zu subventionieren. Dadurch würden sie so billig werden, dass der finanzielle Anreiz für Fälscher wegfällt. Hier ist die Pharmaindustrie freilich anderer Meinung. Obwohl sie zu den billigsten Produkten zählten, seien Paracetamol und die Antibiotika Ampicillin und Amoxycillin die in Entwicklungsländern am häufigsten gefälschten Medikamente, meint Harvey Bale, Leiter des internationalen Verbands der Pharmaproduzenten. Die Haltung der Pharmaindustrie ist oft zwiespältig. Sie spielt den Betrügern in die Hände, wenn sie durch überhöhte Preise den Zugang zu wirksamen Medikamenten hoher Qualität erschwert. So etwa der Schweizer Konzern Novartis, der gerade gegen eine Bestimmung des indischen Patentrechts prozessiert, die eine Patentierung neuer Formen, Eigenschaften oder Anwendungen bereits bekannter Wirkstoffe ausschließt. Die indischen Patentbehörden hatten es aus diesem Grund abgelehnt, dem Krebsmedikament Glivec von Novartis Patentschutz zu gewähren. Novartis behauptet, die betreffende Bestimmung widerspreche dem WTO-Übereinkommen zum Schutz des geistigen Eigentums (TRIPS), das seit 2005 auch für Indien gilt.

Auch einzelne Länder können erfolgreich gegen die kriminellen Pillenproduzenten vorgehen, wie das Beispiel Nigerias zeigt. Als Dora Nkem Akunyili im Jahr 2001 zur Leiterin der nigerianischen Behörde zur Kontrolle von Nahrungsmitteln und Medikamenten (NAFDAC) ernannt wurde, waren fast 70 Prozent der im Land verkauften Medikamente gefälscht. Ein Impfstoff gegen Meningitis, den Nigeria seinem Nachbarn Niger schenkte, forderte 1995 unter den über 50.000 Geimpften 2.500 Tote. Im November 2004 erklärte Akunyili, deren Schwester 1988 durch gefälschtes Insulin ums Leben kam, gegenüber der BBC: „Es ist gefährlicher, die Öffentlichkeit nicht zu alarmieren. ... Wir treten nicht für die Konzerne ein, wir verteidigen die Bevölkerung.“ Inzwischen dürfen 30 unseriöse indische und chinesische Unternehmen ihre Medikamente nicht mehr nach Nigeria exportieren. Im Jahr 2003 entging Akunyili nur knapp einem Anschlag und wird seither rund um die Uhr von Sicherheitspersonal bewacht.
Es gibt auch preisgünstige technologische Lösungsansätze, wie etwa das vom deutschen Pharma-Gesundheitsfonds entwickelte „minilab“. Das „Labor“ hat in einem Koffer Platz und erlaubt einfache Analysen der Inhaltsstoffe von Medikamenten. Andere Maßnahmen, wie ein in den USA seit längerem diskutiertes System der elektronischen Identifizierung von Medikamenten mit Hilfe von Radiostrahlung (RFID), sind vor allem für arme Länder nicht leistbar.
Wichtiger noch als technische Lösungen zu finden wird es aber sein, öffentliches Bewusstsein für die Gefahren gefälschter Arzneien zu schaffen und den politischen Willen aufzubringen, energisch gegen die Produzenten vorzugehen.

Hermann Klosius ist freier Mitarbeiter des Südwind-Magazins und Solidaritätsaktivist in Wien.

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