Über den Wolken …

Freiheit, die grenzenlos sein muss. Über die Psychologie des Fliegens.

Von Florian Koch

Die Möglichkeiten des Erlebens sind durch das Fliegen nahezu unerschöpflich geworden.© Martin Ti / Unsplash

Die Turbinen ertönen, ich werde zurück in meinen Sitz gepresst, das Flugzeug hebt ab, der Blick über die Welt weitet sich und ein berauschendes Gefühl von Freiheit und Glück überkommt mich.

Warum haben viele Menschen so positive Assoziationen mit dem Fliegen? Eine Antwort liegt im kulturellen Kern moderner Gesellschaften. Die Moderne lebt von der Verheißung, sich aus den Fesseln der Natur, Politik, Familie oder auch des monotonen Alltags zu befreien und Welt in Reichweite zu bringen.

Mit Letzterem meint der Soziologe Hartmut Rosa, dass wir in der Moderne vor allem danach streben, möglichst vieles von der Welt verfügbar, erreichbar und zugänglich zu machen, von materiellem Besitz über grenzenloses Medienentertainment bis hin zu fernen Ländern, anderen Kulturen und Naturräumen. Und Fliegen ist die Technologie dafür schlechthin.

Auf einmal werden Tokio, die Niagarafälle und Freundschaften auf der anderen Seite der Welt tatsächlich erreichbar. Die Möglichkeiten des Erlebens sind damit nahezu unerschöpflich geworden. Das hat sehr stark unser Freiheitsverständnis geprägt und zur Gleichsetzung von Freiheit und Glück beigetragen.

Werte vs. Handeln. Gleichzeitig werden die negativen Folgen der Hypermobilität zunehmend spürbar, Stichwort Klimawandel. Gerade die ökologisch Bewusstesten fliegen paradoxerweise am meisten. Sie haben für gewöhnlich eine höhere Bildung, damit in der Regel auch ein höheres Einkommen, sowie eine oftmals ausgeprägte Neugier nach dem Unbekannten.

Durch das Auseinanderklaffen von Wertvorstellungen und Handeln entsteht das psychologische Phänomen der „kognitiven Dissonanz“: Wir tun etwas (Fliegen), das unseren Werten (Klimaschutz) eigentlich nicht entspricht.

In ihrem Bestreben, diese Unstimmigkeit zu reduzieren, greifen Menschen auf unterschiedliche Strategien zurück: Erstens, sie reduzieren wirklich das Fliegen. Zweitens, sie passen ihre Werthaltung an, z.B. interkultureller Austausch ist wichtiger als Klimaschutz. Oder drittens, sie ergänzen ihre Werthaltung mit weiteren stimmigen Elementen, um die nicht stimmigen Elemente des Fliegens zu kompensieren, z.B. durch den Kauf von Solaranlagen, regionalen Bio-Produkten, Fahrradnutzung oder eine vegetarische bzw. vegane Ernährung.

Ankommen. Die bis zur Corona-Krise fortwährend steigende Anzahl der FlugpassagierInnen legt nahe, dass viele Menschen ihr Flugverhalten nicht ändern. Dabei hat permanentes Fliegen nicht nur eine ökologische, sondern auch eine soziale Kehrseite. Viele waren zunehmend überfordert durch die Überflutung an Möglichkeiten, sie haben das beruhigende Gefühl des „Ankommens“ oder des „zu Hause Seins“ verloren.

Zudem erschöpft sich bei VielfliegerInnen das Wertschätzungsvermögen angesichts der Fülle der bereisten Orte. Den Blick noch mehr auf die Vorteile des „Ankommens“ zu richten, könnte helfen, weniger Fliegen vielmehr als eine Bereicherung statt Beschränkung des eigenen Lebens wahrzunehmen.

Florian Koch ist als Organisationsentwickler in der Solidarischen Ökonomie tätig. Er promoviert bei dem Soziologen Hartmut Rosa.

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