Ugandas verlorene Kinder

Von Helmut Spitzer ·

Der ostafrikanische Staat erlebt in den letzten 13 Jahren einen politischen Wiederaufbau und wirtschaftlichen Aufschwung. Doch nicht der Norden des Landes: Dort entführt die „Lord’s Resistance Army“ Tausende Kinder und setzt sie zum Kampf gegen die Regier

Krieg in Uganda? Hier ist nicht von den siebziger Jahren die Rede, als unter der Diktatur Idi Amins eine halbe Million Menschen ums Leben kam und das einst als „Perle Afrikas“ gerühmte Land in Anarchie und Chaos versank. Auch nicht von den achtzigerJahren, als weitere 300.000 Menschen unter bürgerkriegsähnlichen Zuständen der zweiten Herrschaftsperiode von Milton Obote zum Opfer fielen. Schließlich herrscht seit 1986 Frieden und Uganda wurde als Liebkind der Weltbank und der internationalen „Gebergemeinschaft“ zum Vorzeigeland der neoliberalen Strukturanpassungspolitik.

Gemeint ist hier der Krieg in Norduganda. Als Präsident Museveni mit seiner „National Resistance Army“ im Jänner 1986 in der Hauptstadt Kampala einmarschierte, flüchteten die ehemaligen, zu einem Großteil aus der Volksgruppe der Acholi rekrutierten Militäreinheiten in den Norden, wo sich in der Folge verschiedene Widerstandsgruppen gegen das neue Machtgefüge formierten.

Nachdem die religiös motivierte „Holy Spirit“-Bewegung unter Alice Lakwena, die sich großer Unterstützung seitens der Acholi erfreute, bereits 1987 von Musevenis Soldaten entscheidend geschlagen und andere Oppositionsgruppen erfolgreich in die „National Resistance Army“ eingegliedert wurden, begann ein charismatischer Führer namens Joseph Kony einen erbitterten Guerillakrieg. Seine Gruppierung bezeichnete sich nach mehreren Namensänderungen schließlich als „Lord’s Resistance Army“ (LRA).

Ini = Konys Ziele hören sich einfach an, sind letztlich aber unrealisierbar: Museveni soll gestürzt, Uganda von den Zehn Geboten regiert werden. Die „Widerstandsarmee des Herrn“ operiert mit einer kultischen Mischung aus christlichen, traditionellen und islamischen Elementen, letzteres ein Tribut an die sudanesische Regierung, von der die LRA seit Jahren logistische und militärische Unterstützung erhält. Im Gegenzug unterstützt Uganda die sudanesische Widerstandsgruppe Sudanese People’s Liberation Army (SPLA).

Der Terror der LRA gegen die Zivilbevölkerung wird vielfach als Machtdemonstration von Joseph Kony verstanden, um dadurch die Unfähigkeit der Regierung, die Menschen in Norduganda zu beschützen, aufzuzeigen.

In Konys Guerillakrieg wurden von Anfang an Teile der Bevölkerung gewaltsam einbezogen. Schulkinder, junge Frauen und Männer werden entführt, um sie den Streitkräften der LRA einzuverleiben. Dadurch verlor Kony zusehends Sympathiewerte seitens der Acholi, deren Einstellung heute – mit Ausnahmen – mit totaler Ablehnung charakterisiert werden kann.

INI = Die Kindesentführungen nahmen in den letzten Jahren drastisch zu. Inzwischen setzt sich die aus mehreren tausend Mann bestehende LRA bereits zu achtzig Prozent aus gekidnappten Kindern zusammen. Insgesamt wurden von UNICEF Uganda bisher mehr als 24.000 Entführungen offiziell registriert, darunter etwa 9.000 Kinder im Alter zwischen 8 und 17 Jahren. Die Dunkelziffer ist ungleich höher, die Zahl der entführten Kinder wird auf ca. 15.000 geschätzt.

Die Kinder werden im Zuge von Plünderungsaktionen und Überfällen auf Dörfer und Schulen entführt und in die Camps der LRA im Südsudan verschleppt. Eine Mischung aus spiritueller Indoktrination, Gewalt und Einschüchterung soll sie gefügig machen. Jungen wie Mädchen werden kurzem militärischen Training unterzogen und zum Kampf gegen die ugandische Regierungsarmee, die Zivilbevölkerung sowie gegen die SPLA eingesetzt.

Fluchtversuche der Kinder werden mit Verstümmelung und Tod geahndet – und Kinder sind es, die zum Verstümmeln und Töten gezwungen werden. In ritualisierter Form wird das Tabu des Tötens gebrochen. Bei den Übergriffen gegen die Bevölkerung werden Kinder vielfach in jenen Gebieten eingesetzt, in denen ihre eigenen Gemeinschaften angesiedelt sind. Diese bewußt angewandte Strategie führt zu einem Bruch zwischen dem Kind und seinem sozialen Unterstützungsnetzwerk – die Rückkehr soll ihm dadurch abgeschnitten, seine soziale Wiedereingliederung verunmöglicht werden. Mädchen, oft erst 12 oder 13 Jahre alt, erleiden das zusätzliche Schicksal, an Rebellenkommandeure als sogenannte „Ehefrauen“ zwangsverheiratet und sexuell ausgebeutet zu werden.

INI = 1996 begann die Regierung, die Bevölkerung im Norden in sogenannte „geschützte Camps“ zu internieren. Gemäß diesem Kalkül sollte die Bevölkerung vor Angriffen durch die LRA geschützt werden, indem die Camps in der Nähe von Militärstützpunkten positioniert wurden. Gleichtzeitig sollte den Rebellen dadurch die Versorgung abgeschnitten werden.

Bis dato wurden 400.000 EinwohnerInnen aus Gulu und Kitgum umgesiedelt, das ist die Hälfte der Gesamtbevölkerung der beiden Distrikte. Ein effektiver Schutz der Menschen ist dadurch allerdings nicht gewährleistet. Immer wieder werden Kinder von den Randsiedlungen der „geschützten Camps“ entführt. In den meisten der mehr als 25 Camps mangelt es an sanitären Einrichtungen, Trinkwasser und einer funktionierenden Gesundheitsversorgung. Viele Kinder sind unterernährt, die Menschen von externer Nahrungsmittelhilfe abhängig, weil es ihnen nicht gestattet ist, auf ihre Felder zurückzukehren und sie zu bewirtschaften.

Ini = Die Zivilbevölkerung befindet sich gewissermaßen zwischen zwei Fronten. Zum einen wird der Kampf der LRA als gegen das eigene Volk gerichtet wahrgenommen: Acholi gegen Acholi. Zum anderen wird das ugandische Militär von vielen immer noch als Fremdmacht aufgefaßt. Ausschreitungen gegen die Bevölkerung seitens der Regierungsarmee verstärken diese Einstellung noch. Von vielen Menschen im Norden wird ein altes ugandisches Sprichwort verwendet, um ihre Situation zu beschreiben: „Wo zwei Elefanten miteinander kämpfen, leidet das Gras.“

INI = In Gulu gibt es zwei Rehabilitationszentren, die sich die soziale Reintegration jener Kinder, denen die Flucht aus der Gefangenschaft der LRA gelingt oder die von der Regierungsarmee befreit werden, zur Aufgabe machen.

Sie werden von der lokalen Nichtregierungsorganisation GUSCO (Gulu Support the Children Organisation) und einer Zweigstelle von World Vision International betrieben.

Dort werden die kriegstraumatisierten Kinder medizinisch versorgt, psychosozial betreut und auf die Rückkehr zu ihren Familien vorbereitet.

Jene Kinder, die zu töten gezwungen waren, sowie die in Gefangenschaft vergewaltigten Mädchen, die als nicht mehr verheiratbar gelten, sind mit einem Stigma behaftet. Wichtiger Bestandteil der Arbeit der beiden Projekte ist daher die Sensibilisierung der betroffenen Bevölkerung dafür, daß ihre Kinder nicht nur Täter, sondern in erster Linie Opfer sind, die keine andere Option hatten, als zu töten, um nicht selbst getötet zu werden. Traditionelle Reinigungsrituale sollen den Heilungsprozeß der Kinder fördern. Dadurch wird das Kind vom Fluch des Geistes eines von ihm getöteten Menschen befreit, und die Wiederaufnahme in den Gemeinschaftsverband wird ihm ermöglicht. Traditionelle Musik und Tänze, Gespräche und der Einsatz von Rollenspielen und Zeichentherapie spielen ebenfalls eine wichtige Rolle, um den Kindern zu helfen, sich von den Erinnerungen an die extremen Gewalterfahrungen in Gefangenschaft zu lösen. Für viele Kinder ist ein Schulbesuch nicht mehr möglich. Eine Berufsausbildung hilft ihnen, wieder eine zivile Identität aufzubauen, ihren verlorenen Selbstwert zu stärken und mit den erlernten Kenntnissen zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizutragen.

Kehren die Kinder schließlich in ihre Dörfer oder in eines der „geschützten Camps“ zurück, sind sie vielfach von Vergeltungsaktionen und neuerlichen Entführungen durch die Rebellen bedroht. Es ist ein fataler Kreislauf.

INI = Bisher konnte die LRA nicht militärisch besiegt werden. Im Mai machte Präsident Museveni dem Rebellenführer Kony ein Amnestieangebot, das dieser jedoch ablehnte. Ein dauerhafter Frieden zeichnet sich nicht ab. Solange die LRA militärische Rückendeckung von der sudanesischen Regierung aus Khartum erhält, die ugandische Regierung die SPLA unterstützt und die beiden Staaten ihren Stellvertreterkrieg nicht beenden, werden die Kinder Nordugandas weiterhin in Angst leben müssen, um ihre Kindheit betrogen zu werden. Schätzungen zufolge befinden sich gegenwärtig noch zwischen 3.000 und 5.000 Kinder in Gefangenschaft der LRA.

Der Autor ist Sozialpädagoge. Für seine Diplomarbeit im Rahmen des Studiums Pädagogik und Sozialarbeit verbrachte er einen dreimonatigen Forschungsaufenthalt in Norduganda. Er lebt in Velden.

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