„Veränderung ohne Blutvergießen”

Warum der Sturz von Präsident Compaoré nur ein erster Schritt war und welche Veränderung Burkina Faso braucht, erklärte Sams’K Le Jah, Musiker und Mitgründer der Protestbewegung „Le Balai Citoyen“, im Interview.

Sams’K Le Jah© Patrizia Gapp

Sie haben im Sommer 2013 „Le Balai Citoyen“ mitinitiiert. Wie kam es dazu?

Ich singe Reggae, mein Freund Smockey ist Rapper. Als wir gemeinsam an einer CD arbeiteten, beschlossen wir, das, wofür wir kämpfen, auch über die Musik hinaus weiterzutragen. Wir hatten einen Punkt erreicht, wo die Korruption und die Ungerechtigkeiten im Land einfach zu groß waren.

Wofür steht der Name „Le Balai Citoyen“, auf Deutsch „Bürgerbesen“?

In jedem Haus muss es einen Besen geben, damit es rein bleibt und auch, damit man sich selbst nicht schmutzig macht. Wir wollen Veränderung, aber ohne uns schmutzig zu machen, ohne Blut zu vergießen. Wir hätten uns niemals gedacht, dass daraus diese Art von Bewegung werden könnte.

Wo steht die Revolution heute?

Ich glaube nicht, dass wir in Burkina Faso bereits von einer Revolution sprechen können, denn diese bräuchte mehr Zeit. Aber wir haben zumindest begonnen. Der erste Schritt war, Präsident Compaoré zu stürzen, aber er ist noch da, repräsentiert durch das System, das sich noch nicht verändert hat.

Wir träumen davon, dass jemand an die Spitze kommt, der dieses Land liebt, der dafür arbeitet, der die Menschen respektiert. Davon, dass wir ein „wahres Burkina Faso“, werden, ein Land der Integrität und der Aufrechten wie es Thomas Sankara (siehe Kasten) geträumt hat. Wir alle sind die Früchte Sankaras.

Wie kann das erreicht werden?

Wir haben so viele Menschen und Organisationen gesehen, die gekommen sind um „Afrika“ zu „entwickeln“. Es wird so viel investiert, aber nichts geht weiter. Die Antwort wird nicht von außen kommen, sondern muss in den Ländern selbst wachsen. Und die Antwort liegt darin, der Jugend zuzuhören. Bei „Le Balai Citoyen“ sitzen wir zusammen und reden und dann schauen wir, wo der gemeinsame Weg liegen könnte, was unsere gemeinsamen Träume sind.

Welche Rolle spielen Sie dabei?

Viele Menschen glauben heute an „Le Balai Citoyen“. Smockey und mir ging es aber nicht darum, politische Ämter einzunehmen. Ich sehe mich eher als Vermittler, indem ich meine Position und Bekanntheit im Land nutze, um Druck auf die Regierung auszuüben. Sie sollen wissen, dass im Land eine enorme Macht herrscht – das Volk.

Könnte die Entwicklung in Burkina Faso auch Einfluss auf andere afrikanische Länder haben?

Niemand wird kommen und uns von außen wahre Freiheit und Unabhängigkeit bringen. Das müssen wir Afrikanerinnen und Afrikaner selbst schaffen. Wir müssen dafür kämpfen. Eine Möglichkeit liegt darin, ein Netz von politischen AktivistInnen aufzubauen, das entsprechenden Druck ausüben kann. Unsere Zahl ist unsere Stärke, das ist ein Slogan von „Le Balai Citoyen“. Es ist unser Traum, überall in Afrika eine „Resistance“ zu finden, eine politisierte Jugend, die für Freiheit, Rechte und Demokratie kämpft.

Interview: Patricia Otuka-Karner

P.O.-K. ist freiberufliche Journalistin in Wien.

Sams’K Le Jah, geboren 1971, ist ein populärer Reggae-Musiker und politischer Aktivist in Burkina Faso. Gemeinsam mit dem Rapper Serge Bambara alias „Smockey“ initiierte er im Sommer 2013 die Bürgerbewegung „Le Balai Citoyen“. Im Mai war er auf Einladung des Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation (VIDC) in Wien. www.samsklejah.com

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