Vergiss mich nicht …

… flüstert meine Cousine mir ins Ohr. Syrien bleibt ein Teil von mir, mit dem ich die Welt beobachte. Von Luna Al-Mousli.

© Luna Al-Mousli

Damaskus.

Ich liebe die Hitze,

trotz ihrer unangenehmen Trockenheit.

Ich liebe die Menschen,

trotz ihrer aufdringlichen Großzügigkeit.

Ich liebe die Stadt,

trotz ihrer sichtbaren Unvollkommenheit.

Tief im Inneren weiß ich, etwas hat sich verändert. Meine Cousine drückt mich und gibt mir ein Bild, auf dem wir zwei nebeneinander stehen, lächelnd, und hinter uns der grüne Garten. „Vergiss mich nicht und komme bald zurück“, flüstert sie mir weinend ins Ohr.

Der Abschied ist schwer, der Neuanfang ebenso.

Mein Bruder, meine Schwester und ich lernen Deutsch den ganzen Sommer lang, um den Einstieg in die Schule zu schaffen. Die zwei Monate sind schnell vorüber, der erste Schultag ist da. Ich stehe früh auf und schon vor der Qual der Wahl: Was ziehe ich an? Zum ersten Mal vermisse ich die strengen Kleidervorschriften und die braune Uniform. Diese hat zwar gekratzt, aber ich musste mir nie Gedanken darüber machen, was ich anziehe. Es war alles vorgegeben, sogar die Farbe meiner Socken und meines Haargummis.

Den ganzen Schulweg entlang überlegten meine Schwester und ich, umzukehren und nach Hause zurückzugehen. Doch wir hatten uns nicht getraut. Es läutet, ich gehe in die Klasse und weiß nicht, wo ich mich hinsetzen soll. Es scheint, als ob jeder meiner Mitschülerinnen und Mitschüler bereits einen fixen Platz hat, nur ich nicht. Alle kennen sich, ich kenne niemanden. Die Lehrerin kommt rein, sie scheint nett zu sein. Sie hat keinen Holzstab in der Hand. Vermutlich hat sie ihn vergessen. Ich wundere mich, ob sich jetzt alle Klassen im Hof versammeln, um die Hymne zu singen.

Nein? Hat das die Lehrerin auch vergessen? Sie bittet mich nach vorne zukommen, sagt den Schülerinnen und Schülern, sie sollen leise sein. Oh je, habe ich was verbrochen? Mein Herz pocht, ich würde jetzt sicherlich meine erste Strafe bekommen. In welcher Ecke der Klasse würde ich denn stehen müssen bis zum Ende des Unterrichts? Wahrscheinlich in der Ecke vorne beim Mülleimer.

Die Lehrerin gibt ihre Hand auf meine Schulter und beginnt, mich vorzustellen. Sie erzählt, woher ich komme, dass ich in diesem Jahr eine außerordentliche Schülerin bin und ich ab heute am Unterricht teilnehme. Die Mitschülerinnen und Mitschüler heißen mich willkommen. Einer zeigt sofort auf: „Heißt es, sie muss keine Tests schreiben?“, fragt er. Die Lehrerin erklärt, ich müsste mich auf das Deutschlernen konzentrieren, ab nächstem Semester werde ich dann benotet. Ich setze mich wieder hin und bewundere das Klassenzimmer. Es ist nicht nur groß, sondern jeder Schüler hat seinen eigenen Stuhl. In meiner alten Schule war es so, dass wir uns manchmal zu dritt eine kleine Bank teilen mussten. Dies war sehr unangenehm im Sommer, dafür vorteilhaft im Winter, wir konnten uns gegenseitig wärmen, wenn die Ölheizung aufgab. Auch der Tisch ist wie neu, keine Einkerbungen, so dass man Löcher im Heft beim Schreiben macht, kein ständiges Hin- und Herwackeln.

Mit meinen Augen durchsuche ich den Raum nach dem Bild des österreichischen Präsidenten. Ist ja voll peinlich, dass ich keine Ahnung habe, wie er ausschaut oder wie er heißt! Ihn habe ich bisher auch nicht auf der Straße entdeckt. Keinerlei Plakate, auf denen „bis in alle Ewigkeit“ oder „Wir lieben dich“ steht. Sein Gesicht ist nirgends auf große Häuserwände aufgemalt. Komisch. Über der grünen Tafel hängt nur ein Holzkreuz. Obwohl ich in Damaskus in der ersten Volksschule in einer Klosterschule war, hing kein Kreuz in der Klasse, sondern das Bild von Maria und Jesus. Auch später in der öffentlichen Schule hingen keine Plakate mit Koranversen. Sind die etwa in Wien so religiös?

Die ersten zwei Stunden vergehen sehr schnell, endlich kommt die große Pause. Diesmal werden wir bestimmt die Hymne singen und uns im Hof aufstellen, damit die Lehrerinnen die Kleidung und die Erscheinung jeder Schülerin und jedes Schülers kontrollieren. Es läutet, alle laufen in die Klasse zurück. Schon wieder keine Hymne. Keine Kontrolle. Die Schülerinnen und Schüler würden auch alle Ärger kriegen, würden sie in Syrien so in die Schule gehen. Fast alle Mädchen haben die Haare offen. Manche haben lackierte Nägel. Die Schuhe sind farbig, auch die Hosen und die Pullover. Bunt darf man sein, ohne geschlagen zu werden.

Ich finde mich immer mehr zurecht in der Klasse und in der Schule. Ich schreibe mittlerweile Tests mit, die Ergebnisse lassen meine Lehrer staunen. Ich schreibe Zweier und Dreier, auch meine Mitschülerinnen und Mitschüler sind überrascht, denn mündlich bin ich sehr schlecht. Manche Lehrerinnen glauben, ich schummle! Was sie nicht wissen, ist, dass ich das Auswendiglernen trainiert habe. In Syrien musste ich alles auswendig können und genauso wiedergeben, wie es im Buch stand. Immerhin etwas, was ich jetzt anwenden kann. Ich arbeite mich in der Schule hoch und beweise mich, indem ich mich anstrenge. Leicht ist es aber nicht. Denn die Schulnoten reichen nicht aus, um ein Wohlgefühl zu erzeugen. Sie haben nicht alle Differenzen verschwinden lassen, und haben meine Freunde und meine Familie aus Syrien nicht hergezaubert.

Wien.

Ich liebe die Kälte,

trotz ihrer wechselhaften Erträglichkeit.

Ich liebe die Menschen,

trotz ihrer unverständlichen Einsamkeit.

Ich liebe die Stadt,

trotz ihrer unsichtbaren Herzlichkeit.

Luna Al-Mousli ist Autorin und Grafik-Designerin und lebt seit 11 Jahren in Wien. Ihr Buch „Eine Träne, ein Lächeln“ ist 2015 beim Verlag Weissbooks (Frankfurt/Main) erschienen.

www.luniverse.xyz

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