Vernunftehe auf dem Prüfstand

Nigeria ist bis heute keine Einheit, sondern ein Mosaik aus Regionen und Volksgruppen. Katrin Gänsler erläutert, warum die Bundesrepublik trotzdem gebraucht wird.

Soji Apampa hält für einen kurzen Moment inne, um dann den Kopf zu schütteln: „Ich erinnere mich nicht daran, die Lage je so schlimm erlebt zu haben. Und ich bin 50 Jahre alt“, sagt der Mitbegründer und Geschäftsführer der nichtstaatlichen Organisation Integrity. Diese befasst sich seit 1995 mit Transparenz und Rechenschaft im Wirtschaftsleben und entwickelt Strategien zur Korruptionsbekämpfung. Wie Apampa dürfte es der großen Mehrheit der geschätzt 186 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner Nigerias gehen: Sie sind von Dauer und Ausmaß der aktuellen Wirtschaftskrise geschockt.

Dabei wirkt es rund um Apampas Büro, das in Jabi, einem belebten Viertel der Hauptstadt Abuja, liegt, im ersten Moment so wie immer. Vor den Fenstern rauschen Autos vorbei, und von der viel befahrenen Kreuzung klingen laute Hupkonzerte herauf. Junge Männer versuchen am Straßenrand, Scheibenwischer und selbst gebrannte DVDs zu verkaufen. Ein paar Mädchen tragen große Tabletts auf ihren Köpfen und bieten Erdnüsse an, manchmal schon fast verzweifelt. Die meisten potenziellen Kundinnen und Kunden winken indes ab. Gerade hat das Nationale Statistikbüro bekannt gegeben, dass das Land seine schlimmste Rezession seit 29 Jahren erlebt.

Mittlerweile ist die Krise auch in den weitaus kleineren Nachbarländern spürbar, für die Nigeria bisher ein Absatz-, aber vor allem Arbeitsmarkt war. Anfang September gab das Nigerianische Institut für Architekten (NIA) bekannt, dass zahlreiche Handwerker das Land verlassen hätten. In den Zeiten der Krise wolle niemand mehr bauen.

Böse Erinnerungen. In Abuja erinnert sich Soji Apampa an die Rezession in den 1980er Jahren. 1986 wurde das Strukturanpassungsprogramm (SAP) der Weltbank in Kraft gesetzt. Muhammadu Buhari (73), seit 2015 gewählter Präsident Nigerias, war damals gerade als General von seinem Nachfolger Ibrahim Babangida aus dem Amt geputscht worden. Es war einer von acht Staatsstreichen, die Nigeria seit der Unabhängigkeit 1960 erlebt hat. Buhari selbst war am Silvestertag 1983 ein Coup d’Etat gegen Shehu Shagari gelungen.

„Während der Phase des Strukturanpassungsprogramms standen die Menschen an, um Milch zu kaufen“, blickt Apampa zurück. Vor den Supermärkten in den großen Städten Nigerias bilden sich nun jedoch nirgendwo Schlangen, und die Regale sind gefüllt. Vielen Menschen fehlt es schlichtweg an Geld, um überhaupt noch einkaufen zu gehen. Für einen 50-Kilo-Sack Reis müssen KundInnen derzeit 18.000 Naira (umgerechnet rund 50 Euro) bezahlen, vor zwei Jahren waren es noch 8.500 Naira. Die Inflationsrate lag im August bei 17,6 Prozent, und die Talfahrt des Naira hält an.

Dementsprechend steigt die Wut auf Präsident Buhari. Ihm gelang Ende März 2015 zum ersten Mal in der nigerianischen Geschichte ein friedlicher Machtwechsel, und Vorgänger Goodluck Jonathan akzeptierte ohne zu zögern seine Niederlage. Doch der frische Wind ist gerade in wirtschaftlicher Hinsicht ausgeblieben. Geradezu lächerlich klingt nun die Anfang September gestartete Image-Kampagne „Change begins with me“, die zumindest teilweise bei Barack Obama abgekupfert wurde.

Doch trotzdem bleiben Proteste gegen den Niedergang bisher aus. Das hat nicht zuletzt mit den zahlreichen Volksgruppen zu tun, die in vielen Fällen unterschiedliche Standpunkte vertreten.

Alles dreht sich ums Öl. Dabei brüstet sich Nigeria gerne damit, größter Ölproduzent des Kontinents und sechster weltweit zu sein. Laut staatlicher Ölgesellschaft NNPC (Nigerian National Petroleum Corporation) werden täglich 2,5 Millionen Barrel gefördert. Schätzungen zufolge stammen 65 bis 80 Prozent des Staatsbudgets aus dem Ölgeschäft. Der Einbruch des Ölpreises ab 2014 bringt die nigerianische Wirtschaft nun immer stärker ins Straucheln.

Allerdings ist das nur ein Aspekt der Misere. In den 1980er Jahren wurde das Strukturanpassungsprogramm unter anderem notwendig, weil Nigeria nicht ausreichend für die rasant wachsende Bevölkerung produziert hat. „Das hat sich nicht geändert. Heute produzieren wir noch weniger und sind noch stärker vom Öl abhängig“, sagt Apampa.

So war die Stadt Kaduna einst das Zentrum der nigerianischen Textilindustrie und konnte tausende junge Menschen anstellen. Doch obwohl in vielen Regionen des 923.768 Quadratkilometer (ca. elfmal so groß wie Österreich; Anm. d.Red.) großen Staates Baumwolle angebaut wird, zeigt sich der Niedergang in Kaduna an zahlreichen verfallenen Gebäuden.

Auch Nigerias schwarzes Gold wird als Rohöl exportiert und muss als Benzin importiert werden. Es gibt lediglich drei Raffinerien, die häufig ausfallen.

Der Ölsektor gilt außerdem als besonders anfällig für Korruption. 2012 schätzte die heutige nigerianische Menschenrechtsaktivistin Oby Ezekwesili, die Transparency International (TI) mitgegründet hat, seit 1960 habe der nigerianische Staat 400 Milliarden US-Dollar aus den Öleinnahmen aufgrund der Korruption verloren. Im aktuellen Ranking der nichtstaatlichen Organisation dümpelt das Land auf Rang 136 von insgesamt 168. Unter der Regierung von Muhammadu Buhari wurden zwar im vergangenen Jahr ein paar besonders spektakuläre Fälle bekannt. Derzeit läuft beispielsweise ein Verfahren gegen Sambo Dasuki, den einstigen Sicherheitsberater der Vorgänger-Regierung. Von 2012 bis 2015 soll dieser rund zwei Milliarden Dollar, die eigentlich für den Kauf von Waffen für die nigerianische Armee bestimmt waren, veruntreut haben. Der große Durchbruch ist bisher jedoch ausgeblieben, obwohl die Korruptionsbekämpfung eines der Themen vor der letzten Wahl war.

Neues altes Misstrauen. Fehlendes Vertrauen in den Staat ist auch ein Grund, weshalb Nigeria stark gespalten ist. Wer nicht aus einer bekannten und wohlhabenden Familie kommt, hat so gut wie keine Chancen, innerhalb einer Partei Karriere zu machen. Ethnie und Religion füllen diese Lücke, sie bieten heute ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl. Nach Buharis Wahl – er ist Fulani, Muslim und stammt aus dem äußersten Norden des Landes – wurden in der Ölregion im Südosten so auch wieder Rufe nach Biafra und somit einer Teilung des Landes laut. Einer der lautesten Fürsprecher ist Nnamdi Kanu von der Bewegung Indigene Menschen von Biafra (IPOB), der seit vergangenem Jahr in Haft sitzt. Unter anderem wird ihm die Mitgliedschaft in einer verbotenen Organisation vorgeworfen. Kanus UnterstützerInnen sagen indes, dass ein Regierungskritiker mundtot gemacht wird. In der Geschichte Nigerias wäre das längst nicht der erste Fall.

Die Republik Biafra wurde im Mai 1967 ausgerufen. Doch die geplante Spaltung Nigerias endete in einem blutigen Bürgerkrieg, der bis Jänner 1970 dauerte und bis zu zwei Millionen Opfer forderte. Bis heute ist der Sezessionskrieg ein Tabu-Thema, das in der Schule nicht aufgearbeitet und lieber verschwiegen wird.

Vorausgegangen waren viele Gewaltausbrüche mit ethnischem Hintergrund. Bereits während der Kolonialherrschaft ließen sich zahlreiche Händler aus dem Süden im muslimisch geprägten Norden, wo die Haussa die dominierende Ethnie sind, nieder. Angehörige der Volksgruppe der Igbos, die aus dem Südosten stammen, gelten im Land als besonders geschäftstüchtig. 1966 wurden unterschiedlichen Schätzungen zufolge im Norden Nigerias zwischen 20.000 und 50.000 Igbos ermordet. Im Süden wiederum übten Igbos Rache und brachten Haussa um.

Hölle Biafra-Krieg. Dem nigerianischen Staat unter General Yakubu Gowon war alles recht, um eine Spaltung zu vermeiden. In Biafra befinden sich nämlich sämtliche Ölquellen. Paddy Kemdi Njoku, Experte für Bildung und Konfliktlösungsstrategien, hat als Kind Biafra selbst erlebt. „Es war eine bittere, blutige und grauenvolle Erfahrung“, erinnert er sich an die Kriegsjahre, „es ängstigt mich, wenn jemand versucht, eine Situation zu schaffen, die zu einer weiteren Biafra-Erfahrung führen könnte.“

Nach dem Krieg, in dem die Bevölkerung des Südostens nach und nach von allen Versorgungsmöglichkeiten abgeschnitten wurde, gab es zwar nur wenige Verhaftungen und keine Prozesse. Ziel war es, die Igbos wieder einzugliedern. „Doch wir sind dabei, die Fehler von damals zu wiederholen.“ Denn die Forderung, dass sich der Staat mehr um seine BürgerInnen kümmert, Vertrauen schafft und Einnahmen gerecht verteilt, ist bis heute nicht erfüllt worden.

Im Gegenteil: Mit den Niger Delta Avengers, den „Rächern des Nigerdeltas“, gibt es in Nigeria seit März eine militante Gruppe, die zahlreiche Öl-Pipelines in die Luft gejagt hat. Organisiert hat sich die Gruppe kurz nachdem bekannt geworden war, dass die Regierung die Zahlungen des 2009 vereinbarten Amnestie-Programms für ehemalige Rebellen aussetzen will. Zwischendurch hatte es sogar Gerüchte gegeben, dass womöglich der im vergangenen Jahr abgewählte Präsident Jonathan sowie einige Gouverneure aus der Region die Gruppierung finanzieren. Doch egal, wer es tatsächlich ist: Es ist eine sehr gebräuchliche Methode, Einfluss zu nehmen und sich mit an den politischen Verhandlungstisch zu setzen. Seit August fließen mittlerweile wieder Regierungszahlungen in das Amnestie-Programm, und es herrscht ein Waffenstillstand. Dennoch gilt die Lage weiterhin als angespannt.

Boko Haram. Im Nordosten Nigerias ist es nicht anders. Seit Anfang der 2000er Jahre führt die Terrorgruppe Boko Haram ihren brutalen Kampf. Zahlreiche BeobachterInnen warnten lange vor einer dramatischen Entwicklung in der ganzen Region. Doch erst 2015 begann eine große Militäroffensive, an der sich auch Soldaten aus den Nachbarstaaten Kamerun, Tschad, Niger und Benin beteiligen.

Nach Einschätzung von Präsident Buhari ist die Miliz heute „technisch besiegt“. „Ihr fehlt es mittlerweile an Kämpfern auf unterer Ebene“, erklärt Hussaini Abdu, Landes-Direktor der Kinderhilfsorganisation Plan International und Nordnigeria-Experte. Trotzdem geht er auch in Zukunft von spontanen Anschlägen aus.

Denn bis heute werden nicht die Ursachen des Konfliktes bekämpft: korrupte politische Eliten, Unzufriedenheit und Perspektivlosigkeit. Ohnehin hat sich für die entlegene Region im Nordosten lange niemand interessiert. Nicht einmal nach der Entführung der 276 Schülerinnen von Chibok im April 2014 – außer ihnen sind viele weitere tausend Menschen zu Geiseln der Terrorgruppe geworden – entschied sich der nigerianische Staat wirklich zu handeln.

Rund 2,5 Millionen Menschen sind im Norden zu Binnenflüchtlingen geworden. Lokale HelferInnen beklagten schon im vergangenen Jahr die katastrophale Versorgungslage. Mittlerweile geht das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) davon aus, dass 4,5 Millionen Menschen auf Hilfe angewiesen sind.

(Zweck-)Optimismus. In der Hauptstadt Abuja hält Paddy Kemdi Njoku dennoch an der nigerianischen Idee fest. „Es ist noch immer ein Land, das viele Probleme hat, aber auch zahlreiche Möglichkeiten birgt“, erklärt er.

Dabei ist es längst nicht nur das Öl des Südens, das den Norden finanziert. „Die nigerianischen Bundesstaaten alleine sind schlichtweg nicht überlebensfähig“, sagt Soji Apampa. Das gelte sogar für den Südwesten, die Heimat der Volksgruppe der Yoruba. Die ehemalige Hauptstadt und Wirtschaftsmetropole Lagos gilt als produktivste Region des Riesenstaates. Täglich zieht sie tausende, meist junge Männer aus dem ganzen Land an, die sich als Tagelöhner durchschlagen. Alle großen Unternehmen sind vertreten. „Sollte der Süden eine Abspaltung versuchen, werden die anderen Bundesstaaten nicht friedlich zusehen“, lautet Apampas Prophezeiung.

Doch auch der Süden ist vom Norden abhängig, da sich dort das Zentrum der Fleischproduktion befindet. Der riesige Absatzmarkt erstreckt sich jedoch entlang der Küste. Es gibt unzählige weitere Verflechtungen. „Ein Auseinanderbrechen verstärkt die Probleme nur“, sagt Apampa.

Die unterschiedlichen Volksgruppen müssten sich zusammenreißen und zahlreiche Eskapaden aushalten, würden aber auch voneinander lernen, stellt deshalb auch Paddy Kemdi Njoku fest. „Und genau das macht die Würze dieses Landes aus“, sagt er und lacht. Er versucht dabei, so optimistisch wie möglich zu klingen.

Katrin Gänsler ist Korrespondentin mehrerer deutschsprachiger Medien in Westafrika und lebt seit Jahren u.a. in Abuja.

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