„Viele sind unserem Beispiel gefolgt“

Der kongolesische Aktivist und Autor Emmanuel Mbolela im Gespräch mit Südwind-Mitarbeiter Manuel Preusser über die Selbstorganisation von Flüchtlingen und Menschenrechtsverletzungen im Maghreb sowie die zivile Opposition in der Demokratischen Republik Kongo.

Emmanuel Mbolela

Südwind-Magazin: Bevor Sie 2002 aus dem Kongo geflohen sind, saßen sie für kurze Zeit im Gefängnis. Was war passiert?
Emmanuel Mbolela:
Ich war damals Student. Wir organisierten eine große Demo. Wir wollten die Regierung dazu bringen, an den Verhandlungstisch zurückzukehren (im Kongo herrschte bis 2003 Krieg, bis heute gibt es Konflikte im Ostkongo, Anm. d. Red.) und alle Akteure miteinzubeziehen – also nicht nur die bewaffneten Gruppen, sondern auch die Zivilgesellschaft. Während der Demo marschierten Militäreinheiten auf, die auf uns schossen. Ich denke noch sehr oft an die Vorfälle von damals. Vor allem bedauere ich den Tod zweier Freunde, die mit mir friedlich marschierten. Sie haben es nicht verdient zu sterben.

Ich wurde wie 50 meiner MitstreiterInnen festgenommen. Als ich aus dem Gefängnis kam, war ich nicht frei. Ich war eine bekannte politische Person. Wäre ich geblieben, hätten sie mich jederzeit festnehmen, einsperren oder sogar töten können.

Auf Ihrer Flucht landeten Sie in Marokko und wurden dort für Migrantinnen und Migranten aktiv. Wie kam es dazu?
In Subsahara-Afrika haben wir als Migranten weniger Probleme, weil man uns auf den ersten Blick nicht von den Einheimischen unterscheiden kann. Aber im Maghreb verrät uns unsere Hautfarbe sofort. Dort muss man ständig damit rechnen, kontrolliert und zurückgeschoben zu werden. Europa übt viel Druck auf die nordafrikanischen Länder aus, damit diese die Flüchtlingsbewegungen stoppen. Und: Migranten haben in diesen Ländern keinen Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Ausbildungsmöglichkeiten und gesundheitlicher Versorgung. Die Situation ist sehr prekär.

Deswegen gründeten Sie mit anderen ARCOM, die kongolesische Vereinigung der Flüchtlinge und Asylwerber. Mit welchen Zielen?
Um die Rechte und die Freiheit der Flüchtlinge zu verteidigen. Außerdem wollten wir menschenverachtende Abschiebungen öffentlich machen. Zunächst mussten wir die Flüchtlinge selbst sensibilisieren und informieren. Dann sind wir mit marokkanischen und europäischen Menschenrechtsorganisationen in Kontakt getreten. Über unsere Partner konnten wir unsere Informationen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Vor ARCOM gab es keine andere Organisation, die sich für die Rechte von Flüchtlingen in Marokko einsetzte. Seither wurden viele autonome Migranten-Organisationen gegründet – auch weil sie unserem Beispiel gefolgt sind.

Verbessert Entwicklungshilfe die Situation in Ländern wie dem Kongo?
Die Entwicklung muss von innen kommen. Europa müsste aufhören, Diktaturen zu unterstützen und stattdessen gute Regierungsführung und die Einhaltung der Menschenrechte in Afrika vorantreiben, sodass sich afrikanische Länder selbst entwickeln können.

Kann sich im Kongo eine zivile Opposition organisieren?
Es gibt eine zivile Opposition, die jeden Tag hart arbeitet. Leider ist sie Opfer massiver Repression der Staatsmacht. Die Gefängnisse im Kongo sind voll mit Oppositionellen, kritischen Journalisten und Menschenrechtsaktivisten.

Manuel Preusser ist Online-Redakteur und freier Journalist in Wien. Momentan absolviert er sein Masterstudium Internationale Entwicklung.

Emmanuel Mbolela ist in der Demokratischen Republik Kongo geboren, studierte Ökonomie und musste nach kurzer Haft das Land 2002 verlassen. Seit 2008 lebt er in den Niederlanden. Seine autobiographische Erzählung „Mein Weg vom Kongo nach Europa – Zwischen Widerstand, Flucht und Exil“ (mit einem Vorwort von Jean Ziegler) ist im Mai 2014 im Mandelbaum Verlag erschienen.

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