Völker am Wasser

Von Werner Hörtner ·

Der Schriftsteller und Kulturphilosoph Édouard Glissant, selbst auf der kleinen Karibikinsel Martinique geboren, betreut eine Buchreihe über Völker, die nur vom Wasser aus erreichbar sind. Er selbst schrieb den Band über die Osterinsel.

Auf Initiative der UNESCO brach im Juli 2004 das Dreimast-Segelschiff „La Boudeuse“, die Schmollende, von Korsika zu einer Weltumsegelung auf. Mit an Bord zwölf von Édouard Glissant ausgewählte Schriftsteller und Journalisten. Drei Jahre später kehrte das Schiff wieder zum Ausgangsort zurück, nachdem es auf zwölf Expeditionen acht auf Inseln lebende Völker besucht hatte. Mit an Bord der italienische Erfolgsautor Antonio Tabucchi, der spätere Nobelpreisträger J. M. G. Le Clézio, der einstige Revolutionsideologe aus Frankreich Régis Debray sowie die zwei Künstlerinnen Federica Matta und Sylvie Séma, letztere die Ehefrau Glissants. Von ihr erhielt er auch die Informationen und Kontakte, um dieses Buch überhaupt schreiben zu können. Der 82-jährige karibische Schriftsteller selbst konnte aus Altersgründen an der Reise nicht teilnehmen. Der engagierte Heidelberger Verlag Wunderhorn (www.wunderhorn.de) plant nun die Herausgabe der ganzen Buchreihe.

Bei der Erwähnung von Rapa Nui, wie die polynesischen UreinwohnerInnen die Osterinsel nennen, tauchen bei den meisten von uns wohl sofort die Moai vor dem geistigen Auge auf, die kolossalen Steinfiguren, die seit Jahrhunderten die Phantasie der Menschen und den Wissensdrang der ForscherInnen beflügeln. Doch ihr eigentlicher Zweck und auch der Zeitpunkt ihrer Entstehung liegen noch im Dunkeln und werden dort wohl für immer bleiben. Ein auf ein schweres Erdbeben folgender Tsunami schleuderte 1960 die tonnenschweren Moai über 100 Meter ins Landesinnere; später wurden sie mit japanischer Hilfe wieder am ursprünglichen Standort aufgestellt.

Der Kulturphilosoph von der Antilleninsel ist auch dichterisch tätig, und so beschreibt er nicht die Osterinsel, sondern er gestaltet sie neu aus dem Geist des Mythos, in dem alles „fast wahr“ ist, wie er mehrmals erwähnt. Einsamkeit und Leere liegen über der unwirtlichen Insel, über die ein ständiger Wind schwere Wolken treibt. „Am Ende bist du mit der Leere und der Unendlichkeit konfrontiert, wenn du die großen Steinleiber kreuzt, die am Wegrand hingestreckt liegen, oder sie in ihrem Ausgangsgestein entdeckst, am Boden, noch bevor sie geboren sind … in ihrer verzweifelten Einsamkeit wie in eine Steppe verbannt.“

Die Besiedlung der Myriaden von Inseln und Inselchen, die die unermessliche Weite Ozeaniens bedecken, ist heute noch Gegenstand verschiedener Theorien. Le Clézio, der in derselben Buchreihe einen Band über die Insel Raga (Vanuatu) veröffentlichte, meint, es sei ein Gemisch verschiedener Gründe gewesen, die die Menschen ihre Heimat im ostasiatischen Raum verlassen ließ: die Bedrohung durch Krieg, Verbannung, Hungersnot, Naturkatastrophen.

Der Dichter Glissant sieht den Ursprung der Besiedlung der Osterinsel in einem Konflikt zweier Herrscher am Rande der Südsee, oder in Japan vielleicht. Der Unterlegene suchte mit seinen Getreuen, im wahrsten Sinne des Wortes, das Weite, bis ins Herz von Ozeanien. Und als sie schließlich irgendwo landeten, auf einer kargen Insel, da legten sie die Schiffe umgekehrt auf das Land, damit es als Haus diene: Das Langhaus mit einem Strohdach in der Form eines umgekehrten Bootes ist ein ritueller Brauch in der ozeanischen Inselwelt. Vielleicht versinnbildlicht diese Darstellung die Reise ohne Rückkehr, meint Glissant.

Die Europäer, einschließlich der europäischen Ex-Kolonien Chile und Peru, brachten der Insel nicht nur ihren heutigen Namen, sondern auch Zerstörung und Verderben. Ein holländischer Seefahrer landete am 5. April 1722 auf Rapa Nui, und da es gerade der Ostersonntag war, nannte er sie Osterinsel.

Binnen weniger Jahre landeten auch die Spanier, die Franzosen und James Cook auf der Insel; die von ihnen eingeschleppten Krankheiten dezimierten die Bevölkerung. Peruanische Sklavenhändler verschleppten an die 1.500 Insulaner als Zwangsarbeiter nach Peru. Ein französischer Ex-Offizier sperrte die UreinwohnerInnen überhaupt in ein Lager, um den Großteil der Insel für Schaf- und Rinderzucht zu verwenden. 1877 lebten nur mehr 111 Personen auf der Insel – gegenüber etwa 11.000 ein halbes Jahrtausend zuvor. 1888 wurde die Insel von Chile annektiert.

Der Niedergang der Osterinsel, die Dezimierung der Bevölkerung und der Raubbau an der Natur dürften schon vor Ankunft der Weißen begonnen haben, durch Stammeskriege, Kulturverfall und Zerstörung des Ökosystems. Glissant kokettiert mit der Idee, die UreinwohnerInnen hätten ihre Wälder zerstört, um sich selbst den Traum von einer Rückkehr zu verwehren: ohne Holz keine Schiffe.

Édouard Glissant: Das magnetische Land. Die Irrfahrt der Osterinsel Rapa Nui. Aus dem Französischen von Beate Thill. Verlag Wunderhorn, Heidelberg 2010, 97 Seiten, € 16,80


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