Vom Favela-Kind zum Akrobaten

Von Georgia Schultze ·

In den Armenvierteln von Rio de Janeiro haben die Drogenbosse die Herrschaft an sich gerissen – vor allem die Kontrolle über die dort lebenden Kinder. Ein außergewöhnliches Zirkusprojekt bietet Straßenkindern neue Perspektiven

Die gesellschaftlichen Probleme von Rio de Janeiro sind seit langem außer Kontrolle geraten. „Die Anzahl bewaffneter Jugendlicher ist offensichtlich gestiegen“, sagt Fátima Cecchetto. Die Ethnologin setzt sich seit Jahren mit dem Thema Jugend und Gewalt auseinander. Immer jünger würden die Kinder werden, ihre Waffen immer schwerer: „Daraus resultieren immer mehr gewaltsame Konflikte, die viel dramatischer sind, als sie je waren.“ Neun bis zwölf Jahre alt seien die Kinder, die in den Drogenhandel eintreten, berichtet Atila Guimarães aus eigener Erfahrung. Der hagere Mann ist seit 13 Jahren Psychologe in Rocinha, einem der größten Slums in Lateinamerika. Er meint, dass der Staat gescheitert sei, denn er gebe den Kindern keine Aussicht auf sozialen Aufstieg. Der Drogenhandel hingegen schon.
Auch die Polizei kennt die Umgebung, in denen diese Kids heranwachsen. Den Kindern fehle eine Lebensperspektive, meint die Polizistin Leila Goulart da Souza: „So landen sie auf der Straße, werden kriminell und immer gewalttätiger.“

In den Armenvierteln von Rio de Janeiro tragen sie buchstäbliche Schlachten aus. Die Favelas von Rio de Janeiro müssen sich schwer bewaffneten Banden von Straßenkindern beugen, für die ein Menschenleben nichts zählt. „Mit 13 Jahren hat sie zum ersten Mal getötet“, erzählt Guimarães von einer Patientin, die als Drogenkurier arbeitete, „ein Kunde hat versucht, sie zu missbrauchen. Sie hat x-Mal mit einem Messer auf ihn eingestochen“. So machte das Mädchen schnell Karriere im Business: Es wurde zur Auftragsmörderin. Kein Einzelfall. Guimarães berichtet von einem Burschen, der als Zehnjähriger in die Hände der Drogenmafia geriet: „Er war für seine extreme Grausamkeit bekannt. Das Töten hat ihn völlig kalt gelassen.“ Der Psychologe kommt ins Stocken, als er erzählt, der Bursch habe Menschen mit einer Motorsäge in Stücke geschnitten.
Die Favela-Kinder suchen eine Identität, erklärt der Soziologe und Polizeioberst Antônio Carlos Carballo Blanco. Seit 22 Jahren ist er bei der Polizei, hat die Entwicklung mitverfolgt. Er sagt, die Kinder würden für die Gesellschaft nicht existieren. „Wenn wir ein Straßenkind sehen, schauen wir durch es hindurch.“ Die Waffe schenke den Kindern in den Armenvierteln Beachtung und Identität.
Mitten in einem derartigen Armenviertel, zwischen heruntergekommenen Häusern, steht ein großes, blaues Zelt. Musik dröhnt aus einem Kassettenrekorder, laute Kinderstimmen sind weit in die Straßen des Armenviertels Baixada Fluminense am Stadtrand von Rio de Janeiro zu hören. Wenn man das Zelt vom Circo Baixada betritt, wird klar: 500 Kinder machen Zirkus, im wörtlichen Sinn. Einen Sack Flöhe zu hüten, ist leichter. Das zumindest möchte man meinen.
Nur ein Junge scheint den ganzen Rummel um sich herum nicht wahrzunehmen: Roger. Konzentriert balanciert der dunkelhäutige Bursche souverän auf einem Einrad. Er ist einer der kleinen Artisten im Circo Baixada. „Das war total einfach zu lernen“, mimt er den Coolen. Doch dann gibt er zu: „Ich bin nervös, aufgeregt, alles zugleich!“ Als alle applaudieren, ist er sichtlich erleichtert: „Wie schön, wenn alle Leute in die Hände klatschen.“
Obwohl es an diesem Donnerstag nur eine Probe ist – die Aufregung ist deutlich zu spüren. Die Kleinen haben sich viel vorgenommen. Am Wochenende sollen sie bei der Eröffnung eines Kulturzentrums ihre Show zeigen. Mit höchster Konzentration üben die Kinder Akrobatik, Trampolin springen, Einrad fahren oder zeigen ihr Können am Trapez.

Es ist drückend heiß unter der Zirkuskuppel. Auf der Bühne laufen sich riesige Gestalten warm. Eine lebende Mauer aus Stelzengängern ist jetzt an der Reihe. Mit erstaunlicher Gelassenheit und Präzision bilden die Kinder immer wieder neue Figuren mit ihren verlängerten Beinen. Drei Mädchen hängen am Trapez. Ohne mit der Wimper zu zucken, lassen sie sich kopfüber in die Seile fallen, knien sich hin und wippen auf den Seilen. Auch wenn sie nur zwei Meter über dem Boden baumeln, ballen so manche ZuschauerInnen die Hände zu Fäusten.
Einrad fahren, Akrobatik, Jonglage. Nicht alles klappt. Was nur umso deutlicher macht, mit wie viel Anstrengung die scheinbar mühelosen Darbietungenverbunden sind. Zum Finale tanzt die Ballettgruppe auf die Bühne, begleitet von einer Trommlertruppe. Catanede gleitet von der Brücke scheinbar übergangslos in den Spagat. Die 12-Jährige ist schon ein Profi. Seit zwei Jahren macht sie beim Circo Baixada mit. „Tanzen mag ich am liebsten“, erzählt das kleine Mädchen voller Begeisterung. Jeden Tag trainiert sie für den Applaus. Vor einer Show ist auch sie nervös. Aber sobald sie auf der Bühne stehe, werde sie ganz ruhig. Douglas ist als Trommler dabei. Auch ihn lassen die Vorstellungen nicht kalt. Vor dem Publikum aber erscheint er trotz flatternder Nerven lustig und gelöst. Wie ein Profi eben. „Das Trommeln gibt mir Kraft.“
Sechs Jahre war Douglas alt, als er auf den Stränden von Rio de Janeiro mit seiner Mutter Süßigkeiten verkaufte. „Die anderen Kinder haben Touristen ausgeraubt, Drogen genommen“, berichtet er: „Das war ziemlich schlecht!“ Heute ist der Bub zwölf Jahre alt und einer der kleinen Stars des ungewöhnlichen Sozialprojekts. Der Zirkus habe sein Leben verändert: „Im Zirkus ist es besser, als auf der Straße rumzuhängen! Hier kann ich etwas lernen.“ Er träumt davon, eines Tages Artist zu werden: „Was für ein schönes Leben!“, sagt der 12-Jährige mit ernsthaftem Blick. „Eine Karriere im Fußball würde mir noch besser gefallen“, überlegt er laut.
Douglas’ Mutter hat noch sechs weitere Kinder. Das Jüngste, gerade ein paar Wochen alt, hält sie im Arm. Keines ihrer Kinder muss mehr auf der Straße arbeiten. Sie betrachtet den Zirkus auch als Hilfe, um ihren Sohn von den Drogen fern zu halten. Er sei viel ruhiger, seit er beim Zirkus ist: „Davor war er sehr aufgedreht“, erzählt die Frau mit den kurzen schwarzen Locken. Sie habe viele in Douglas’ Alter gesehen, die in die Fänge der Drogenhändler gerieten.

Der ungewöhnliche Zirkus ist keine Schule für ArtistInnen im herkömmlichen Sinn, betont José Cândido de Oliveira Boff: „Wir versuchen bei diesem Sozialprojekt mit den armen Straßenkindern eine neue Lebensperspektive zu erarbeiten: Eine Zukunft abseits der Straßen, indem wir ihre Kapazitäten nutzen und ihnen eine neue Identität geben.“ Eine Art Lebenshilfe für Kinder, deren Schicksal eigentlich schon besiegelt schien. „Coordenador geral“ steht auf der Visitenkarte von José. Dabei ist er eigentlich Zirkusdirektor. Insgesamt 24 Personen sind in das Projekt eingebunden. Ein durchaus erfolgreiches, denn das Zirkusprojekt wird mittlerweile gut gebucht. „Wir versuchen so viele unterschiedliche Shows wie möglich anzubieten. Pro Monat kreieren wir ein neues Programm“, erzählt José. Shows gehören zum pädagogischen Konzept, erläutert er: „Die Kinder werden plötzlich in einem anderen Licht gesehen – nicht mehr als Straßenkinder, sondern als Artisten.“
Finanzieren kann sich das Kinderzirkusprojekt aber durch die Auftritte noch lange nicht. Es wird unter anderem von der Norwegian Church Aid (Norwegische Kirchenhilfe) und Terre des Hommes unterstützt. „Das Projekt ermöglicht den Kindern, ihre eigenen Fähigkeiten kennen zu lernen“, erzählt Mônica Solon von Terre des Hommes Brasilien. Es werde nicht auf das Wert gelegt, woran es den Kindern mangelt: „Es fehlt ihnen an vielem, aber sie haben ein so großes Potenzial und so viele Fähigkeiten, die sie im Leben brauchen können!“ Dieses Potenzial in „eine neue Bestimmung“ zu führen, die sie sich selbst schaffen müssen, sei das Ziel des Projekts. „Sie müssen wieder lernen zu träumen, dann wird sich auch ihr Leben verändern“, ist die junge Frau überzeugt. Denn im Projekt Circo Baixada, das es seit vier Jahren in dieser Form gibt, lernen die Kinder nicht nur, sich auf dem Trapez zu bewegen, mit Keulen zu jonglieren oder einen Spagat zu machen, sondern sie sind auch gleichzeitig künstlerische LeiterInnen, ChoreographInnen, ProduzentInnen und suchen die Musik selbst aus. Dabei sollen sie lernen, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, erklärt die pädagogische Koordinatorin Clause Sabrito.
Wenn die kleinen ZirkuskünstlerInnen in der Manege erscheinen, verwandeln sie sich in Akrobaten, Jongleure und Prinzessinnen. Jetzt sind sie glücklich, das ist offensichtlich.

www.terradoshomens.org.br

Georgia Schultze hat in Innsbruck Politikwissenschaft studiert und arbeitet als freie Journalistin für Printmedien und den ORF.

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