Vom Schtetl ins East Village

Jede Menge Klezmer: Das Klezmore Festival in Wien geht bereits zum 16. Mal über die Bühne, wie immer hochkarätig besetzt.

Von Werner Leiss

Jiddische Lieder osteuropäischer Herkunft neu interpretiert: Die seit 1986 aktiven Klezmatics.© Joshua Kessler

Klezmer: Die Musik aus dem osteuropäischen Schtetl hat eine lange Tradition. Die alten Klänge der Aschkenasim wurden von den Klezmorim, den VolksmusikantInnen, insbesondere bei Hochzeiten und Festen gespielt. Sie wurden im 19. Jahrhundert durch die Auswanderungswellen in weiten Teilen Westeuropas und den USA verbreitet.

Außerhalb jüdischer Communities fand sie jedoch erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts größere Beachtung. Als erste Klezmer Revival Band gelten The Klezmorim, die 1975 im kalifornischen Berkeley gegründet wurden.

Dass Klezmermusik in den verschiedensten Ausformungen mittlerweile ein wichtiger, nicht wegzudenkender Bestandteil der sogenannten Weltmusik geworden ist, ist auch Menschen wie Friedl Preisl zu verdanken, seines Zeichens ein unbeirrbarer Kulturveranstalter, der unter anderem auch für das erfolgreiche Internationale Akkordeonfestival Wien verantwortlich zeichnet.

Tradition & Innovation. Erstmals fand das Klezmore Festival 2004 statt. In den Jahren seither hat es sein Profil ständig weiterentwickelt. Im Kern mit dieser speziellen, jüdisch verwurzelten Spielart von Musik beschäftigt, widmet es sich insbesondere den weiterführenden Aspekten – zwischen Traditionspflege und Innovation.

Das führt direkt zu einem Ensemble, das dieses Jahr die Eröffnungsgala im Wiener Jazzclub Porgy & Bess bestreiten wird. Niemand geringerer als die Klezmatics werden dort konzertieren: Gegründet 1986 im New Yorker East Village, zählen sie zweifellos zu den berühmtesten und innovativsten Klezmer-InterpretInnen.

Dabei haben sie stets auch andere Genres zugelassen und auf virtuose Weise in ihr musikalisches Programm einfließen lassen: Jazz, Latin, Ska, aber auch Vertonungen von Texten des US-amerikanischen Singer-Songwriters Woody Guthrie. Dem hätte sicherlich auch sonst die progressive politische Haltung der Klezmatics gefallen. Zuletzt veröffentlichte die Band ein recht pures Album ohne genreübergreifende Experimente.

Jüdische Melodien mit Stilen aus dem Osten und Westen zu kombinieren, Altes und Neues zu mischen, darauf verstehen sich bestens vier hochklassige Musikerinnen aus Israel. The Eve´s Women Band, so heißt das Quartett, das sich auch mit der musikalischen Umsetzung alter Gebete beschäftigt und Ausflüge in Jazz und Rock unternimmt. Klezmer-Interpretationen kommen dabei nicht zu kurz.

Russisches Autorenlied. Der aus Detroit stammende und schon seit etlichen Jahren in Berlin beheimatete Daniel Kahn wird international für seine einzigartige Zusammenführung von Klezmer, Punk, Folk und Lyrik gefeiert. Nach dem Album „Butcher´s Share“ mit seiner Band Painted Bird – einem Werk mit einem gerüttelt Maß Punk-Attitüde, samt gewohnt politischer Haltung mit gnadenloser Systemkritik, ein radikal-poetisches Werk ohne Kompromisse – beschäftigt er sich nun mit Bulat Okudzhava. Bei Okudzhava handelt es sich um den spirituellen Vater aller russischen Liedermacher und einem Mitbegründer des sowjetrussischen Autorenliedes.

Über den Umweg einer jiddischen Übersetzung mithilfe von Russisch sprechenden Freunden gelangen kongeniale Übersetzungen ins Englische. Beim Festival ist Kahn gemeinsam mit dem russischen Gitarrenvirtuosen Vanya Zhuk zu Gast, der auf der russischen siebensaitigen Roma-Gitarre zu hören sein wird, am 16. November im Vindobona.

Noch ein Highlight: Bei der Abschlussgala kommt die Originalbesetzung von Großmütterchen Hatz & Klok, gemeinsam mit singenden Nichten und Neffen sowie Brüdern auf die Bühne, die Schlagzeug oder Hammondorgel spielen, und unternimmt eine klingende Reise von Kroatien, Serbien über die Steiermark nach Südtirol bis in die Schweiz.

Ein umfangreiches Rahmenprogramm bietet zudem Lesungen und Filme, auch für Kinder ist etwas dabei.

Das Klezmore Festival läuft von 9. bis 24. November.

www.klezmore-vienna.at

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