Von der Müdigkeit, ein Mensch zu sein

Angesichts des zerstörerischen Umgangs des Menschen mit der Natur, manifestiert im weltweiten Gletschersterben, hält Ilija Trojanow der raffgierigen Killer-Zivilisation einen Spiegel vor.

Von Werner Hörtner
Ilija Trojanow

In der Hauptsaison kommen die Riesen-Luxusliner über Buenos Aires in Ushuaia an, der Hauptstadt der südargentinischen Provinz Feuerland. Massenweise überfluten die Passagiere für ein paar Stunden die einzige Einkaufsstraße der Hauptstadt. Dann geht es weiter Richtung Antarktis. Ushuaia ist der Ausgangspunkt für die Erlebnisreisen in die noch größte intakte Eisregion der Welt.

Es wird immer schwieriger, die Erlebnisgier zu stillen. Da sind die „Expeditionsreisen“ in die Antarktis gerade geeignet, das Gefühl der Einzigartigkeit zu vermitteln. Die geschmalzenen Preise erhöhen noch das Gefühl der Exklusivität.

In Trojanows neuestem Buch „Eistau“ werden die Expeditionsgäste auf dem Schiff von einem ganzen Team von Fachleuten betreut, die ihnen das nötige Wissen über die Tierwelt, über Ozeanographie, Klimatologie und Geologie vermitteln. Auch ein deutscher Glaziologe ist mit von der Partie, Mister Iceberger, wie der etwas verschrobene ältere Sonderling von jedem genannt wird. Durch einen krankheitsbedingten Ausfall wird er sogar zum Expeditionsleiter ernannt. Er ist diesem Abenteuertourismus gegenüber kritisch eingestellt, doch er tut mit. „Deine Empörung ist ein Furz!“, kritisiert ihn wütend ein Kneipenwirt bei einem der Kurzaufenthalte in Ushuaia; „du lässt Luft ab, du stänkerst herum, ansonsten bist du wie alle anderen, nein, schlimmer noch“.

Eigentlich heißt der Herr Iceberger Zeno Hochmeier und stammt aus Bayern. Fast sein ganzes Berufsleben widmete der Glaziologe der Erforschung der Gletscher in seiner Heimat, erlebte den Verfall „seines“ persönlichen Gletschers mit – und schließlich dessen Tod.

Die weltweite Gletscherschmelze ist mittlerweile schon durch viele Studien belegt. Ab 2050, so eine neue Untersuchung der Schweizer Universität Fribourg, wird kein Schmelzwasser mehr in die Flüsse Europas gelangen, mit verheerenden Auswirkungen auf den Schiffsverkehr, die Landwirtschaft, die Trinkwasserversorgung.

Im tiefen Süden, in der Antarktis, bildet das Eis noch ein tausende Meter dickes Schild; hier herrscht noch die radikale Freiheit des Eises. Doch selbst hier sind die Zeichen des Klimawandels, der Erderwärmung, der Zerstörung bereits ersichtlich.

Mr. Iceberger erlebte und erlitt die Zeichen der Zerstörung bei seinen Gletschervermessungen in Deutschland, und er erlebt sie auch in der Antarktis. Trotz einer schönen zärtlichen Liebesgeschichte mit Paulina, einer philippinischen Kellnerin auf dem Kreuzfahrtschiff, der MS Hansen, verdunkelt sich der Gemütszustand des Expeditionsleiters. Seine Position als Verwalter des touristischen Geschäftsgeistes drängt ihn immer tiefer in eine ausweglose Verzweiflung. „Was tun in einer Welt, wo die Raffgier der Menschen nun auch die Antarktis als Objekt entdeckt hat und ausbeutet? In der die Pelzrobben, die See-Elefanten und die Wale der Rendite wegen ausgerottet werden. Und in der die Gletscher einfach sterben, ausapern, ein paar verschmutzte Eisbrocken zurücklassend wie Bauschutt.“


Ilija Trojanow: EisTau
Roman. Hanser Verlag, München 2011, 173 Seiten, EUR 19,40
Wer ein kostenloses Exemplar des neuen Trojanow-Buches will: siehe Gewinnspiel auf S.41.
Lesungen des Autors zum neuen Buch:
5.9., Wien, Alte Schmiede
6.9., Wien, Porgy & Bess

Auch ein weltberühmter Popstar mit Öko-Seele hat von den Zeichen der Zerstörung in der Antarktis gehört. Mit Hilfe der Kreuzfahrtpassagiere will er ein riesiges „SOS“ in einem Eisfeld markieren, ein großes Spektakel, von dem die ganze Welt erfahren soll – und bei dem auch die Unterstützung von Mr. Iceberger erwartet wird.

Da nimmt eine Idee im Kopf des Zerrissenen Gestalt an, der Augenblick des Handelns kommt. Wie wäre es, wenn aus dem gekünstelten SOS Wahrheit wird, wenn tatsächlich ein Notfall eintritt?

„MS Hansen in der Antarktis entführt“, tickt es über die Nachrichtenagenturen der ganzen Welt, und etwas später „Schicksal der MS Hansen weiterhin ungewiss“. Schließlich die beruhigende Meldung: „Gestrandete vom Eis gerettet.“

Ilija Trojanow schildert den Verfall der Gletscher und seines Protagonisten Mr. Iceberger mit dem leidenschaftlichen Zorn eines Autors, der mitleidet mit unserem zerstörerischen Umgang mit der Natur. Und nicht nur hinsichtlich der Gletscherwelt: „Wir zerstören alles, was sich auf die Seite der Natur stellt.“ Oder: „Wir haben die Vielfalt der Natur erfolgreich durch das Gitter unserer Einfalt gepresst.“ Und schließlich das Bekenntnis des Glaziologen: „Ich bin es müde, Mensch zu sein.“

Der weltgereiste und welterfahrene Schriftsteller stellt sein Thema mit der gewohnten Sprachkunst dar. Und auch mit Wortwitz, wobei er immer wieder an den großen britischen Künstler Samuel Beckett erinnert. Bei den drei Mädchen etwa, die „mit unbeschriebenen Gesichtern“ in ein Zugabteil einsteigen, fiel dem Rezensent gleich Becketts Frau ein, der „die Sonne rachsüchtig auf das fehlende Kinn fällt“. Bestechend auch die Sparsamkeit des Autors mit der Sprache, seine Reduktionsfähigkeit. Endlich ein Schreiber, der nicht unbedingt ein Buch mit 800 Seiten auf den Markt bringen muss. Die Deutlichkeit der Tragödie lässt auch so nichts zu wünschen übrig.

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