Von der Nähmaschine zum Hungertuch

Die Textilindustrie sichert in Bangladesch Millionen Menschen das Überleben. An welchem seidenen Faden dieses aber hängt, zeigt die Corona-Krise.

Von Ralf Leonhard

Kleiderherstellung in den Fabriken in Zeiten von Corona: mit Abstand und Maske.© K M Asad / dpa / picturedesk.com

Bangladeschs Wirtschaft boomte. Das südasiatische Land erwartete 2020 ein zweistelliges Wachstum – das höchste der Region – und den Aufstieg aus der Gruppe der „am wenigsten entwickelten“ Länder zu den „Entwicklungsländern“. Dann kam COVID-19, der Lockdown brachte eine nahezu völlige Einstellung des Geschäftslebens und damit verbundene Massenentlassungen.

Millionen Beschäftigte sahen sich vor die Wahl gestellt, unter Ansteckungsgefahr Arbeit zu suchen oder zu Hause zu hungern. Auf Erspartes konnten bzw. können sie nicht zurückgreifen, denn die Löhne in der Textilindustrie sind die niedrigsten weltweit.

Der Textilsektor und die Geldsendungen von ArbeitsmigrantInnen sind die größten Stützen der Wirtschaft Bangladeschs. Die internationale Textilindustrie hat Anfang der 2000er Jahre das 165 Millionen EinwohnerInnen zählende Land zur Nähstube der Welt gemacht. Allein die Bekleidungsindustrie trägt 13 Prozent zum Bruttosozialprodukt bei und beschäftigt fast vier Millionen Menschen.

Ein großer Faktor sind auch Geldsendungen von bangladeschischen MigrantInnen in die Heimat, sogenannte Remittances: ÖkonomInnen erwarten einen Rückgang von 22 Prozent gegenüber den 14 Milliarden US-Dollar von 2019.

Über eine Million ArbeitsmigrantInnen sind wegen der Pandemie aus ihren Einsatzländern – vorwiegend im Nahen und Mittleren Osten – zurückgekehrt, weil auch dort die Wirtschaft durch Corona lahmgelegt wurde.

Eine weitere Folge davon: Die Bedeutung des Textilsektors in Bangladesch als Arbeitgeber steigt noch zusätzlich.

Lockdown & Ramadan. Der Lockdown fiel mit dem Fastenmonat Ramadan zusammen. Die Regierung des muslimischen Landes erklärte die Wochen vom 26. März bis zum 5. Mai zu öffentlichen Feiertagen. Schulen, Universitäten, Transportunternehmen und Fabriken mussten deswegen geschlossen bleiben. Trotzdem begann die anfangs noch flache Infektionskurve im April explosionsartig zu steigen. Während ein Teil der Fabriken unter den Auftragsstornierungen litt, musste ein anderer die verordnete Pause – gegen die ausdrückliche Empfehlung des Gesundheitsministeriums – schon am 26. April beenden. Hunderte Betriebe im Industriegürtel um die Hauptstadt Dhaka nahmen die Arbeit wieder auf, um Aufträge von Mode-Labels in Europa und den USA abzuarbeiten und Liefertermine einzuhalten.

Wie die lokale Tageszeitung Financial Express berichtete, trugen viele der Beschäftigten das Virus bereits in sich, was nicht ohne Folgen für die Belegschaft geblieben sei.

Mitte Mai berichtete die NGO Bangladesh Center of Workers Solidarity, die seit Jahren um menschenwürdige und sichere Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie kämpft, von 96 Infektionsfällen in Textilfabriken, obwohl maximal 70 Prozent der jeweils im Betrieb Beschäftigten arbeiten durften.

Existenzbedrohende Lohnausfälle. Mehr als 1.100 der rund 4.500 Textilfabriken sahen sich Ende April mit Auftragsstornierungen konfrontiert. In mehreren Fällen betraf das Kleidung, die bereits exportfertig bereit war, wie das Asia & Pacific Policy Forum berichtete. Nur 14 Konzerne zeigten sich bereit, für Aufträge aus der Vor-Corona-Zeit zu bezahlen. Der große Rest der Unternehmen wälzt seine eigenen Absatzprobleme auf die Erzeuger ab.

Im Juni waren 47 Prozent der TextilarbeiterInnen ohne Einkommen. Ein von der Regierung bereitgestelltes Kreditpaket über 589 Millionen Dollar wurde von Fabrikbesitzern und Arbeitnehmervertretungen willkommen geheißen, aber als viel zu gering bewertet. Insgesamt fallen monatlich allein 423 Millionen Dollar an Lohnkosten an.

Aktuell haben viele Betriebe die Lohnzahlungen eingestellt, um Insolvenzen abzuwenden. Mehr als 150.000 ArbeiterInnen sahen zwei Monate lang kein Geld. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen mit geringen Gewinnmargen sind bedroht. Ihr Konkurs würde zigtausende Arbeitsplätze vernichten.

Gleichzeitig ist der Wegfall eines Monatsgehaltes für die allermeisten Beschäftigten der Textilindustrie aufgrund der auch vor Corona schon prekären Löhne sofort existenzbedrohend.

Deswegen war Dhaka schon am 15. April Schauplatz einer großen Demonstration von Gewerkschaften und ArbeiterInnen, deren zentrale Forderung die Auszahlung der März-Löhne war.

Die EU wird aktiv. Reagiert hat kurzerhand die Europäische Union. Sie beschloss Zuschüsse in der Höhe von 90 Millionen Euro an die bangladeschische Textilindustrie, die direkt an eine Million arbeitslose TextilarbeiterInnen drei Monate lang bis inklusive August als Lohnersatz ausgezahlt wurden.

Alle Beteiligten hoffen auf eine rasche Rückkehr der europäischen KonsumentInnen in die Geschäfte, damit die Auftragsbücher wieder voll und die Nähmaschinen ausgelastet werden.

An die neue Situation selbst angepasst hat sich die Textilabteilung der BEXIMCO Group, des größten Privatkonzerns Bangladeschs. Die Hälfte der 40.000 Beschäftigten nähen nun Gesichtsmasken und Schutzanzüge.

Nach einem Bericht der South China Morning Post hat BEXIMCO allein im Mai 6,5 Millionen Einheiten für die USA gefertigt. Syed Naved Husain, Direktor der Textilabteilung, rechnet mit gleichbleibend hoher Nachfrage bis Jahresende und glaubt, dass der Umsatz den von 2019 übersteigen wird.

Anders als die Sommerkonfektion werden die Masken wohl so schnell nicht aus der Mode kommen. Österreichische Wirtschaftstreibende sehen Kleidung als verderbliche Ware, die nächstes Jahr nicht mehr verkauft werden kann, und beanspruchen Gelder aus dem Corona-Fonds.

Die Clean Clothes Kampagne (CCK) sieht darin ein politisches Bekenntnis und die Befürwortung des ausbeuterischen „Fast Fashion“-Geschäftsmodells und fordert, dass sich auch Modeketten an Menschenrechten und Klimazielen orientieren.

Gertrude Klaffenböck, Koordinatorin der CCK in Österreich: „Die globale Modeindustrie hat sich mit dem Dauerlauf von immer billiger, immer mehr und immer schneller selbst in eine Krise manövriert, die durch COVID-19 verstärkt wird“, so Klaffenböck. „Und an deren Anfang der Lieferkette stehen massive Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen“, betont sie.

Ralf Leonhard ist freier Journalist & Autor und schreibt seit über 35 Jahren für das Südwind-Magazin.

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