Von Menschen und Mördern

Der Film „The Act of Killing“ bringt indonesische Massenmörder vor die Kamera. Vor einem Gericht mussten sie sich bislang nicht verantworten. Ein Blick in den Abgrund unaufgearbeiteter Geschichte.

Von Anett Keller
Die Opfer des Massakers von 1965 sind bis heute nicht rehabilitiert. (Filmausschnitt)

Man stelle sich vor: Eine Gruppe ehemaliger SS-Schergen inszeniert sich vor einer Kamera und spielt nach, wie sie Juden umgebracht haben. Sie singen und tanzen dabei, tragen bizarre Outfits in knalligen Farben und brüsten sich mit ihren Gewalttaten. Amtierende Bürgermeister und bekannte Medienmogule sitzen in Luxusvillen mit den Mördern auf dem Sofa und klopfen ihnen auf die Schulter – ebenfalls vor laufender Kamera.

Joshua Oppenheimers „The Act of Killing“, der Ende Oktober in Kopenhagen seine Europa-Prämiere erlebte, hat aber nicht den Holocaust zum Thema, sondern die Kommunistenverfolgung in Indonesien Mitte der 1960er Jahre (siehe Kasten). Dennoch vergleichen KritikerInnen „The Act of Killing“ mit dem Holocaust-Film „Shoah“. Auch Oppenheimers Film, koproduziert von Werner Herzog und Errol Morris, lehrt das Grauen, ohne Tote zu zeigen. Und auch für „The Act of Killing“ gilt, was der deutsche Medienwissenschaftler Klaus Kreimeier 1986 über „Shoah“ schrieb: „Die Sprache der Barbarei tappt nicht etwa in ihr gestellte Fallen, sondern sie ist geheimnislos. Man muss sie nicht herauslocken, man muss ihr nur zuhören.“

Sieben Jahre lang hat Oppenheimer der Sprache der Barbarei zugehört. Der 38-jährige US-Amerikaner lässt Massenmörder nicht nur vor der Kamera zu Wort kommen, sondern sie „das Schauspiel des Tötens“ visualisieren. Hauptdarsteller: Die Mörder selbst. Sie drehen einen Film über Verbrechen, auf die sie stolz sind. Oppenheimer filmt sie dabei.

Protagonist Anwar Congo und seine Freunde sind Kriminelle in der Großstadt Medan in Nordsumatra, so genannte Preman („freie Männer“). Die 1965 zunehmend einflussreiche Kommunistische Partei (PKI) ist Anwar und „seinen Jungs“ ein Dorn im Auge. Sie sind Mitglieder der paramilitärischen ultranationalistischen Pemuda Pancasila (PP) und verdienen, wenn sie nicht gerade Schutzgelder erpressen, ihr Geld als Ticket-Abreißer in einem Kino. Sie kleiden sich wie ihre US-amerikanischen Film-Idole. Und es sind die Hollywood-Streifen, die das Kinopublikum anziehen und Anwar & Co das meiste Geld einbringen. Jene Filme, die die PKI als imperialistisches Machwerk boykottiert. Als die große, blutige Hetzjagd auf Kommunisten beginnt, muss man Anwar und seine Freunde nicht lange um Mithilfe bitten. Gegenüber von „ihrem“ Kino liegt das Büro der PP.

Auf dessen Dachterrasse sieht man Anwar in einer der ersten Szenen von „The Act of Killing“ tanzen. „Cha, cha, cha – da, da, da“. Der schlanke Mann in weißer Hose und grün-weiß geblümtem Hemd singt und tänzelt vor und zurück. Gerade hat er erklärt, wie sie damals die Kommunisten „fertig gemacht haben“. Wie es auf der Terrasse anfangs so viel Blut gab, dass es zu sehr stank. Wie er deshalb auf die Idee kam, seine Opfer mit einer Drahtschlinge zu erwürgen. Er hatte das in Gangsterfilmen aus den USA gesehen. Wie gut dieses Vorgehen das Blut-Problem löste. Wie er die Bilder im Kopf vertreibt, mit ein bisschen Musik, ein bisschen Alkohol, ein bisschen Marihuana ... „Da, da, da – uh, uh, uh“.

Das Blutbad von 1965/66 hat zwischen 500.000 und drei Millionen Menschenleben *) gefordert. Suhartos Militärs brauchten dafür zivile Handlanger. Tausende wie Anwar mordeten im Auftrag der Militärs oder gemeinsam mit ihnen. Und mit Unterstützung aus Washington in Form von Geld, Technologie und Namenslisten.

Wer das Blutbad überlebte, aber des Kommunismus verdächtig war, landete ohne Gerichtsverfahren zum Teil über ein Jahrzehnt im Gefängnis und bekam nachher den Stempel ET (Ex-Tapol = Ex-Polithäftling) in seinen Ausweis. Zwar konnten sich die Opfer nach Suhartos Sturz endlich Gehör verschaffen. HistorikerInnen publizierten eine alternative Geschichtsschreibung. Im Juli 2012 schließlich stufte die Nationale Menschenrechtskommission die Kommunistenverfolgung von 1965/66 als „schwere Menschenrechtsverletzung“ ein und forderte den Generalstaatsanwalt zu Ermittlungen gegen die Täter auf. Doch in der Bevölkerung dominiert die Erzählweise des vor 14 Jahren gestürzten Diktators Suharto noch immer. Militärmedien hatten 1965 verbreitet, die ermordeten Militärs seien von Kommunisten gefoltert worden. Kommunistinnen hätten ihnen die Penisse abgeschnitten und die Augen ausgestochen. Der Obduktionsbericht, der dafür keinen Beweis liefert, blieb unter Verschluss.

Doch die Propaganda wirkte, die Entschenschlichung der Kommunisten förderte den Hass breiter Gesellschaftsschichten und deren Angst vor dem „kommunistischen Chaos“. Auf diesem Hass und dieser Angst beruhte Suhartos Macht. Auf ihr beruht die Macht vieler indonesischer Amtsträger bis heute. Er wollte zeigen, so Oppenheimer, welche Kultur sich entwickelt, wenn die Mörder gewinnen und führende Positionen in der Gesellschaft einnehmen.

Mit sichtlicher Freude stellen Anwar und seine Freunde in Hollywood-ähnlicher Manier ihr Morden nach. Das wirkt so bizarr, dass man zuweilen lachen muss. Zugleich wird klar, dass die Täter einst so spielerisch mordeten, wie sie jetzt das Morden spielen. In der absoluten Gewissheit, über dem Gesetz zu stehen. Anwar kommen erst Zweifel, als er in die Opfer-Rolle schlüpft. „Ich kann fühlen, wie meine Würde zerstört wird. Ob die Menschen, die ich folterte, auch so gefühlt haben?“ Der Regisseur antwortet aus dem Off: „Du weißt, dass du einen Film machst, Anwar. Deine Opfer wussten, dass sie wirklich sterben würden.“

Der Regisseur kommt vor allem Anwar so nah, dass der Zuschauer nicht nur die Fratze des Massenmörders sieht. Anwar ist der Einzige der ehemaligen Schlächter, der im Film eine Art Katharsis durchläuft und am Ende Reue zeigt. In einer Szene sieht man ihn mit seinen Großneffen bei mehreren Entenküken hocken. Einem Küken hat der Enkelsohn wehgetan. Behutsam erklärt der Massenmörder den Buben, dass man so nicht mit Tieren umgehen kann: „Die Arme, schau, sie ist noch so klein. Entschuldige dich, sag ihr, dass du es nicht so gemeint hast.“

„Dies ist der heftigste und politisch wichtigste Film, den ich je über Indonesien gesehen habe“, so der indonesische Soziologe Ariel Heryanto. Seit „The Act of Killing“, so Heryanto, sei das Studium indonesischer Politik nicht mehr das Gleiche wie zuvor. Noch ist unklar, wann und wie die indonesische Öffentlichkeit den Film zu sehen bekommt. Trotz weitgehender Medienfreiheit hat Indonesien nach wie vor eine Film-Zensurbehörde, von der „The Act of Killing“ wohl kaum grünes Licht bekommt. Die Protagonisten drohen, Oppenheimer zu verklagen. Sie fühlen sich falsch dargestellt und vom Regisseur hintergangen.

Vertreter von Pemuda Pancasila „baten“ zunächst öffentlich darum, den Film nicht zu zeigen. Als die Lokalzeitung „Radar Bogor“ in Westjava Anfang Oktober über den Film berichtete und dabei Kritik an der PP äußerte, zeigte die Organisation erneut ihr wahres Gesicht. Nach Angaben des Nachrichtenmagazins „Tempo“ demonstrierten 400 PP-SympathisantInnen vor dem Verlagsgebäude und überreichten ein Forderungsschreiben, in dem nicht nur eine Entschuldigung in allen westjavanischen Zeitungen gefordert wurde, sondern auch, dass „Radar Bogor“ einen Monat lang über jede Veranstaltung der PP berichten muss, und das mindestens im Umfang einer Viertelseite. Als ein leitender Redakteur die Massen beruhigen wollte, wurde er zusammengeschlagen. Der völlig verunsicherte Redaktionsleiter unterschrieb daraufhin den Forderungsbrief.

„Natürlich will ich den Film sehen“, sagt Erlina Gudadi, Vorsitzende von Kiprah Perempuan, einer Vereinigung von 1965er-Opfern. „Aber ich hätte zugleich Angst vor Gewalt, wenn er hier in den Kinos läuft.“ Gudadi erzählt, wie Angehörige von Ermordeten vor kurzem ein Massengrab öffnen wollten, um die sterblichen Überreste ihrer Verwandten angemessen zu beerdigen. „Zwei Tage, nachdem wir das beim Bezirksvorsitzenden angemeldet haben, tauchten am Ort des Massengrabes Transparente auf, die vor der ‚Neuen kommunistischen Gefahr‘ warnten.“ Aus Angst stoppten die Opfer-Angehörigen ihre Pläne.

Indonesiens größtes Nachrichtenmagazin „Tempo“ folgte Anfang Oktober Oppenheimers Anregung und publizierte eine Sonderausgabe mit Interviews von 1965er-Massenmördern. Da ist der verurteilte Mörder, der von Militärs aus dem Gefängnis geholt wird und für die Beteiligung am Kommunistenmord (auch an eigenen Verwandten) mit der Freiheit belohnt wird. Da sind Mitglieder der Nadhlatul Ulama (NU), der größten muslimischen Massenorganisation des Landes, deren Führer oft Großgrundbesitzer waren, denen die Landreformen der PKI ein Dorn im Auge waren. „Wer keine Kommunisten vernichten will, der kann kein richtiger Muslim sein“, sei damals der Schlachtruf gewesen, erinnert sich einer der Massenmörder aus NU-Kreisen. Und da ist jener, der damals wegen seiner Grausamkeit an den Kommunisten berühmt war. Der nach dem großen Blutbad immer wieder Amok lief und gegen alles und jeden gewalttätig wurde. Und der heute, nach 30 Jahren in der Psychiatrie, an einem Fuß angekettet, vor dem Haus seiner Familie sein Dasein fristet.

„Diese Berichte haben eine enorme Diskussion ausgelöst, bei der vielen unwohl ist“, so der indonesische Historiker Hilmar Farid. Aber es sei genau die Diskussion, die sein Land brauche. Auch wenn, so Farid, „der Mut, die Vergangenheit zu betrachten, vielleicht die Behaglichkeit der Gegenwart erschüttern wird“.

Anett Keller hat in Leipzig und Yogyakarta Journalismus, Politikwissenschaft und Indonesisch studiert und lebt als freie Journalistin in Indonesien.

*) 500.000 sind die Schätzungen konservativer Medien, Amnesty International spricht von einer Million, aus Täterkreisen selbst kommt die Zahl von drei Millionen.

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