Wachstum gegen die Armut

Von Redaktion ·

Vor zwanzig Jahren wurde in Österreich erstmals Kaffee mit dem Fairtrade-Gütesiegel verkauft. Das Konzept ist heute wirtschaftlich ein voller Erfolg. Südwind-Redakteur Richard Solder nutzte einen Besuch auf Fairtrade-Kaffeefarmen in Tansania für einen Blick hinter die Kulissen.

Geschafft! Anachreti Philip hat auf seinem Motorrad drei Säcke Kaffeebohnen bei der Kleinbauernkooperative in Buhendangabo abgeliefert. Stimmt die Qualität? Erst wenn die Chefs des lokalen Zweiges der Kagera Cooperative Union (KCU) das OK geben, wird der Kaffee gewogen und Anachreti Philip ausbezahlt. Die Genossenschaft wurde 1950 gegründet. Seit 1993 ist sie Fairtrade-zertifiziert.

Der Hauptwirtschaftszweig in Tansania ist die Landwirtschaft. Kaffee gehört zu den wichtigsten Exportgütern. Der Lebensunterhalt von rund 2,5 Millionen Menschen hängt direkt oder indirekt vom Kaffeeanbau ab. Das Dorf Buhendangabo liegt in der Region Kagera, nur wenige Kilometer vom Ufer des Viktoriasees entfernt. Der Landstrich im Nordwesten Tansanias, nahe der Grenze zu Ruanda und Uganda, ist eine der fünf wichtigen Kaffee-Anbauregionen des Staates. Kagera ist eine sehr fruchtbare Region, die Erde markant rot. Auf den Hügeln, die im Osten zum Viktoriasee abfallen, stehen Kaffeepflanzen neben Bananenstauden und vereinzelten Tee-sträuchern.

Anachreti Philip war früher Fischer auf dem Viktoriasee. Doch die Perspektive war schlecht – die Konkurrenz stark, zudem limitierte die tansanische Regierung den Fischfang und führte Quoten ein. Als Bauer kann er nun sich und seine achtköpfige Familie erhalten. Heute bekommt Anachreti Philip nur den garantierten Fairtrade-Mindestpreis, 140 US-Dollar pro Quintal (ca. 45,4 kg). Der Kaffeepreis am Weltmarkt liegt mit derzeit 135,15 US-Dollar pro Quintal darunter.

Und heute empfangen deutlich mehr Leute als sonst den Kaffeebauern mit seiner Ernte. Internationale Vertreterinnen und Vertreter von Fairtrade sind gemeinsam mit drei Journalisten, zwei aus Österreich und einem aus Großbritannien, für einen Lokalaugenschein nach Tansania gekommen. Anlass ist das zwanzigjährige Jubiläum von Fairtrade, einer Erfolgsgeschichte: Kaffee war das erste Produkt, das mit dem Gütesiegel in Österreich angeboten wurde. Mittlerweile sind es 750 verschiedene Produkte. Weltweit gaben Verbraucherinnen und Verbraucher im Jahr 2012 etwa 4,8 Milliarden Euro für Fairtrade-zertifizierte Produkte aus.

Eine Person, die für die rasante Entwicklung der Gütesiegel-Organisation steht, ist Harriet Lamb. Auch sie ist nach Tansania gekommen. Die quirlige Britin ist Geschäftsführerin der Dachorganisation Fairtrade International. Davor leitete sie die Geschicke von Fairtrade UK und baute den größten nationalen Markt für Fairtrade-Produkte auf.
Ob bei Gesprächen mit der Geschäftsführung der Genossenschaftsdachorganisation KCU oder im Austausch mit Bäuerinnen und Bauern – Lamb ist eloquent, trifft den richtigen Ton. Und sie spricht Klartext. „Wir müssen größer werden“, so Lamb gegenüber dem Südwind-Magazin. „Nur dann können wir wirklich etwas verändern.“ Erst, so ihre Argumentation, wenn Produzentenorganisationen relevante Absätze über den fairen Handel generieren, sei eine echte Verbesserung der Lebenssituation der Mitglieder möglich.

Jennifer Mbuvi ist nicht zum ersten Mal in Kagera. Als Beraterin im Auftrag von Fairtrade International reist sie oft durch Tansania. Die Kenianerin berät Produzenten-Organisationen, die an Fairtrade interessiert sind, und erklärt ihnen die Auflagen.
In ihrer alltäglichen Arbeit mit Kooperativen geht es laut Mbuvi oft darum, Unternehmergeist zu wecken. „Erst wenn die Bauern sich mit ihren Produkten identifizieren, fangen sie an, für einen angemessenen Preis zu kämpfen“, sagt Mbuvi. 

Viele Mitglieder der KCU haben das schon längst verinnerlicht. Die Kooperative hat 124 Subkooperativen, darunter auch die von Bauer Anachreti Philip in Buhendangabo. Über die Jahre ist die Kooperative auf 60.000 Mitglieder angewachsen. Die KCU hat in Bukoba, der Regionalhauptstadt von Kagera, die Mehrheitsanteile einer Fabrik übernommen, die löslichen Kaffee herstellt. Seitdem kann die KCU selbst konsumierbare Endprodukte herstellen. Zudem hat die KCU ein Hotel gekauft und unlängst ein Bürohaus errichten lassen, in das sich andere Firmen einmieten können.

Nicht nur Produzenten-Organisationen wie die KCU Tansania haben sich weiterentwickelt. Das ganze Fairtrade-Netzwerk ist über die Zeit gewachsen. Hat sich die Organisation dabei – etwa durch die Zusammenarbeit mit multinationalen Konzernen wie Nestlé – von einstigen Idealen verabschiedet?

Helmut Adam war von 1993 an, also ab der „Geburtsstunde“ der Siegel-Organisation, acht Jahre lang Geschäftsführer von Fairtrade Österreich. Damals gründeten die wichtigsten Akteure im Fairen Handel den gemeinnützigen Verein, darunter EZA Dritte Welt GmbH, die ARGE Weltläden sowie Gewerkschaftsvertreterinnen und -vertreter. „Bei der Gründung haben wir als Vision formuliert: 100 Prozent Fairer Handel, so dass es irgendwann Fairtrade gar nicht mehr braucht“, so Adam im Rückblick. „Das geht nur, wenn alle Firmen die Grundsätze des Fairen Handels zu ihrer Arbeitsgrundlage machen, also auch die Multis.“

In Bezug auf das Wachstum-Paradigma sieht Adam eine Herausforderung: „Ich halte das prinzipiell für ok, habe aber immer wieder gewarnt, dass zu rasches Wachstum von keiner Organisation verkraftbar ist.“ Die Einhaltung der Standards oder die Aufrechterhaltung der Produktqualität könnten dadurch auf die Probe gestellt werden.

Gütesiegel, Mindestpreis und Prämie

Trägt ein Produkt das Fairtrade-Gütesiegel, heißt das, dass sowohl Produzenten als auch Händler Fairtrade-zertifiziert sind. Fairtrade-Produzenten erhalten für ihre Produkte einen garantierten Mindestpreis. Steigt der Weltmarktpreis über diesen Preis, wird der höhere gezahlt. Zudem bekommen die Kooperativen pro verkauftem Kilogramm Fairtrade-Kaffee eine Prämie.

Für Bio-Produkte wird den Produzentenorganisationen ein Bio-Aufschlag bezahlt. Die Standards für das Fairtrade-Gütesiegel sind weltweit einheitlich. Überwacht wird ihre Einhaltung von der unabhängigen Zertifizierungsgesellschaft FLO-CERT. Diese kontrolliert 2.880 Vertragspartner (Produzentenorganisationen und Händler). Rund zehn Prozent der Vertragspartner halten die Standards nicht ein. Ihnen wird das Siegel entzogen.  sol

Dass das System schon jetzt nicht ganz ohne Fehler läuft, ist der Organisation bewusst. Die Linie ist: Wenn Missstände, etwa Fälle von Kinderarbeit, auftauchen, gilt es, diese so schnell wie möglich zu beseitigen. Die Struktur als solche müsse funktionieren, so Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Österreich. Einzeln auftretende Probleme könne man gar nicht verhindern. Fairtrade hat auch einen gesellschaftspolitischen Auftrag: Kampf gegen Hunger und Analphabetismus, die Förderung von Biodiversität oder die Verbesserung der Situation von Frauen gelten als „Fairtrade-Themen“.

Der Versuch, die Rolle der Frauen in traditionell männerdominierten Produzentenorganisationen zu stärken, war bisher wenig erfolgreich. „Fairtrade konnte bisher auf verschiedenen Ebenen etwas bewegen, das haben Wirkungsstudien gezeigt. Gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge wie Gender-Rollen werden durch Fairtrade aber nicht entscheidend verändert“, gibt Kirner zu.

Die Gruppe der Lohnabhängigen, die etwa auf Plantagen arbeiten, profitiert noch nicht in dem Ausmaß von Fairtrade, wie es die traditionelle Zielgruppe der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern tut. Dagegen will die Organisation aktiv werden: „Ziel ist, Löhne zu etablieren, von denen die Arbeiter leben können“, sagt Kirner. „Dazu haben wir derzeit Konzepte, aber leider noch keine fertige Lösung.“

Die Erwartungen an Fairtrade seien manchmal einfach zu hoch. Etwa, so Kirner, wenn gefordert werde, dass Fairtrade zusätzlich auch auf die arbeitsrechtliche Situation bei Herstellern oder im Handel in Europa achten soll. „Dafür gibt es die hiesigen Gewerkschaften“, sagt der Geschäftsführer. „Wir setzen uns für den Süden ein!“, ergänzt er.

Zurück nach Tansania. Die Produzenten hier gehören in der internen Fairtrade-Struktur dem Produzenten-Netzwerk Fairtrade Africa an. Auch in Lateinamerika und Asien gibt es solche Zusammenschlüsse. Seit 2013 haben sie zusammen 50 Prozent Stimmrecht in der Generalversammlung des Dachverbandes Fairtrade International. Die Stimmen des globalen Südens wurden intern gestärkt.

Zachary Kiarie ist Koordinator der Region Ostafrika bei Fairtrade International. Dem Kenianer ist diese Aufwertung der Produzentinnen und Produzenten ein großes Anliegen: „Es war ein langer Weg dorthin!“ Produzenten-Beraterin Jennifer Mbuvi ergänzt: „Die Produzenten hatten davor das Gefühl, dass das ein System aus dem Norden ist, mit dem der Süden zwangsbeglückt wird.“ Nun, so die Kenianerin, könnten sie sich stärker mit der Organisation identifizieren.

Bringt ein Wachstum der Fairtrade-Organisation auch eine Verlagerung Richtung Süden?
Anders als früher sind heute zudem auch die Märkte von Ländern des Südens interessant für die Gütesiegel-Organisation. In Staaten wie Südafrika und Kenia können Konsumentinnen und Konsumenten bereits Fairtrade-Produkte kaufen. Fairtrade hofft besonders auf Schwellenländer wie Indien oder Brasilien, die über eine wachsende Mittelschicht verfügen. „Die Absatzmärkte sind auf jeden Fall da“, meint Fairtrade Österreich-Chef Kirner.  

Der Autor nahm an einer von Fairtrade Österreich bezahlten Pressereise nach Tansania teil.

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