Ware Wald

Amazonas-Regenwald: Brasiliens indigene Völker und ihr Lebensraum sind bedroht. Ein Besuch am Xingu-Fluss bei den Parakanã.

Von Christine Wollowski, Bundesstaat Pará

Der Kazike Kaworé (31) kämpft für die Erhaltung des Lebensraums der Parakanã. Manche andere Indigene in seinem Alter wollen ein modernes Leben.© Florian Kopp / Misereor

Am Ufer des mächtigen Xingu-Flusses ragen Urwaldriesen in den goldenen Abendhimmel. Auf einer Lichtung stehen Holzhütten des indigenen Volks der Parakanã. Sie leben hier im Bundesstaat Pará, mehrere Bootsstunden von der nächsten Stadt entfernt, im mehr als 770.000 Hektar großen Schutzgebiet Apyterewa. Der damalige Präsident Lula da Silva hat ihnen dieses Gebiet im Jahr 2007 mit seiner Unterschrift offiziell zuerkannt. Laut der brasilianischen Verfassung können sie hier ihren Sitten und Gebräuchen gemäß leben, nur verkaufen oder verpachten dürfen sie das Land nicht. Für ihren Schutz ist die Regierung zuständig – repräsentiert durch die Nationale Behörde für Indigene, Funai.

Darauf verlassen können sich die Indigenen seit dem Antritt des aktuellen brasilianische Präsidenten, Jair Bolsonaro, allerdings nicht. Unter Bolsonaro sind nicht nur die Rechte von Minderheiten gefährdet, auch die Abholzung und Ausbeutung des Amazonas-Regenwaldes nimmt gewaltig zu – im September blickte die ganze Welt auf unzählige Waldbrände.

Zweifelhafte Geschenke. Die alten Krieger sitzen bedrückt am Versammlungsplatz. Mit der traditionellen Bemalung und ihren Pfeilen mit Adlerfedern repräsentieren sie die Vergangenheit, nicht mehr die Gegenwart: Die jungen Männer tragen blondierte Strähnen im Haar und lassen am Rand des Platzes ihre Motorräder aufheulen, anstatt an der Versammlung teilzunehmen. Im abgeschiedenen Apyterewa ist die Moderne angekommen – etwa in Form von großen Landmaschinen. Diese rollten als Geschenke hier an.

Mit solchen Präsenten haben die Vertreter des Energiekonzerns Norte Energia den Kampf für sich entschieden. Die Parakanã wollten das Mega-Wasserkraftwerk Belo Monte nicht, für das nur 400 Kilometer von ihrem Land entfernt riesige Stücke Regenwald abgeholzt werden sollten. Sie wollten sauberes Flusswasser und Fische, Wild im Wald und Paranussbäume.

Nur wenige Jahre ist das her, und heute ist so vieles anders geworden, dass manche Parakanã nicht mehr so genau wissen, was sie wollen. Ihre Hütten sind nicht mehr aus Palmwedeln, sondern aus Nussbaumbrettern gebaut und mit Zinkblech gedeckt.

Der 31-jährige Häuptling, der Kazike Kaworé, beklagt, dass immer mehr Holzhändler in das Schutzgebiet eindringen. Die Kinder bekommen Ausschlag, wenn sie im Fluss baden. Die alten Feste werden nicht mehr gefeiert und Rituale fallen aus, weil kaum noch Männer im Dorf sind. Sie fahren mit den von Norte Energia geschenkten Alubooten in die 400 Kilometer entfernte Stadt Altamira, holen sich Benzin- und Essensgutscheine und kaufen sich Alkohol.

Die Stunde der Goldgräber. Belo Monte, das viertgrößte Wasserkraftwerk der Welt, wurde vor drei Jahren in Betrieb genommen, Zehntausende Hektar Regenwald starben, Zehntausende Menschen wurden umgesiedelt. Der Kontakt der Indigenen mit städtischem Leben nahm zu.

In Apyterewa gibt es jetzt Kaffee, Babywindeln, Zucker und eine evangelikale Kirche. Und immer mehr riesige Schneisen im Wald. Dem Staat obliegt es, indigene Gebiete zu vermessen, sie zu schützen und dafür zu sorgen, dass sie respektiert werden.

Doch die Station der Indigenenbehörde Funai, ein paar Bootsstunden flussaufwärts, ist so schwach besetzt, dass die Beamten dort untätig zusehen, wie vor ihren Augen Holzfäller den Fluss queren. Wie Bagger am Straßenrand direkt neben der Station immer neue riesige Gruben für Goldgräber aufreißen, die wie Wunden in der roten Erde klaffen. Die Goldgräber und Holzfäller sind in der Überzahl und sogar besser bewaffnet als die Polizei. Und unter der neuen Regierung fühlen sie sich unangreifbar.

Präsident Bolsonaro vertritt die Meinung, dass Indigene in die moderne Gesellschaft integriert und in Städten angesiedelt werden sollten, weil ihre traditionelle Lebensweise rückständig und überholt sei. „Er will das indigene Leben in Brasilien auslöschen“, sagt Kazike Kaworé. Die alten Männer in der Runde schweigen. Seit Bolsonaro an der Macht ist, haben sie den schwachen Schutz verloren, den ihnen die Institutionen bislang boten. Die Funai-BeamtInnen hindern inzwischen nicht einmal mehr Fremde am Zugang zum Schutzgebiet. Kürzlich legte nachts ein Boot mit bewaffneten Farmern am Steg an. Sie wollten darüber verhandeln, Teile von Apyterewa offiziell zu nutzen.

Geschäftsvorschlag. Letzten Jänner war Kazike Kaworé mit anderen Dorfchefs in die Hauptstadt Brasilia gereist, um von Bolsonaro ein Gespräch über ihre Lage zu fordern. Der schickte ihnen den damaligen Minister des Regierungssekretariats, Reserve-General Carlos Alberto dos Santos Cruz, der unter anderem für die Überwachung von NGOs und internationalen Organisationen zuständig war und im Juni von Bolsonaro des Amts enthoben wurde.

In Altamira erklärte der ausgebildete Soldat dos Santos Cruz den Parakanã, dass die Indigenen künftig ihr Land zu bearbeiten und so für ihren Unterhalt zu sorgen hätten. Anschließend bat er drei der Anwesenden in einen Nebenraum, wo er ihnen einen Vorschlag unterbreitete: Der von Fremden besetzte Teil ihres Landes sei doch ohnehin abgeholzt und somit für das traditionelle Leben wertlos. Da könnten die Parakanã es den weißen Siedlern doch ganz überlassen, damit diese dort weiter Rinderzucht, Goldminen und Holzhandel betreiben.

Bei dem empfohlenen Geschäftsmodell würden die Parakanã künftig eine Gewinnbeteiligung erhalten. Die Rede war von 25 Prozent für die Indigenen, 25 Prozent für die Regierung und 50 Prozent für die bislang illegalen LandnutzerInnen. Noch hat die Dorfversammlung darüber nicht entschieden. Aber Geld ist inzwischen für manche ein Argument.

Brandgefährlich. „Die Regierung muss ihre Sicht auf Amazonien ändern!“, meint der emeritierte Bischof Erwin Kräutler, der 54 seiner 80 Lebensjahre in Altamira verbracht hat, auf Nachfrage zur aktuellen Situation. „Amazonien macht mehr als die Hälfte Brasiliens aus, aber es wird immer als eine Provinz voller Holz, Bodenschätze und Platz für Landwirtschaft angesehen“, so Kräutler. 

„Der Wald wird als etwas betrachtet, aus dem man abbauen kann, wegnehmen, mit ihm reich werden. Wir können das Bruttosozialprodukt des Landes nur steigern, wenn wir abholzen – diese Philosophie steckt dahinter. Und das ist gefährlich.“

Altamira und Umgebung waren von den Brandstiftungen in Amazonien besonders stark betroffen, auch im Schutzgebiet Apyterewa wurden Brände gefilmt. „Ein oder zwei Hektar, die brennen, sind keine Katastrophe, da können die Tiere fliehen, das wächst nach“, erklärt Kräutler weiter. „Aber Kilometer und abermals Kilometer sind eine Katastrophe, da stirbt die Flora, stirbt die Fauna, der Rauch vergiftet die Menschen, Kinder bekommen Atemprobleme.“

Der Amazonas-Bischof, wie er auch genannt wird, trat auch bei der Amazonassynode im Oktober in Rom für Amazonien und die Indigenen ein.

In Apyterewa an der Biegung des Xingu-Flusses ist derweil die Sonne untergegangen. Die Versammlung ist zu Ende, der Platz hat sich geleert, nur das Gemeinschafts-Funkgerät rauscht. Vor den Häusern schaukeln Frauen in selbst geknüpften Hängematten, ihre Stimmen klingen melodisch wie Vogelgesang. Für einen Moment ist Frieden eingekehrt in Apyterewa.

Christine Wollowski berichtet als freie Korrespondentin im Netzwerk weltreporter.net
über Brasilien. Die Reise zu den Parakanã wurde vom Bischöflichen Hilfswerk Misereor unterstützt.

Im Dossier in dieser Ausgabe beschäftigt sich ein Beitrag der Lateinamerika-Expertin Ursula Prutsch mit dem Siegeszug Jair Bolsonaros.

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