Weihnachten im Sommer

Bücher und Geschichten können jeden Tag im Jahr mit Freude, Mut und Gemeinschaft bereichern, meint der Buchhändler unseres Vertrauens.

Von Rudi Lindorfer

Das schönste Geschenk ist, loslassen zu können. Zum Beispiel das Lieblingsbuch mit Ehrenplatz im Regal, das ein Freund gern hätte, das aber vergriffen ist. Da fließt beim Schenken so viel Herzblut ab, dass bei der Übergabe die eigene Hand das Geschenk festhalten möchte. Sieht man dann, wie das Erstaunen des Freundes der Freude weicht, löst sich die Spannung und beschämt muss man sich eingestehen, sich selbst soeben viel gegeben zu haben. Der Freund meint dann, dass er dieses Buch nicht annehmen könne, doch der Schenker besteht unbedingt auf die Annahme. Das ist Weihnachten, selbst wenn das Ganze an einem Sommertag geschieht.

Ein Herbstweihnachtstag, weil es Grund zum Mitfreuen war, als die Nachricht von der Zuerkennung des Alternativen Nobelpreises an Dom Erwin Kräutler kam. Seine Autobiografie „Rot wie Blut die Blumen“ legt Zeugnis für gelebtes Menschsein ab (siehe auch Südwind-Magazin 10/2010).

Menschen, die die Welt zum Besseren veränder(te)n, stellt Anna Melach in „… wie aber führt man Frieden?“ Jugendlichen vor. Nicht als Idole, sondern als ermutigende Beispiele schildert sie die Lebensläufe von Sophie und Hans Scholl, Wangari Maathai, Daniel Barenboim, Pater Georg Sporschill u. a. Wie Dom Erwin Kräutler wehr(t)en sie sich erfolgreich gegen ungerechte Zustände und stell(t)en sich in den Dienst jener, deren Stimmen nicht gehört werden. Besonders hebt sie hervor, dass ethnische, religiöse, politische und soziale Konflikte sowie Armut und Unterdrückung schnell zu bewaffneten Auseinandersetzungen führen.

In dem Mutmachbuch „Wie der Elefant die Freiheit fand“, lässt Jorge Bucay ein Kind die Frage stellen: „Warum befreit sich der riesige Zirkuselefant nicht von seiner Kette?“ Ein vielschichtiges Bilderbuch (ab vier Jahre) mit Lieblingsbuchqualität, vom Argentinier Gusti kongenial illustriert – und ein Nachdenkbuch für die vorlesenden Erwachsenen.

Ein Familienbuch ist Guillaume Duprats „Seit wann ist die Erde rund?“. In dem reich und wunderschön illustrierten Band mit ausklappbaren Seiten führt er durch Zeiten und Völker der Welt und legt ihre Vorstellungen von der Erde dar. So hält bei den Fon in Benin eine Riesenschlange die Erde im Gleichgewicht, für die Yanomani ist sie ein herabgefallenes Stück Himmel und der Inder Vasubandhu stellte sie sich als Dreieck vor.

Im Kleinen und in der Zeitspanne einer Woche siedelt dagegen Nii Parkes seinen Roman „Die Spur des Bienenfressers“ an. In einem Dorf in Ghana lässt er den Gerichtsmediziner Kayo, einen in Europa studiert habenden Anhänger wissenschaftlicher Vernunft, auf etwas ihm nicht Erklärbares treffen – und auf die Alten im Dorf, die ihm, während sie aphrodisierenden Palmwein trinken, das Leben auf heitere und mystische Art erklären; das nur deshalb, weil Kayo ihnen respektvoll und die Bräuche beachtend gegenübertritt.

In eine ihm fremde Welt wird der Computerfreak Ramiro in „Ein Chinese auf dem Fahrrad“ entführt, in die Chinatown von Buenos Aires. Hier wird er allerdings mehr als Gast denn als Geisel behandelt und so kommt es, dass er immer mehr Gefallen an seinen Entführern findet und noch mehr an der schönen Yintai. Ariel Magnus’ Roman ist temporeich, witzig, schlau und vollgepackt mit Schelmen, die, jeder auf seine Weise, versuchen, Ramiro die Welt chinesisch zu machen.

Und wenn Sie sich selbst ein Geschenk machen wollen: Verlegen Sie Weihnachten vor und lesen Sie die Bücher, bevor Sie sie weiterschenken.

Der Autor ist Buchhändler bei Südwind-Buchwelt und lebt in Wien.

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