Weil Massenmedien wegschauen

Von Milena Österreicher ·
Nichts sehen, hören und sagen: Das Motiv, hier drei Affen aus dem 17. Jh. nahe der japanischen Stadt Nikkō, bestimmt heute die Berichterstattung über den Globalen Süden. © Jakub Hałun / CC BY-SA 4.0 / commons.wikimedia.org

Wo der Globale Süden in der Berichterstattung deutschsprachiger und internationaler Leitmedien bleibt, wurde mit einer empirischen Langzeitstudie untersucht.

Ganze 16 Sendeminuten insgesamt. So viel Zeit widmete die deutsche Tageschau der größten Cholera-Epidemie der Menschheitsgeschichte, die sich 2017 im Jemen ausbreitete. Die Tagesschau, eine der wichtigsten deutschsprachigen Nachrichtensendungen, ist bei Weitem nicht das einzige Medium oder Sendeformat, das von Teilen der Welt, die sich außerhalb Europas und der USA befinden, kaum berichtet.

Zuerst war es nur ein Eindruck. Dann wollte es Ladislaus Ludescher, Germanist und Historiker der Universität Frankfurt, genauer wissen. Für seine Langzeitstudie „Vergessene Welten und blinde Flecken“ analysierte er ausgewählte Medien im Zeitraum 2007-2019 sowie als Vergleichsjahr 1996. Dazu zählten unter anderem Print-Berichte der US-amerikanischen Zeitung The Washington Post, der britischen Zeitung The Guardian, des deutschen Magazins Der Spiegel, der französischen Zeitung Le Monde sowie diverse TV-Nachrichtensendungen, darunter über 5.000 Sendungen der deutschen Tagesschau.

Das Ergebnis war wenig überraschend: Der Globale Süden wird in Medien massiv vernachlässigt. Jetzt hat Ludescher eine Petition gestartet, um auf diese Leerstelle hinzuweisen.

Aus dem Sinn. Neu ist diese Unterrepräsentation nicht. Bereits 2001 stellte der Journalist Ralf Leonhard in seiner Studie „Analyse der entwicklungspolitischen Berichterstattung des ORF-Fernsehen“ für Österreich fest, dass Länder des Globalen Südens im öffentlich-rechtlichen Rundfunk höchstens in Zusammenhang mit den berühmten drei K – Kriege, Krisen, Katastrophen – vorkommen. Aufgrund dieses Missstandes wurde im Dialog mit dem ORF die Informationsstelle für Journalismus & Entwicklungspolitik (www.isje.at) gegründet, die von Südwind koordiniert, vor allem von der Austrian Development Agency finanziert und von Journalist*innen unterstützt wird.

Doch nicht einmal die „K-Themen“ verschaffen immer Aufmerksamkeit: Laut Ludeschers Untersuchung fand etwa die Hungerkatastrophe in Ostafrika und der Tschadsee-Region 2017 in den Medien kaum Niederschlag. Sie bedrohte immerhin 37 Millionen Menschen mit dem Hungertod und wurde von den Vereinten Nationen als eine der schlimmsten Katastrophen bezeichnet.

Selbstbeschäftigung. Eindringlich zeigte sich das auch in der gegenwärtigen Pandemie: Nur fünf Prozent der Berichte, die in der Tagesschau zu Covid-19 ausgestrahlt wurden, beschäftigten sich mit der Situation im Globalen Süden. „Es scheint fast so, als ob die Pandemie nur im Globalen Norden stattfinden würde“, sagt der Studienautor.

Das kann auch Martin Sturmer bestätigen. Der österreichische Afrikanist und Gründer der Nachrichtenplattform Afrika.info vermisst generell in der Berichterstattung über Afrika das Gespräch mit afrikanischen Interviewpartner*innen: „Es gibt genug afrikanische Expertinnen und Expertinnen zum Thema, aber meist interviewt man heimische, die wenig Erleuchtendes zur Situation in Afrika beizutragen haben.“

Weniger vor Ort. Es sei verständlich, dass das Interesse für das, was „vor der Haustür liegt“, größer sei als für Ereignisse, die weiter weg geschehen, so Germanist und Historiker Ludescher. Dass nicht einmal Länder wie Frankreich oder Großbritannien, die aufgrund ihrer Kolonial- und Migrationsgeschichte enger mit Ländern im Globalen Süden verbunden sind, mehr über diese berichten, sei wiederum erstaunlich.

Wodurch die Situation weiter verschärft wird: Die Redaktionen werden ausgedünnt, viele Medien verfügen über keine eigenen Korrespondent*innen mehr und sind auf Nachrichtenagenturen sowie freie Journalist*innen angewiesen – die oftmals unter prekären, sehr schwierigen Bedingungen vor Ort arbeiten.

Ein Beispiel: Während ein TV-Studio des deutschen Senders ARD in Prag die Länder Tschechien und Slowakei mit insgesamt rund 16 Millionen Einwohner*innen abdeckt, stemmen im ARD-Studio in Nairobi, Kenia, zwei Korrespondent*innen die ganze Arbeit. Sie sind für 38 afrikanische Staaten mit rund 870 Millionen Einwohner*innen zuständig.

Deshalb plädiert Kommunikationsberater Sturmer schon lange dafür, mehr auf regionale afrikanische Journalist*innen zu bauen: „Bis dato ist aber leider noch nicht viel passiert, die meisten Medien setzen immer noch auf das klassische Korrespondenten-Modell“, so Sturmer.

Mediales Echosystem. Die Vernachlässigung des Globalen Südens in der Berichterstattung ist laut Studienautor Ludescher auch dem sogenannten medialen Diskurszirkel geschuldet: Ein Medium informiert zu einem Thema, die meisten anderen Medien springen auf und berichten über dasselbe. Es entsteht eine mediale Echokammer, in der die gleichen Geschichten wiederholt werden und vergleichsweise unkonventionelle Themen den Kreislauf schwer durchbrechen.

Zudem fehle es oft an einem gewissen Grundwissen. Wolle man ein Thema über Burkina Faso bei einer politischen Talkshow behandeln, bräuchte es wohl für die meisten Zuseher*innen zuerst eine längere Basiseinführung über das Land. Bei Print-Berichten dürfe die Landkarte nicht fehlen, um das Land überhaupt einmal verorten zu können.

Die Konsequenz? „Wir können nur auf Dinge reagieren, von denen wir wissen, die also in unser Bewusstsein gelangt sind“, erläutert Ludescher die Konsequenzen der eingeschränkten Medienberichterstattung.

Hilfsorganisationen beklagen immer wieder, dass bei Katastrophen oft Spendengelder fehlen – auch durch die geringe Medienaufmerksamkeit. Ludescher: „Wir sehen das in der aktuellen Pandemie: Die reine Selbstbezogenheit ist in Zeiten globaler Vernetzung fatal.“

Vergessene Nachrichten. Wichtig sei es, Bewusstsein zu schaffen. Ludescher selbst schrieb rund 400 Medien sowie alle deutschen Bundestagsabgeordneten an. Für die Berichterstattung über den Globalen Süden brauche es mehr finanzielle Ressourcen. Sowohl Politik, als auch Medienkonzerne seien gefordert.

Auch der Afrikanist Sturmer sieht eine große Verantwortung nicht zuletzt bei den Medien selbst: „Es gibt viele engagierte Journalistinnen und Journalisten, die Themen vorschlagen und aufbereiten, die aber von den Redaktionen nicht genommen werden“. Es müsse hier auch in den Leitmedien die Chance geben, andere Inhalte zu platzieren.

Fehlt es redaktionsintern an Expertise, bieten sich Reporter*innen-Netzwerke wie Weltreporter, Riffreporter oder das Portal „Deine Korrespondentin“ an. Hierzulande arbeitet auch Radio Afrika an einem Angebot ähnlich jenem von Afrika.info.

Milena Österreicher ist freie Journalistin und Übersetzerin für Spanisch und Portugiesisch.

Die Online-Petition „Ende der medialen Vernachlässigung des Globalen Südens“ ist auf change.org zu finden.

Die Studie kann kostenlos unter ivr-heidelberg.de heruntergeladen werden.

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