Wem gehört die Stadt?

Wenn unsere Zukunft in den Städten liegt, dann müssen Menschen aller sozialen Schichten dort leben können. Warum es bis dorthin aber noch ein weiter Weg ist.

Von NI-Redakteur Dinyar Godrej

© Anthony Wallace / AFP / picturedesk.com

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt laut der Internationalen Organisation für Migration IOM bereits in urbanen Gebieten, und jede Woche ziehen drei Millionen weitere Menschen in Städte, auf der Suche nach einer neuen Existenz. Ein Großteil dieser Migration findet im Süden statt, und ihre Hauptdestinationen sind nicht die Megastädte, sondern Siedlungen mit weniger als einer Million EinwohnerInnen.

In China haben in den vergangenen dreißig Jahren fast 500 Millionen Menschen ihre ländliche Heimat verlassen – 60 Prozent der chinesischen Bevölkerung leben heute in städtischen Agglomerationen. Viele wurden zur Migration gezwungen, entwurzelt durch eine globalisierte Wirtschaft, die kleinbäuerliche Produktion unwirtschaftlich macht und einen Landstrich nach dem anderen verschluckt, um ihren Hunger auf Ressourcen zu stillen.

Es sind diese Vertriebenen, die die Stadt am dringendsten benötigen, als Zufluchtsort – doch als Neuankömmlinge werden sie am ehesten Opfer ausbeuterischer Strukturen, und es sind ihre Ansprüche, die am heftigsten zurückgewiesen werden.

Heute leben rund 900 Millionen Menschen in informellen Siedlungen oder Elendsvierteln, dicht aneinandergedrängt, oft ohne Zugang zu Trinkwasser oder sanitären Einrichtungen und ständig von Zwangsräumungen bedroht. Diese Leute belegen die geringste Fläche pro Kopf, profitieren nicht oder nur kaum von städtischen Dienstleistungen und sie verbrauchen die wenigsten Ressourcen.

Platz da! In der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba werden derzeit großflächig informelle Siedlungen planiert und Häuser niedergerissen, in denen Menschen geboren wurden und ihr ganzes Leben verbracht haben.

Weil die Stadt nun ein Zentrum der Diplomatie ist und für InvestorInnen attraktiv sein muss, ist das Image der Stadt wichtiger als das Wohlergehen der Menschen, die in ihr leben. Mindestens vier luxuriöse Wohnkomplexe sind geplant.

Das größte besetzte Haus Lateinamerikas in São Paulo beherbergt 478 Familien.© Nelson Almeida / AFP / picturedesk.com

Dabei sind informelle Siedlungen Zeugnis eines unglaublichen Einfallsreichtums unter widrigsten Umständen. Lässt man ihnen die Zeit, werden diese BewohnerInnen alles daran setzen, um ihre Lage zu verbessern. Etwa in Orangi Town in Karachi, Pakistan, das als größte informelle Siedlung der Welt gilt (offiziell leben rund 700.000 bis 800.000 Menschen dort, Schätzungen gehen von weit mehr BewohnerInnen aus, Anm. d. Red.). Die Regierung hat es den Menschen zwar ermöglicht, Eigentumstitel zu erwerben, aber die sanitären Probleme blieben ungelöst. Nachdem es in Orangi Town bereits gelungen war, Schulen zu errichten und eine Trinkwasserversorgung aufzubauen, wurde auch die Kanalisation in Eigenregie errichtet. Mit eigenem Geld (1,26 Mio. US-Dollar) wurden Latrinen gebaut und in 90 Prozent der 8.000 Straßen Orangi Towns Abwasserrohre verlegt. Erst spät rang sich die Stadtverwaltung von Karachi dazu durch, das lokale Abwassernetz an das Hauptkanalsystem anzuschließen.

Genau zu einer solchen offiziellen, strukturierten Unterstützung hat sich die internationale Staatengemeinschaft bekannt. Im Nachhaltigen Entwicklungsziel 11 verpflichten sich Regierungen, bis 2030 „Slums zu sanieren“ und allen Menschen Zugang zu „angemessenem, sicherem und bezahlbarem Wohnraum“ zu verschaffen. Echte Fortschritte lassen jedoch auf sich warten: Demolierungen und Zwangsräumungen gehen weiter, Sanierungen führen oft zu unbezahlbaren Mieterhöhungen, und „Umsiedlung“ bedeutet Vertreibung oder eine Neuansiedlung an Orten, wo es kaum Möglichkeiten gibt, sich den Lebensunterhalt zu verdienen.

David gegen Goliath. Betroffene Gemeinschaften geben dabei oftmals nicht einfach auf, sie setzen sich zur Wehr. Aber ihre Erfolgschancen stehen schlecht. Als die Stadtverwaltung von Johannesburg die Siedlung Slovo Park um elf Kilometer „verlegen“ wollte, legten die betroffenen Menschen erfolgreich Berufung ein: Die Entscheidung wurde wiederrufen; nun soll die Siedlung saniert werden.

Und im März dieses Jahres entschied der Oberste Gerichtshof von Delhi nach einer Zwangsräumung von Slums, bei der ein sechs Monate altes Baby ums Leben kam, dass BewohnerInnen von Elendsvierteln ein Recht haben, in der Stadt zu leben und nicht als illegale BesetzerInnen betrachtet werden können.

Städte haben seit jeher die Konzentration des Reichtums gefördert. Heute, mit einem historisch einmaligen Ausmaß der Ungleichheit, werden sie zunehmend zum Auffangbecken für die überschüssigen Profite einer privilegierten Minderheit.

Ein Extrembeispiel ist Dubai, das binnen 30 Jahren dank des Ölreichtums von einem verschlafenen Nest zum Inbegriff der glamourösen Spitzenarchitektur aufstieg. Heute steht dort der höchste Wolkenkratzer der Welt, in den luxuriösen Einkaufszentren der Stadt tummelt sich die internationale Hautevolee, und es gibt sogar einen tiefgekühlten Indoor-Snowpark samt Berg, mitten in der brütenden Wüstenhitze.

An keinem anderen Ort der Welt gibt es eine höhere Konzentration nutzloser Bausubstanz – hochgelegene Gebäudeteile, die kaum erreichbar sind oder einen zu kleinen Grundriss haben, um irgendeinen Zweck erfüllen zu können. Von den 3,1 Millionen EinwohnerInnen Dubais stammen fast 90 Prozent aus dem Ausland, die Mehrheit von ihnen verarmte und jederzeit abschiebbare MigrantInnen, die man für die Immobilienprojekte importierte. Sie arbeiten zu Bedingungen, die einer Vertragsknechtschaft ähneln, und haben oft nicht einmal das Recht, die architektonischen Wunderwerke zu besuchen, die sie errichtet haben.

Dharavi, Mumbai (Indien): Asiens größtes Slumviertel soll Luxusbauten und Einkaufszentren weichen.© Punit Paranjpe / AFP / picturedesk.com

Öffentlicher Raum im Rückzug. Die traditionelle räumliche Segregation nach Einkommens- und Vermögensverhältnissen wird von UrbanistInnen seit Langem verurteilt, weil sie der Idee einer offenen Stadt diametral entgegensteht. Aber sie beginnt sich auf vielfältige Weise zu verstärken. Sogenannte „Marktkräfte“ erhielten zu viel Einfluss auf Planungsprozesse, und mit dem zunehmenden Privatisierungsdruck geriet die Idee des öffentlichen Raums ins Hintertreffen. Wo es überhaupt Wohnraum in öffentlichem Eigentum gab, wurde er nach und nach verkauft, der soziale Wohnbau eingestellt.

Hand in Hand mit der Finanzialisierung, also einer zunehmenden Dominanz des Finanzsektors in der Wirtschaft, und der zunehmenden Liquidität von Immobilieninvestments verlor Wohnraum zusehends jeden gesellschaftlichen Wert und wurde zu einem Spekulationsobjekt. Rund um die Welt schossen Luxusbauprojekte wie Pilze aus dem städtischen Boden. Für grenzüberschreitende Immobilieninvestments wurden rote Teppiche ausgebreitet, steigende Eigenheimpreise als Zeichen eines florierenden Immobilienmarkts begrüßt. Immobilien wurden zu einem sicheren Parkplatz für enorme Vermögen oft zweifelhaften Ursprungs. Wer nicht bereits reich war, profitierte davon in keiner Weise: Menschen in Städten mit den stärksten Immobilienbooms schätzen sich selbst als weniger glücklich ein als Menschen in „langweiligeren“ Städten, wo ein eigenes Dach über dem Kopf noch nicht unbezahlbar wurde, wie der Journalist Charles Montgomery in seinem Buch „Happy City“ (2013) betont.

Fehlende Lösungen. New York etwa leidet unter einem chronischen Mangel an leistbaren Wohnungen. Selbst unter zwei radikal unterschiedlichen Bürgermeistern – Michael Bloomberg, vermögend und ein eingeschworener Neoliberaler, sowie derzeit Bill de Blasio vom linken Flügel der Demokraten – hat sich daran nichts geändert.

Beide setzten auf die Strategie, Luxus-Immobilienprojekten grünes Licht zu geben, um im Gegenzug billigere Wohnungen, Sanierungen und Revitalisierungen finanzieren zu können. Das Ergebnis war ernüchternd. So wie die Luxus-Apartmenttürme in die Höhe wuchsen, stiegen auch die Mieten für sogenannte „erschwingliche“ Wohnungen, ein klassisches Gentrifizierungsphänomen.

In London wiederum versucht man das Problem durch einen verpflichtenden Anteil „erschwinglicher“ Wohnungen bei privaten Wohnbauprojekten zu lösen, der in den letzten Jahren meist bei 30 bis 50 Prozent lag. Diese sind der öffentlichen Hand oder gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften zu übergeben. Seit 2000 entstanden derart im Schnitt 11.000 Wohnungen jährlich. Weniger betuchte MieterInnen und wohlhabende WohnungseigentümerInnen leben daher Seite an Seite.

Was als „erschwinglich“ gilt, ist zudem unterschiedlich definiert – in einigen Fällen bedeutet das 60 Prozent der Marktmieten, und die sind in London extrem hoch. Die Warteliste auf Sozialwohnungen wird jedenfalls dennoch stetig länger.

Manila, Philippinen: Ein Besetzer protestiert gegen die Demolierung einer illegalen Siedlung.© Ted Aljibe / AFP / picturedesk.com

Rebellion und Protest. Widerstand flackert auf. In den USA, wo 20 Millionen in „Wohnungsarmut“ leben, einer Situation, in der ihnen nach Bezahlung der Miete nicht genug für Ernährung, Gesundheitsausgaben und andere grundlegende Bedürfnisse übrig bleibt, und jedes Jahr Millionen Familien von Zwangsräumungen betroffen sind, bilden sich in einer Stadt nach der anderen Mieterorganisationen, die fairere Bedingungen und Mietenkontrollen fordern. Sie stehen vor enormen Hürden – in 27 US-Bundesstaaten ist es Städten gesetzlich untersagt, Mietkontrollen oder andere Mieterschutzmaßnahmen einzuführen.

In Berlin, einer Stadt, in der 85 Prozent der Haushalte zur Miete leben, gingen 40.000 auf die Straße und forderten die Enteignung von skrupellos agierenden Großvermietern und die Umwandlung ihrer Wohnungen in Sozialwohnungen. Betroffen wären Wohnungsgesellschaften mit mehr als 3.000 Wohnungen – die größte, Deutsche Wohnen, besitzt rund 115.000. Mit der starken Zuwanderung haben sich die Mieten in Berlin in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Die Behörden verweisen auf die enormen Entschädigungen, die zu bezahlen wären, doch das kümmert die Protestbewegung wenig: Wer sich ausbeuterisch verhält, verdient ihrer Ansicht nach keine Entschädigung. (Im Herbst 2019 hat der Berliner Senat einen sogenannten „Mietendeckel“ auf den Weg gebracht, mit dem Berlin gegen steigende Mietpreise vorgehen will: U.a. sollen Mieten fünf Jahre lang eingefroren und die Preise bei Wiedervermietung gedeckelt sein, Anm. d. Red.)

Das Grätzel macht es vor. Das Recht aller Menschen, in einer Stadt zu leben, muss also geschaffen werden, vor allem wenn auch den marginalisierten Bevölkerungsgruppen Mitsprache, grundlegende Dienstleistungen und Sicherheit im öffentlichen Raum garantiert werden sollen. In unserer heutigen Realität gilt eine solche Forderung als radikal. Beispiele für Entwicklungen in diese Richtung findet man oft auf lokaler Ebene. Etwa in Jackson, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Mississippi, wo Menschen versuchen, für gerechtere Verhältnisse zu sorgen, trotz einer mehr als schlechten Ausgangslage. In einem mehrheitlich von AfroamerikanerInnen bewohnten Viertel, wo hohe Arbeitslosigkeit herrscht und sich der wichtigste Arbeitgeber durch diskriminierende Praktiken und Gewerkschaftsfeindlichkeit auszeichnet, versucht eine Gruppierung namens Cooperation Jackson, ihre eigene antikapitalistische Wirtschaft aufzubauen. Sie verfolgt drei Hauptziele: Demokratisierung (Entscheidungen durch lokale Versammlungen); Aufbau einer Solidarökonomie durch ein Netzwerk von Kooperativen; Wahl progressiver KandidatInnen in die Legislative der Stadt.

Durchaus ambitioniert, doch es gelte, die „Krise der Vorstellungskraft“ zu bekämpfen, die einen am Träumen hindert, meint Kali Akuno, einer der Mitbegründer der Initiative. Sie haben Cafés, Catering-Kooperativen und „Freedom farms“ gegründet, da es im Viertel kaum frisches Gemüse zu kaufen gibt und viele über kein Fahrzeug verfügen, um zum nächsten Supermarkt zu gelangen. Heruntergekommene, leer stehende Häuser des Viertels befinden sich nun in kollektivem Besitz, über einen gemeinnützigen Community Land Trust, und werden ausschließlich mit wiederverwerteten Materialien renoviert und instandgesetzt.

In Cochabamba, Bolivien, in einem von LehrerInnen gegründeten Viertel namens San Pedro Magesterio, hat die lokale Bevölkerung die nötige Infrastruktur einfach selbst aufgebaut, da „wir für den Staat gar nicht existieren“, wie es eine Einwohnerin beschrieb: eine Kirche, eine Schule, Straßen, eine eigene Trinkwasserversorgung und zuletzt auch eine eigene Kläranlage.

Städte der Zukunft. Wie viel mehr wäre erst möglich, wenn die Bereitstellung solcher Gemeingüter auch das Anliegen der Stadtverwaltungen wäre. Das ist erfreulicherweise seit 2015 in Barcelona der Fall, unter der Bürgermeisterin Ada Colau. Ihre erste vierjährige Amtsperiode war ein erstaunlicher Balanceakt zwischen einer Agenda der sozialen Gerechtigkeit und den Forderungen einer lokalen, vom Tourismus abhängigen Wirtschaft. Was Colau und ihr Team erreichten, war beeindruckend: Zahlreiche Dienstleistungen wurden wieder von der öffentlichen Hand übernommen, Zwangsräumungen verhindert, der Korruption und den Unternehmenslobbys wurde der Kampf angesagt und der soziale Wohnbau gefördert, Airbnb wurde in die Schranken gewiesen, die Rechte der ImmigrantInnen wurden verteidigt, Feminismus wurde zum Grundsatz der Verwaltung erhoben und die Bevölkerung über lokale Versammlungen in die Entscheidungsfindung einbezogen.

In punkto Nachhaltigkeit besteht in Städten ein enormes Verbesserungspotenzial, denn hier werden die meisten Ressourcen verbraucht. Dazu müssten wir das ungeheuer verschwenderische, flächenverbrauchende Wachstum der Vorstädte stoppen und lernen, auf weniger Raum zusammen zu leben, in effizienteren, kompakteren Wohnformen, mit Straßen, die eine Domäne von FußgängerInnen, RadfahrerInnen und des öffentlichen Verkehrs sind und nicht von PKWs beherrscht werden. Und wir müssten die Voraussetzungen schaffen, damit gemeinsamer Besitz und das Teilen von Ressourcen zum Normalfall werden können.

Damit diese Vision Wirklichkeit werden kann, braucht es eine gewisse Garantie der Teilhabe und Mitwirkung, keine Exklusion – mit anderen Worten, ein gleiches Recht, in Städten menschenwürdig zu leben – für alle.

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