Weniger ist mehr

Das Gute Leben für alle und die Wohlstandsgesellschaft: Die Schwerpunktsetzung auf die Quantität macht Menschen und den Planeten krank.

Von Franz Helm
„Geiz ist geil“, sagen die Nimmersatten, die keine Ahnung haben von der Erfülltheit eines Lebens in einer gerechten, vielfältigen und harmonischen Welt.

Die Nachkriegsgeneration lebte dafür, dass es „unsere Kinder einmal besser haben“. Unter den Rahmenbedingungen des Kapitalismus bot sich als Weg zu diesem „besseren Leben“ die stetige Steigerung der Produktion an, was vermehrte Einkünfte, ein nie da gewesenes Angebot an Konsumgütern, eine rasante technologische Entwicklung und einen hohen Lebensstandard hervorbrachte. Das hatte aber verheerende Konsequenzen für den Planeten Erde: ungebremsten Raubbau an den Ressourcen und Degradierung des Habitats. Die weltweite Ungleichheit und die negativen Auswirkungen auf das Klima nahmen stetig zu, was zu Migrationsströmen, Artensterben und Klimawandel führte. Die westliche Gesellschaft als Motor dieser Entwicklung steht nun vor der dringenden Herausforderung, das bisherige zivilisatorische Modell aufzugeben und ein anderes, neues Modell zu entwickeln.

Das erweist sich aber als äußerst schwierig. Einerseits ist für viele ein Wirtschaftsmodell, das nicht auf Wachstum ausgerichtet ist, undenkbar und andererseits sind die Menschen nicht gewillt, sich mit weniger zufrieden zu geben. Zu sehr ist internalisiert: „Ich will alles – und das sofort!“ Im Kontext dieses kollektiven Bewusstseins der Wohlstandsgesellschaft scheint Veränderung politisch nicht durchsetzbar und daher unmöglich zu sein. Dabei zeigen verschiedene Indikatoren, dass es mit der Lebensqualität – einem „Guten Leben“ – in dieser Gesellschaft nicht weit her ist. Viele Menschen sind überfordert. Das Überangebot an Konsummöglichkeiten und der ständige Wettbewerbsdruck treiben so manchen ins Burnout. Zivilisationskrankheiten wie Fettleibigkeit, Herz-Kreislaufbeschwerden und Krebs sind massiv im Vormarsch. Der Klimawandel lässt seine verheerenden Auswirkungen auch im reichen Norden der Erde spüren. Hinzu kommt, dass die Wohlstandsgesellschaften durch massive Migrationsbewegungen einem ungeheuren Druck von außen ausgesetzt sind. Die Aufrüstung des Sicherheitsapparates ist eine unmenschliche und einer demokratischen modernen Gesellschaft unwürdige Antwort. Nationalismus und Rassismus finden in diesem Zusammenhang einen gefährlichen Nährboden.

Ist das das Bild einer „entwickelten Gesellschaft“? Ist das ein „Gutes Leben“? Nach den Indikatoren des „Human Development Index“ der UNO vielleicht schon – denn da geht es um die Kriterien Einkommen, Bildung und Lebenserwartung, und daran gemessen, liegen westliche Gesellschaften im Spitzenfeld. Aber ist damit wirklich abgebildet, was Gutes Leben ist? Müssen diese Indikatoren nicht ergänzt werden mit der moralischen und der spirituellen Dimension, wie der indische Ökonom Ratan Lal Basu meint?

Es braucht einen Neuanfang, einen Paradigmenwechsel, eine gemeinsame Suche nach dem, was Gutes Leben hier und weltweit sein kann. In Österreich hat die Grüne Bildungswerkstatt aus dieser Suche im Jahr 2010 einen Schwerpunkt gemacht. Sie postuliert: „Das Nachdenken über die Utopie eines guten Lebens für alle bietet einen schönen und einfachen Gegenentwurf zum bekannten Bild der Ausgrenzung und der Konkurrenz.“ Die Utopie des Guten Lebens für alle wird prägnant im Kontrast zur bisherigen wirtschaftlichen Grundorientierung benannt: „Nicht länger wäre Wirtschaftswachstum und das rastlose Mehr das Ziel der Wirtschaftspolitik, sondern das gute Leben: Die Wirtschaft dient den Interessen der Menschen und nicht umgekehrt.“ Aber auch die hier entworfene Utopie erscheint einseitig wirtschaftlich bestimmt. Ethik im Sinn der Gerechtigkeit, der Solidarität und des Guten Lebens für alle wird zwar eingefordert, aber nicht begründet. Und die Notwendigkeit einer Spiritualität, die eine solche Veränderung der Sichtweise und der Praxis motivieren und bewirken könnte, bleibt unerwähnt.

Dieser Frage widmete sich im November 2010 ein Symposium an der Universität Innsbruck. Dabei brachte der brasilianische Theologe Paulo Suess das Gute Leben in Verbindung mit dem Rechten Leben, indem er sagte: „Es gibt kein gutes Leben unter privilegierten Bedingungen. Leben, das Menschen ausschließt, ist eben auch für die Privilegierten kein gutes Leben, weil es moralisch betrachtet kein rechtes Leben ist.“ Dieses Gute Leben aller muss kulturell konstruiert werden, und dazu braucht es auch den Beitrag der Religionen. Davon waren die TeilnehmerInnen des Symposiums überzeugt. Religionen haben das Potenzial, Verbindungen und Beziehungen herzustellen: Zwischen dem Schöpfer und den Geschöpfen, zwischen Generationen und Völkern.

Genau darum geht es in der in vielfältige Krisen geratenen Welt: Dass die Verbundenheit aller Geschöpfe und aller Dinge neu wahrgenommen und bedacht und in diesem veränderten Bewusstsein die gemeinsame Zukunft auf dem Planeten gestaltet wird. Aus dieser Verbundenheit erwächst die moralische Verpflichtung, füreinander Verantwortung zu übernehmen. So kann der soziale Zusammenhalt der Gesellschaft gestärkt und solidarisches Handeln über Landes- und Schengengrenzen hinaus verwirklicht werden.

Ziel dieses solidarischen Handelns ist nicht ein zählbares „Mehr“ oder ein „besseres“ Leben, sondern das „Gute Leben aller“. Auf dem Symposium in Innsbruck präzisierte Suess: „Das Gute Leben aller ist ein kategorischer Imperativ nicht der Quantität, sondern der Qualität, der im Prinzip der Gleichheit seine Wurzeln hat. Wo es um die Qualität des Lebens geht, da ist das normative Ziel die Inklusion und Partizipation aller.“ Diesem Prinzip der Gleichheit aller widerspricht zutiefst, dass weltweit eine Milliarde Menschen hungern und weitere Milliarden im Elend leben. In der Tradition der Befreiungstheologie geht es darum, sie in den Mittelpunkt zu stellen, und zwar sowohl als Opfer einer menschengemachten Entwicklung, die der Solidarität bedürfen, als auch als LehrmeisterInnen einer „Zivilisation der Armut“, des Lebens und Überlebens mit Wenigem. Sie haben das Potenzial, westliche Sichtweisen vom Guten Leben zu korrigieren. Weniger ist mehr – das müssen Menschen in westlichen Wohlstandsgesellschaften in der derzeitigen Weltsituation unbedingt lernen. Will die Menschheit zukunftsfähig sein, muss sich zukünftige Entwicklung daran ausrichten.

Franz Helm gehört der katholischen Ordensgemeinschaft der Steyler Missionare an. Er hat Missionswissenschaft studiert, in Brasilien gearbeitet und ist derzeit in der Bewusstseinsbildung und als Leiter des Jugendzentrums „Weltdorf“ in St. Gabriel bei Mödling tätig.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen