Wer mit wem?

Humorvoll-nachdenkliche Anmerkungen von Albert Hosp.

Von Albert Hosp
Nie sind es die MusikerInnen, die ihrer Kunst einen stilistischen Namen verpassen wollen; immer sind es die Menschen, die Musik beschreiben sollen. Das war beim „Jazz“ so, das ist noch viel mehr bei der „Weltmusik“ so.
In der November-Ausgabe der World Music Charts Europe finden sich allein unter den ersten zehn CDs sechs Neuproduktionen aus Afrika – zwei davon aus Algerien sowie je eine aus Mali, Senegal, Guinea und Nigeria.
Afrika ist also scheinbar nach wie vor die Erdengegend für Weltmusik. Aber, was heißt „Afrika“, was bedeutet es, wenn ein Künstler „aus“ einem bestimmten Land kommt? Unzählige Produkte mit „afrikanischer“ Musik kommen aus Paris, Brüssel oder London …
„Home is, where your love is“ – könnte man poetisierend annehmen … „Home is, where you can make a living“ – das natürlich, weniger poetisch als realistisch, auch …
Allerdings waren es auch die Platten mit justament afrikanischer Musik, die, Anfang der 1980er Jahre, keinen rechten Platz in den Geschäften fanden, weswegen sich ein paar findige Produzenten in London zusammensetzten und schließlich mit dem Titel „World Music“ herauskamen.

„World Music“ oder das schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts existierende, etwas spießig klingende Wort „Weltmusik“? Egal, beide stehen paradoxerweise für etwas, das ihr Name verschweigt: Es handelt sich keinesfalls um globale bzw. global verständliche Musik, sondern um Produktionen aus einem ganz bestimmten, geografisch auffindbaren Teil der Erde. Die Roma-Band Taraf de Haidouk etwa kommt aus dem Dorf Clejani, nicht allzuweit von Bukarest entfernt.
Moment mal, werden Sie sagen, Weltmusik steht doch für das Miteinander über alle möglichen Grenzen hinweg; Didgeridoo mit Dudelsack, Geige mit Djembe, Jodler mit Flamenco, etc.! Nun, es stimmt schon, der Begriff deutet vielleicht an, dass sich da mindestens zwei Leute aus verschiedenen Kulturen miteinander befassen. Aber, allein Taraf de Haidouk vereinigt in sich schon die Traditionen der Roma zwischen Indien und dem Balkan. Jede noch so homogene Stilrichtung ist das Ergebnis irgendeiner Wechselwirkung.
Die neueste CD der Neville Brothers ist reinster Funk. „Reinster“? Der Wechselgesang zwischen den Brüdern kommt direkt aus dem subsaharischen Afrika. Die Metallglocke, mit der der Schlagzeuger immer wieder fröhlich bimmelt, hat ganz nahe Verwandte in Brasilien.
„Sabu“, die aktuelle Produktion von Mory Kante, Superstar aus Guinea, ist pure Tradition. „Pur“? Kantes Musik bietet, neben zweifellos „guineischen“ Elementen, arabische Melismen im Gesang und klassische europäische Harmonien in der Begleitung.

Et cetera et cetera. Wenn mir bei meiner mittlerweile 15-jährigen Arbeit mit World Music im Radio etwas aufgefallen ist, dann dieses: Es gibt nun einmal diesen Begriff, und, mag er auch nebulos sein, unter seinem Label sind mehr spannende und künstlerisch innovative Leistungen vollbracht worden als womöglich in Jazz und Klassik zusammen. Weswegen diese zwei altehrwürdigen Stile (und beide sind ja auch schon lange nicht mehr „definierbar“) sich auch von jenem jüngeren namens World Music fleißig inspirieren lassen. Gut so!
PS: Als Mitarbeiter beim Festival Glatt&Verkehrt in Krems erinnere ich mich an die Diskussionen, wie wir denn auf den Plakaten deutlich machen sollten, was für eine Musik bei uns gespielt wird. Hinlänglich bekannt sind die Versuche a la „Neue Volksmusik“ oder gar „Volxmusik“... Mittlerweile heißt es schlicht „Musikfestival“; wobei etwa die Kollegen aus Waidhofen a. d. Thaya das ihrige immer schon einfach „Musikfest“ betitelten. Gut so!

Albert Hosp gestaltet seit 1989 eine wöchentliche Weltmusik-Sendung im ORF-Radio Ö1 (?Spielräume?, jeweils donnerstags 17 Uhr 30). Außerdem ist er Kurator des Festivals Glatt&Verkehrt.

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