Wie die Lobaubewegung tickt

Von Monika Austaller (Text) und Lukas David Beck (Fotos) · · 2022/Jan-Feb
Hoffnungsfroh in eine herausfordernde Zukunft: das Protest-Camp gegen den Bau der Lobau-Autobahn in Wien (aufgenommen im Herbst). © Lukas David Beck

Der Stopp des Lobautunnels war ein gewaltiger Erfolg für die hiesige Klimabewegung. Doch die sieht das erst als Anfang.

Ein historischer Etappensieg. Für die Aktivist*innen selbst war diese Einordnung der „Breaking News“ eine klare Sache. Anfang Dezember verlautbarte Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Die Grünen) das Aus für den Lobautunnel. Da hieß es auch im Protestcamp in Wien-Donaustadt feiern. Allerdings, wie die beteiligten Gruppen auf sozialen Medien offenbarten, nur kurz und mit alkoholfreiem Sekt.

„Heute die Lobau-Autobahn, morgen die Stadtautobahn, übermorgen der fossile Kapitalismus“, war das Motto der Bewegung „System Change, not Climate Change!“, das schon bald nach Gewesslers Pressekonferenz über Social Media-Kanäle verbreitet wurde. Der Kampf ging gleich weiter, am selben Tag gab’s noch eine Demo vor dem Wiener Rathaus gegen die Stadtautobahn „Stadtstraße Aspern“, für die die Stadt Wien verantwortlich ist.

Welche langfristige Perspektive verfolgen Klimainitiativen wie die Lobau-Bewegung? Und was macht sie so besonders? Schon vor dem Erfolg im Dezember wurde dem „Lobau bleibt“-Protest viel Bedeutung zugesprochen, historische Vergleiche mit Hainburg & Co wurden gezogen.

Das Südwind-Magazin tauschte sich noch im Herbst vor Ort mit Aktivist*innen aus. Um die achtzig Zelte stehen beim Lokalaugenschein des Südwind-Magazins im Protestcamp zwischen Ahornbäumen. Fotograf und Journalistin bekommen eine Tasse heißen Kaffee und werden gleich zum täglichen Morgenplenum um zehn eingeladen. 14 Aktivist*innen zwischen 16 und 40 setzen sich draußen im Kreis auf Bänken zusammen.

Schnell wird klar: Die eine homogene Lobau-Bewegung gibt es in diesem Sinn nicht. Gestartet wurde das Camp von Aktivist*innen des Jugendrats, die Bewegungen „Extinction Rebellion“, „Fridays for Future“ und „System Change, Not Climate Change!“ waren involviert (vgl. Infokasten rechts).

Beim Besuch des Südwind-Magazins im November sind fast alle Campierenden hingegen autonom. Die meisten sind Studierende, die Schüler*innen kommen jeweils erst am Nachmittag nach der Schule wieder aufs Camp. Man trägt Aktionsnamen: Hyäne, Pronomen sie; Findus, Pronomen egal; Obelix, Pronomen ebenfalls egal; Omid, Pronomen er; Feli, Pronomen, wenn’s sein muss, sie. Das Pronomen sagt aus, wie die Personen angesprochen werden wollen. Niemand trägt einen Ausweis bei sich, um im Fall des Falles nicht von der Polizei identifiziert werden zu können.

Breite, bunte Bewegung. Antje Daniel forscht am Institut für Internationale Entwicklung der Uni Wien unter anderem zu sozial-ökologischer Transformation, Protest und Bewegungen. Sie bestätigt: „Die Bewegung gegen die Lobauautobahn ist sehr breit und divers.“ Einzelbewegungen à la „Fridays for Future“ seien mit NGOs und Wissenschaftler*innen aus dem Klima- und Umweltbereich vernetzt: „Diese Akteure haben alle etwas unterschiedliche Ziele, Positionen und Strategien.“

Und gemeinsam viel erreicht: „Die Aktivist*innen haben es geschafft, das Thema in der Öffentlichkeit präsent zu machen“, sagt Forscherin Daniel.

Wissenschaft und Aktivist*innen, Seite an Seite. Omid aus dem Protestcamp betont: „Wir verteidigen hier die Wissenschaft! Das wird viel zu wenig gesehen.“

Gesellschaftlich progressiv, in der Sache radikal – und konform mit Corona-Regeln: Die Aktivist*innen wissen, was sie (nicht) wollen. © Lukas David Beck

Österreichische Verkehrs- und Klimaforscher*innen haben im Oktober 2021 die „Lobauer Erklärung“ präsentiert, ein Manifest gegen die Lobau-Autobahn und für verantwortungsvolle Klima- und Umweltpolitik. Das Projekt wird darin in einem Zug mit Hainburg und Zwentendorf als ein Symbol einer verfehlten Umweltpolitik genannt. Mitunter werden Wissenschaftler*innen selbst aktiv, wie die „Scientists for Future“, die sich selbst auf ihrer Website als wissenschaftliche Expert*innen definieren, die „bereit sind, die Klima- und Nachhaltigkeits-Bewegungen zu unterstützen“.

Im Zuge der Lobautunnel-Entscheidung meldete sich das Kollektiv um Meteorologin Helga Kromp-Kolb auf dem Onlinedienst Twitter zu Wort und kritisierte den ORF: Die Berichterstattung zum Thema sei einseitig, die Fakten der Klimaforschung seien zu wenig beachtet worden.

Für die Lobau aktiv 

Im selbstorganisierten Jugendrat, der das Protestcamp startete, bringen sich junge Menschen in verschiedenen Regionen in demokratische Prozesse ein; die weltweite Klimastreik-Bewegung „Fridays for Future“, initiiert von Greta Thunberg, startete 2018 auch hierzulande; „Extinction Rebellion“ ist ebenso international, wurde 2018 in Großbritannien gestartet, und setzt auf zivilen Ungehorsam; „System Change, Not Climate Change!“, aktiv seit 2015, ist es ein Anliegen Bewusstsein zu schaffen, dass die Klimakrise eng mit Wirtschaft und gesellschaftlichen Lebensweisen zusammenhängt.   red

Mobilitätswende jetzt! Zusammenzubringen scheint die verschiedenen Akteur*innen der aktuellen Protestbewegungen eine gemeinsame Vision: eine radikale Mobilitätswende. Geführt wird der Kampf dafür auf lokaler Ebene – hierzulande einst gegen die geplante dritte Piste am Flughafen Wien-Schwechat, in Deutschland etwa beim Widerstand gegen eine Teilrodung des Dannenröder Forsts in Hessen. Und seit Sommer eben in Wien-Donaustadt: „Angesichts der Infos, die wir über den Klimawandel haben, ist es absurd, auf Individualverkehr zu setzen“, sagt Aktivistin Feli. „Das ist doch ein Widerspruch! Das kommt mir so vor, als ob es den Menschen, die diese Entscheidungen treffen, einfach egal wäre.“

Omid pflichtet ihr bei und schlägt konkrete Alternativen vor: „Wir müssen Verkehr reduzieren. Statt Einkaufszentren zu bauen, die nur mit dem Auto erreichbar sind, braucht es Grundversorgung, Grünflächen und Arbeitsplätze in der Nähe des Wohnortes. Fuß-, Rad- und öffentlichen Verkehr sollte man ausbauen.“

Mit einem Drittel des Budgets der Stadtstraße könne man ein flächendeckendes Fahrradnetz für Wien bauen, erklärt Omid, und verweist auf die Initiative „Platz für Wien“.

Und er ergänzt: „Wenn man auf die Wissenschaft hört, können Änderungen sehr rasch umgesetzt werden – wie man bei Corona gesehen hat.“

© SWM / APA-Grafik / picturedesk.com

Baustelle Wien-Donaustadt 
Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Die Grünen) stoppte das Projekt der Wiener Außenring-Schnellstraße S 1 von Süßenbrunn nach Schwechat. Sie hätte 19 Kilometer lang werden und das Auengebiet Lobau unterhöhlen sollen. Die Lobau-Autobahn galt als ein Symbol einer verfehlten Umweltpolitik wie einst Hainburg und Zwentendorf.   
Die Stadtstraße Aspern soll in Wien-Hirschstetten beginnen, in die Seestadt führen und von dort als „Spange Seestadt“ weiter zur S 1. Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) will diese weiterhin bauen. Gegenüber dem Standard betonte er, „dass es notwendig sein wird, trotz allem [den] Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel sicherzustellen, dass der Durchzugsverkehr abgeleitet wird, und dass man zusätzliche Betriebsansiedlungsgebiete und Stadterweiterungsgebiete auch mit Straßen erschließen muss“.  Klimaforscher*innen entgegnen u.a., dass neue Straßen immer mehr Verkehr bringen. Lösungen soll eine breite Mobilitätswende hin zu mehr Öffis und Fahrradnutzung bringen.   
Doch konkrete alternative Konzepte werden derzeit noch nicht breit diskutiert.    M. A./red

Radikal & regelkonform. Apropos Protest in Zeiten einer Pandemie. Wissenschaftlerin Daniel: „Was ich an der Bewegung gegen die Lobau-Autobahn sehr spannend finde, ist die Bereitschaft, coronakonform zu handeln. Mit der Aktionsform der Besetzung grenzen die Aktivistinnen und Aktivisten an zivilen Ungehorsam und wollen durch diese Form von Radikalität Druck ausüben“, erläutert die Forscherin der Uni Wien. „Doch sie sind bereit, das innerhalb der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun.“

Gesellschaftlich sind die Bewegungen dabei sehr progressiv (vgl. Interview rechts): Im Lobau-Protestcamp liegen beim Lokalaugenschein des Südwind-Magazins Prospekte auf mit Titeln wie „Alles verändern“, „Out of action“ und „Am I trans?“. An einer Wand findet sich ein Konsens zum Zusammenleben: „Rassismus, Sexismus, sexuelle Belästigung und jede andere Form von Diskriminierung haben hier keinen Platz!“

Jung & dynamisch. Feli, 20, ist aus Bayern, hat ein Freiwilliges Soziales Jahr in Wien gemacht und ist dann im Lobau-Camp „hängen“ geblieben. Ursprünglich komme sie aus der Tierrechtsbewegung und ernähre sich vegetarisch.

Omid ist sechs Jahre älter. Er hat ein Elektrotechnikstudium abgeschlossen. Sein Engagement begann mit einem Gemeinschaftsgarten an der Universität. Dort kam er mit „Fridays for Future“ in Kontakt und engagierte sich im Jugendrat.

Wissenschaftlerin Daniel erkennt einen Transformationsprozess innerhalb der Bewegungen: „Seit drei Jahren führen wir bei den Klimaaktionstagen Befragungen durch. Und wir können zeigen: Die Klimaaktivistinnen und -aktivisten selbst sind heute viel eher bereit, ihr eigenes Verhalten zu ändern als früher“, führt sie aus. „Das betrifft etwa nachhaltigen Konsum und ihr Mobilitätsverhalten.“

Die aktuellen Klimabewegungen sind nicht zuletzt auch junge Bewegungen in Bezug auf das Alter der Aktivist*innen. Laut einer europaweiten Umfrage verschiedener NGOs mit über 22.000 Befragten aus 2021 nehmen junge Menschen die Klimakrise besonders ernst. In Österreich sind dabei drei Viertel der hierzulande rund 1.000 Befragten der Meinung, dass „wir unsere Konsumgewohnheiten nicht aufrechterhalten können, wenn wir gleichzeitig die Umwelt schützen wollen“. Sieben von zehn denken, dass die „Wirtschaft in Österreich zum Vorteil der Reichen und Mächtigen ausgerichtet ist“.

Die 13-jährige Smilla sagt zum Thema Klimakrise: „Eigentlich muss uns die Regierung versichern können, dass wir eine lebenswerte Zukunft haben“, so die Aktivistin in einem Podcast der Ini-
tiative „1Planet4All“. „Ich kann noch nicht wählen gehen. Protest ist die einzige Möglichkeit, meine Stimme laut machen zu können“, erklärt die Schülerin, die auch schon Zeit im Protestcamp gegen die Lobauautobahn verbracht hat.

Apfel (Aktionsname), zwölf, ist seit dem Sommer dabei: „Anfangs dachten wir noch, wir bleiben für einen Tag, höchstens eine Woche hier.“ Er habe, so erzählt er dem Südwind-Magazin im Herbst, jeden Tag gezittert, ob die Polizei komme. Aber im Camp, so meint er, gibt es „einfach alles“: „Richtig gute Freundinnen und Freunde, ein Bett, eine Küche, eine Feuerstelle. Dieser Ort ist so viel mehr für uns geworden.“

Weiter geht’s. Katharina Rogenhofer, Mitbegründerin von „Fridays for Future“ in Österreich, beschäftigt sich in ihrem Buch „Ändert sich nichts, ändert sich alles“ (Zsolnay Verlag, Wien 2021) ebenso mit dem Faktor Jugend: „Das Beeindruckendste in den frühen Monaten von Fridays for Future waren die vielen jungen Menschen, die tagtäglich über sich hinauswuchsen“, so Rogenhofer. „Zwölfjährige übernahmen Verantwortung in der Organisation, trafen selbstständig Entscheidungen … koordinierten, sprachen sich ab, leiteten Sitzungen, moderierten Gespräche …“

Mitte Dezember, bei Redaktionsschluss, teilte die Polizei mit, dass das Protestcamp als „aufgelöst“ und damit als illegal gelte. Die Aktivist*innen wollten bleiben, denn auch die Stadtstraße Aspern sollte verhindert werden. Man hatte sich winterfest eingerichtet.

Die lokalen bzw. eigentlich „glokalen“ Klimabewegungen werden weiterkämpfen, in Wien und anderswo. Und die nächsten Aktivist*innen-Generationen, die wachsen bereits heran.

Monika Austaller ist Journalistin und lebt in Wien. Lukas David Beck ist Fotograf und Filmemacher mit Fokus auf Aktivismus: @_lukasdbeck (Instagram)

Weitere Infos: suedwind.at/klima

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