Wiederaufbau mit Hindernissen

Im April jährt sich das katastrophale Erdbeben in Nepal. Der Wiederaufbau kommt nur schleppend voran. Ein Lokalaugenschein von Irmgard Kirchner.

Nuri (Mitte) wartet wie viele Erdbebenopfer auf Geld von der Regierung.© Irmgard Kirchner

Die Steintreppe führt ins Nichts. Welches Baujuwel da oben einmal war, zeigt die riesige Fotografie daneben: So hat der Vatsala-Tempel in Bhaktapur bis zum vergangenen April ausgesehen. Dann erschütterten mehrere Erdbeben mit einer Stärke bis zu 7,8 den Großraum rund um Kathmandu. Über 8.000 Menschen verloren ihr Leben. In der alten Königsstadt Bhaktapur, Weltkulturerbe der Unesco und eine der touristischen Hauptattraktionen im Kathmandutal, waren es 200. Etwa ein Drittel der Tempel und Paläste wurden zerstört.

Fast ein Jahr nach der Katastrophe leben in Bhaktapur immer noch über 1.000 Menschen in Zelten und provisorischen Unterkünften. Wie die 30-jährige Nuri. In einem mit Wellblech gedeckten Bretterverschlag kämpft sie mit ihrer elfköpfigen Drei-Generationen-Familie gegen die Winterkälte und für ein halbwegs normales Alltagleben. Nuris Familie konnte weglaufen, als am 25. April um 11.56 Uhr die Erde bebte. Auf dem großen Platz starben damals 30 Menschen. Nuri und ihre Familie wollen aus der Stadt wegziehen, sobald sie die vom Staat versprochene Entschädigung erhalten haben.

200.000 Rupien Unterstützung (umgerechnet etwa 1.850 US-Dollar) soll jede Familie für den erdbebensicheren Wiederaufbau ihres Hauses bekommen. Fast 500.000 Häuser sind komplett zerstört, laut erster offizieller Erfassung der Erdbebenschäden im vergangenen Sommer. Doch der Wiederaufbau läuft nur schleppend an. Bereits im Juni des vergangenen Jahres wurden 4,1 Milliarden Dollar an internationaler Hilfe zugesagt. Aber erst kurz vor Weihnachten wurde mit der Nepal Reconstruction Authority die Behörde geschaffen, über die die Hilfszahlungen fließen sollen. Zu Jahresbeginn begann die Regierung nochmals mit einer Volkszählung, nur so könne die Hilfe auch bei den wirklich Bedürftigen ankommen.

Blockade. Im Herbst hatte es den Anschein, als wäre das Thema Erdbeben von der politischen Agenda verschwunden. Ende September hatte sich die Regierung nach neunjährigem Ringen endlich mit Zweidrittelmehrheit auf eine neue Verfassung für das Land geeinigt. Allerdings nicht zur Zufriedenheit aller. Die aufständische Madhesi-Bevölkerung im Süden des Landes sieht in der neuen Verfassung ihre Rechte nicht gewahrt. Mit Unterstützung Indiens wurde die Lebensader Nepals, die Grenze zum mächtigen Nachbarn im Süden, dichtgemacht. Durch die Blockade mangelt es in Nepal an Treibstoff, an Kochgas und an lebenswichtigen Medikamenten. Güter des täglichen Bedarfs haben sich extrem verteuert. Darunter leiden die Bevölkerung und der gesamte Wiederaufbau. „Wir müssen ständig unsere Budgets revidieren“, sagt Max Santner. Der österreichische Katastrophenhilfe-Experte leitet die Arbeit der Föderation der Rot-Kreuz- und Roter-Halbmond-Gesellschaften in Nepal.

Strukturelle Schwierigkeiten belasten den Wiederaufbau zusätzlich. Santner: „Die Art zu planen, die wir gewöhnt sind, die gibt es hier überhaupt nicht.“ Aufgrund der schwierigen Topografie sind viele Orte nur zu Fuß erreichbar. Darüberhinaus konstatiert Santner „eine traditionelle Vernachlässigung von allem, was außerhalb von Kathmandu passiert“.

Seit 17 Jahren wurden in Nepal keine Kommunalwahlen abgehalten. An vielen Orten fehlen die BürgermeisterInnen und damit AnsprechpartnerInnen für die Administration der Hilfsgelder auf lokaler Ebene.

Private Hilfe. Schneller – wenn auch nicht immer treffsicherer – sind da die Tausenden von privaten Initiativen aus aller Welt, die zu Spenden für den Wiederaufbau in Nepal aufrufen.

Hier laufe viel unkoordiniert, berichtet Santner. Privatinitativen können allerdings durchaus sinnvoll und hilfreich sein, wenn schon länger Kontakte mit Nepal bestehen.

Der Reiseveranstalter Weltweitwandern aus Graz bietet seit dem Jahr 2000 unterschiedliche Touren nach Nepal an und unterstützt Sozialprojekte im Land. Darunter die so genannten Flaschenhäuser, ein Kinderheim in der Nähe von Kathmandu, das beim Erdbeben erheblich beschädigt wurde. Binnen weniger Wochen war für den Wiederaufbau in Nepal eine halbe Million Euro an Spendengeldern eingelangt. Spätestens bis zum Jahrestag des Bebens sollen weitere Flaschenhäuser, errichtet aus leeren Glasflaschen, Lehm, Holz, Stroh – und zukünftig stahlverstärkt – erdbebensicher wiederaufgebaut sein. Derzeit leben dort 42 vernachlässigte oder verlassene Kinder von 7 bis 17 in provisorischen Unterkünften. Die 15-jährige Prajita führt durch die Baustelle. Ihr enges und schlecht heizbares Zimmer mit acht Stockbetten teilt sie mit 13 anderen Mädchen. Und doch geht es den BewohnerInnen des Kinderheims wesentlich besser als vielen der geschätzten 200.000 bis 300.000 Kinder, die laut UNO vom Erdbeben direkt betroffen sind. An vielen Orten in Nepal sind die Schulen geschlossen. Die Flaschenhaus-Kinder gehen in die Schule und bekommen regelmäßig zu essen. Sie leben in einer freundlichen Atmosphäre, in der mit Begeisterung am Wiederaufbau gearbeitet wird.

Aus der Hilfsbereitschaft hat sich ein neues Reiseformat entwickelt. Schon die dritte Gruppe von Menschen bezahlt dafür, beim Wiederaufbau der Flaschenhäuser zu helfen. Im Anschluss wird gewandert.

Reisen hilft. Auch nur zu reisen ist eine wichtige Unterstützung für das Land. Der Touristiker Sudarma Karki, der in Kathmandu ein Reisebüro betreibt, geht von einem Rückgang der Touristenankünfte um drei Viertel aus. Der Tourismus ist der wichtigste Devisenbringer des Landes.

Dabei sei Nepal trotz Erdbeben und Blockade gut bereisbar. Kathmandu wird mehrmals pro Woche von internationalen Fluglinien wie Turkish Airways angeflogen. „In Nepal schauen alle darauf, dass der Tourismus gut läuft“, erzählt Christian Hlade, Geschäftsführer von Weltweitwandern.

„Nepal hat nicht nur acht der zwölf Achttausender der Erde zu bieten, sondern noch viel mehr. Auch im Kathmandu-Tal gibt es trotz der Zerstörungen immer noch viel zu sehen“, sagt Karki. Ein paar Schritte vom zerstörten Vatsala-Tempel in Bhaktapur entfernt ragt der fünfstöckige Nathapola-Tempel stolz in den Himmel. Der größte Tempel im Kathmandu-Tal aus dem 18. Jahrhundert hat auch das Erdbeben von 1934 unbeschädigt überstanden.

Wie lange Nepal wohl für den Wiederaufbau brauchen wird? Max Santner ist sich sicher: „Wie, wann und in welchen Schleifen … das ist unvorhersehbar. Doch die Nepalis werden das auf die Reihe kriegen.“

Die Reise erfolgte auf Einladung von Weltweitwandern.

www.weltweitwandernwirkt.org

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