Wieso Millionen Menschen hungern

Von Lena Bassermann ·
Ein indigenes Kind liegt auf einem Bambustuch, umringt von verschiedenen Speisen, die darstellen, was das Mädchen in einer Woche isst.
Kawakanih Yawalapiti von der indigenen Gruppe der Yawalapiti im Bundesstaat Mato Grosso hilft beim Fischen und Maniok ernten. © Gregg Segal

Das weltweite Ernährungssystem befindet sich in einem alarmierenden Zustand. Mit dem Welternährungsgipfel wollten die Vereinten Nationen im September die Trendwende einleiten. Die Ergebnisse sind ernüchternd.

Die Art und Weise, wie unser Essen heute produziert wird, verletzt Menschenrechte, macht Menschen und Tiere krank und zerstört die Umwelt. Während der Covid-19-Krise trat noch deutlicher zu Tage, dass die zentrale Frage der Welternährung ungelöst ist: wie sich nämlich alle Menschen weltweit mit ausreichend gesunder Nahrung versorgen können und dabei zugleich die natürlichen Ressourcen erhalten.

Im Gegenteil verstärken die Auswirkungen der globalen Gesundheitskrise die weltweiten Ungleichheiten noch weiter, und dies in einer alarmierenden Geschwindigkeit. Das belegen auch die aktuellen Zahlen der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO): Rund 120 Millionen Menschen mehr, so die Schätzung, hungern seit Beginn der Pandemie. In einem solch drastischen Ausmaß sind die Zahlen seit weit mehr als zehn Jahren nicht gestiegen.

Paradoxerweise sind die Auswirkungen nicht für alle Akteure im Ernährungssystem negativ. Es gibt auch klare Gewinner. Supermarkt- und Handelsketten verzeichneten im vergangenen Jahr Rekordgewinne.

Die vielen Arbeiter*innen, die in allen Teilen der Welt auf Plantagen – oftmals für Hungerlöhne und giftigen Pestiziden ausgesetzt – dafür arbeiten, dass ganzjährig sämtliche Obst- und Gemüsesorten die Supermarktregale füllen, oder die Menschen, die in den Supermärkten, Schlachtbetrieben oder bei Zuliefer*innen einer besonders hohen Arbeitsbelastung und einem überdurchschnittlichen Ansteckungsrisiko ausgesetzt sind, werden zu anderen Schlussfolgerungen kommen. Denn sie profitieren von den Rekordumsätzen keineswegs.

Und: Einer von drei Menschen weltweit hat derzeit keinen Zugang zu angemessener Nahrung. Einkäufe im Supermarkt sind für viele Menschen ein Privileg. Weil die dort angebotenen Waren für weite Teile von städtischen Bevölkerungen zu teuer und damit unerreichbar sind oder weil es gar keine Supermärkte in abgelegenen ländlichen Regionen gibt.

Chetan Menge lebt mit seiner Familie in Deonar bei Mumbai, Indien. Gegessen wird vor dem Fernseher. © Gregg Segal

Dass es für die meisten Regierungen während der Pandemie oberste Priorität hatte, die Warenströme für Supermärkte am Laufen zu halten, während lokale Märkte und Straßenküchen zeitweise geschlossen waren, zeigt die dramatische Schieflage des bestehenden Ernährungssystems auf. Ganz zu schweigen von der durch Supermärkte vielfach verbreiteten ungesunden Ernährungsweise, die zu einer Überversorgung an hochverarbeiteten Lebensmitteln führt. Auch das bleibt nicht ohne Konsequenzen. Denn: Fettleibigkeit nimmt in allen Weltregionen zu. Nachweislich besteht ein Zusammenhang mit Supermarkternährung. In städtischen Gebieten Kenias etwa konnten Wissenschaftler*innen der Universität Göttingen zeigen, dass das Einkaufen in Supermärkten zu einer signifikanten Zunahme des Body-Mass-Indexes führte.

Keine „Grüne Revolution“. Die Probleme des Ernährungssystems sind vielschichtig und die alarmierenden Zahlen zeugen vom Versagen politischer Entscheidungsträger*innen, vereinbarte Maßnahmen und bestehende Gesetze umzusetzen und zum Beispiel für eine konsequente gesetzliche Beschränkung von Konzernmacht und damit privatwirtschaftlichen Interessen zu sorgen. Daher wollen sie künftig das gesamte Ernährungssystem stärker in den Blick nehmen. Ein im September 2021 in New York stattfindender Welternährungsgipfel der Vereinten Nationen befasste sich daher explizit mit „Food Systems“, Ernährungssystemen, und will nach eigenen Angaben eine Trendwende in der Hungerbekämpfung einleiten.

Grundsätzlich ist es gut und wichtig, nach ganzheitlichen Lösungen zu suchen. Zu viele Belege gibt es dafür, dass Lösungsansätze, die nur auf eine Fehlstellung fokussieren, nicht ausreichen, sondern Probleme an anderer Stelle noch verstärken. Das zeigt sich etwa am Ansatz der Grünen Revolution, die durch den erhöhten Einsatz von chemischen Düngemitteln, Industriesaatgut und Pestiziden die Produktion von Monokulturen wie Mais steigern soll – und dabei weder für eine vielfältige Ernährungsweise, noch für die Umwelt oder ein gesichertes Einkommen der Bäuerinnen und Bauern eine Lösung sein kann. Selbst wenn kurzfristig mehr Mais auf den Äckern wächst, überwiegen langfristig die negativen Folgen dieser Art der Landwirtschaft: ein Verlust an Biodiversität, eine zu einseitige Ausbeutung von Böden und negative Klimaauswirkungen. Die Klimakrise wiederum führt bereits jetzt nachweislich in vielen Regionen zu Ertragseinbrüchen.

Systemanalyse. Nicht mehr nur soziale Bewegungen, zivilgesellschaftliche Gruppen und kritische Wissenschaftler*innen fordern, das ganze Nahrungsmittelsystem in den Blick zu nehmen. Der Begriff „Ernährungssysteme“ hat sich in diesem Zusammenhang stark verändert, wie Wissenschaftler*innen um Christophe Béné und Steven D. Prager vom in Kolumbien ansässigen International Center for Tropical Agriculture (CIAT) analysiert haben. Beschäftigten sich Wissenschaftler*innen in den 1960er Jahren vor allem mit der Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln, rückten im folgenden Jahrzehnt bereits Konsummuster und die Entscheidungen von Konsument*innen in einer zunehmend industrialisierten Ernährungswirtschaft in den Vordergrund.

Laut Definition von UN-Expert*innen wird heute in einem global verzweigten Ernährungssystem zunehmend auf eine Perspektive gezielt, die versucht, alle Elemente – wie Umwelt, Menschen, landwirtschaftliche Betriebsmittel, Anbaumethoden, Infrastruktur und öffentliche Institutionen – ebenso wie Aktivitäten, die im Zusammenhang mit der Herstellung, Weiterverarbeitung, Verteilung, Zubereitung und dem Konsum von Nahrung entstehen, einzubeziehen. Zudem sollen die sozialen, ökonomischen und ökologischen Auswirkungen dieser Aktivitäten in die Entwicklung von politischen Lösungen einfließen.

Die Ernährung von Nur Zahra Alya Nabila Binti Mustakim, aus Kajang, Malaysia, beinhaltet auch Speisen aus China und Indien. © Gregg Segal

Politische Maßnahmen müssten dafür sorgen, dass nicht einzelne privatwirtschaftliche Akteure wie Supermarktketten die Profiteure des Ernährungssystems sind. Stattdessen müssen wirksame Politiken und verbindliche Regulierungen in Kraft sein, die verhindern, dass Menschenrechte verletzt werden und massive ökonomische, politische, soziale und ökologische Ungleichheiten entstehen (zu einer Initiative, der „Planetary Health Diet“, siehe Kommentar in diesem Dossier).

Industrielle Logik. Wem gehört das Land, auf dem die Nahrungsmittel angebaut werden? Welche ökologischen Auswirkungen auf Menschen und Natur hat die Anbaumethode? Wie werden die Rechte (Arbeitszeit, Schutz vor Pestiziden und sexuellen Übergriffen) umgesetzt? Wer bestimmt die Preise, der Handel oder die Bäuerinnen? Werden die geernteten Nahrungsmittel lokal in den Ländern verkauft oder wird nur für Exportmärkte produziert? Wo zahlen die Unternehmen ihre Steuern und wieviel? Welche Normen und Standards müssen eingehalten werden, wer bestimmt und beeinflusst sie?

Die Liste der Fragen kann nahezu endlos weitergeführt werden. Ganz anders würden Fragestellungen zu Ernährungssystemen außerhalb der industriellen Logik aussehen.

Es gibt unzählige Beispiele, die die Dominanz und den Einfluss großer Lebensmittel- und Agrarkonzerne auf unsere Ernährung zeigen. Letztlich geht es immer um die Frage: Wer bestimmt, was auf unseren Tellern landet, und ist das richtig so?

In vielen Fällen sind enorme Machtgefälle und Interessenkonflikte im Spiel: zwischen Bauern und Bäuerinnen sowie Zwischenhändler*innen, zwischen Einzelhandelsketten und ihren Mitarbeiter*innen, aber auch Konsument*innen. Eine ernstgemeinte Betrachtungsweise inklusive all dieser Wechselwirkungen und Auswirkungen zeigt die Notwendigkeit einer grundlegenden Transformation des globalen Ernährungssystems auf.

Eine verpasste Chance. Die Befürchtungen haben sich bewahrheitet: Der Ernährungsgipfel im September hat sein Ziel, eine echte Trendwende anzustoßen, deutlich verfehlt. Dabei hätte der Gipfel eine Chance sein können für eine ernstgemeinte Umgestaltung der bestehenden Ernährungssysteme, die das Menschenrecht auf Nahrung aller Menschen in den Mittelpunkt stellt und an sozialen und ökologischen Kriterien ausgerichtet ist.

Aktiv werden für ein Lieferkettengesetz 

Europaweit viel diskutiert wird das Thema Lieferkettengesetz, auch in Österreich. Also, dass es Regeln für Unternehmen braucht, die sie verpflichten, Menschenrechte und Umweltstandards entlang globaler Lieferketten einzuhalten.  Das betrifft natürlich Ernährung und Ernährungssysteme: Der Weg vieler Produkte ist gepflastert mit Ungerechtigkeit und Zer-störung. Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung entlang der Lieferkette sind keine Ausnahme, sondern die Regel.   

Im vergangenen Juni hat der Deutsche Bundestag ein Lieferkettengesetz verabschiedet, immerhin ein erster Schritt. Doch dieses beschlossene Gesetz weist viele Schwächen auf. In Österreich gibt es – wie in vielen europäischen Staaten auch – (noch) kein vergleichbares Gesetz. Die österreichische Regierung will den Vorschlag der EU-Kommission abwarten. 

Das hierzulande von Südwind koordinierte internationale Projekt „Our Food. Our Future“ wendet sich direkt an die Europäische Kommission: „Kein weiteres Aufschieben, sondern Gesetzgebung jetzt! Kein Verwässern der Forderungen von Bürger*innen“, fordert die Kampagne in einem Protestmail an die verantwortlichen Kommissionsmitglieder. red  

Unterstützen kann man die Aktion von „Our Food. Our Future“ hier: ofof.eu/foodtest

Doch so drängende Themen wie die Bewältigung der Covid-19-Pandemie und ihrer Folgen standen nicht zentral auf der Agenda. Stattdessen hat er den Interessen von philanthropischen Organisationen wie der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung sowie von profitorientierten Konzernen und Banken viel Raum gegeben. Zu viel.

Dabei stehen eben diese Akteure für ein intensives industrielles Landwirtschaftsmodell und wachsende Konzernmacht – und zählen zu den Hauptverursachern der globalen Ernährungs- und Klimakrise. Hieraus entstehende Interessenkonflikte wurden an keiner Stelle thematisiert. Da wundert es nicht, dass auf dem Gipfel keine Maßnahmen zur Überwindung von Ungleichheiten und Machtgefällen beschlossen wurden.

Stattdessen lag der Fokus auf Produktionssteigerungen und Investitionsmöglichkeiten, auf digitalen Technologien und Innovationen sowie einer „nature-based-production“, einer Intensivlandwirtschaft mit einem Nachhaltigkeitslabel.

Zu befürchten ist, dass deren Finanzierung einen gegenteiligen Effekt auslösen könnte und strukturelle Probleme wie die Sicherung geistiger Eigentumsrechte an Saatgut und Wissen sowie Daten- und Landraub weiter verschärfen. Greenwashing mit dem Segen der UN.

Folgt gar ein Rückschritt? Der UN-Generalsekretär António Guterres möchte die beschriebene sogenannte Multi-Stakeholder-Struktur des Gipfels in einem Folgeprozess noch ausbauen: Staaten wären der Öffentlichkeit gegenüber weniger rechenschaftspflichtig.

Ein weiteres Ergebnis des Gipfels sind sogenannte Aktionsbündnisse, die unter anderem von der deutschen Regierung inhaltlich und finanziell unterstützt werden – als loser Zusammenschluss unterschiedlicher Akteure, bei denen völlig unklar ist, wie sie ihre Ziele in Handlungen überführen wollen, wem sie rechenschaftspflichtig sind und wer sie überprüft.

Besonders enttäuschend sind diese Entwicklungen vor dem Hintergrund, dass es mit dem in Rom ansässigen Welternährungsausschuss der UN bereits ein gut etabliertes Gremium gibt, das Politiken für die so drängenden Probleme von Ernährungssystemen verhandelt.

Dieses könnte durch die neuen Strukturen massiv geschwächt werden und an Bedeutung verlieren – obwohl hier alle diejenigen eingebunden sind, um die es in erster Linie geht: Kleinbäuerinnen, Fischer, Indigene, Frauen usw.

Der Ernährungsgipfel muss also nicht nur als gescheitert betrachtet werden, sondern bedeutet einen Rückschritt für die bestehende Welternährungsstruktur.

Lena Bassermann ist Referentin für Welternährung und globale Landwirtschaft bei INKOTA.

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