Wind aus dem Norden, Wind aus dem Süden

Welche Rolle der Ort im literarischen „globalen Süden“ spielt. Eine Positionsbestimmung von Valentin Schönherr.

© Maxim Chuev / Fotolia

Großstädtisches Durcheinander und gewaltige Landschaften, verborgene Winkel und einladende Tische, Plätze des Liebens und Leidens: Orte zu beschreiben ist für Autorinnen und Autoren nicht nur ein Instrument, der Handlung einen Rahmen zu geben oder die eigene erzählerische Kunstfertigkeit zu beweisen. Es bedient auch das Bedürfnis des Publikums, fremde Orte kennenzulernen und vertraute neu zu sehen. Aber wo liegen diese Orte eigentlich? Bei der Literatur aus dem globalen Süden ist die Antwort nur scheinbar einfach.

Dany Laferrière, Autor aus Haiti, schreibt in seinem Buch „Das Rätsel der Rückkehr“: „Mir wird bewusst, dass ich die Bücher nicht verfasst habe, um eine Landschaft zu beschreiben, sondern um weiter Teil von ihr zu sein. (...) Erst als ich in Montreal lebte, fand ich zu meiner Individualität. Bei minus 30 Grad wird man sich sofort seines Körpers bewusst. In der Hitze von Port-au-Prince entflammt sich leicht die Phantasie. Der Diktator hatte mich vor die Tür meines Landes gesetzt. Um dorthin zurückzukehren, bin ich durch das Fenster des Romans gestiegen.“

Fern des Geburtsortes. Im internationalen Vergleich müssen besonders viele haitianische Autorinnen und Autoren fern von ihrem Geburtsort schreiben. Jahrzehntelange Diktaturen, unproduktive Lebens- und Arbeitsverhältnisse haben Zentren haitianischer Kultur außerhalb des Landes entstehen lassen, in Kanada, Florida oder New York. Es ist geradezu ein Markenzeichen der reichhaltigen haitianischen Literatur geworden, was Dany Laferrière über das Spannungsverhältnis zwischen Montreal und Port-au-Prince in seinem Werk bemerkt: Erst fern der Insel findet er zu sich selbst, aber das Schreiben ist auf Haiti hin orientiert.

1939 brachte Aimé Césaire, Schriftsteller von der Antilleninsel Martinique, mit seinem großen Prosapoem „Cahier d’un retour au pays natal“ einen Titel in die Welt, der zum geflügelten Wort wurde. Auf Deutsch gibt es verschiedene Fassungen: „Zurück ins Land der Geburt“ übersetzte Janheinz Jahn einst den Titel, aber Klaus Laabs’ „Aufzeichnungen von einer Rückkehr ins Land der Geburt“ ist viel treffender, denn die Reflexion der Rückkehr durch den literarischen Text, das „cahier“, ist gerade das Entscheidende.

Dany Laferrière © Francois Guillot / AFP / picturedesk.com

Auch Dany Laferrière – sein Essay trägt den schönen, auf Césaire bezogenen Titel „Das Rätsel der Rückkehr“ – findet ja „durch das Fenster des Romans“ nach Haiti zurück.

Ist der literarische Ort also ein anderer als der, durch den man mit seinen Füßen gehen kann? Wie viel Montreal steckt in Laferrières Haiti? Wie viel aus den US-Südstaaten steckt im Macondo des Gabriel García Márquez, der sich doch immer dazu bekannt hat, wie stark er von William Faulkner beeinflusst wurde? Und wie viel Burma steckt im Werk George Orwells, der dort als unglücklicher Kolonialbeamter einige Jahre verbrachte und mit „Tage in Burma“ einen auch heute noch sehr lesenswerten Roman schrieb?

In die Irre führen? Die Frage nach dem Ort, nach der Lokalisierung des „globalen Südens“ in der Literatur ist eine relevante Frage. Was eigentlich eine Autorin, ein Autor des Südens ist, scheint vergleichsweise leicht zu beantworten. Wir haben es uns mit der Formel „Afrika, Asien, Lateinamerika“ recht bequem eingerichtet. Dass aber Schriftstellernamen manchmal in die Irre führen können, haben wir mit der bei Orléans geborenen Marie NDiaye oder dem im kolumbianischen Barranquilla geborenen Marco Schwartz genauso gelernt wie mit manch argentinischem Autor italienischen Namens: Bianciotti, Dal Masetto; die Migration hat seit jeher auch die Namen reisen lassen. Auch die Staatsangehörigkeit hilft kaum weiter: Dass der Peruaner Mario Vargas Llosa den Papieren nach Spanier ist und der auf Trinidad geborene V. S. Naipaul Brite, dass die Algerierin Assia Djebar Französin war und der Kurde Yusuf Yeşilöz einen Schweizer Pass besitzt, spielt keine Rolle, wenn uns doch interessiert, was sie zu erzählen haben.

Marie Ndiaye © Martin Bureau / AFP / picturedesk.com

Wir erwarten vor allem Geschichten aus den Ländern des Südens, die auf eigenen Erfahrungen, auf Prägungen und originären Einsichten beruhen. Die Kindheit muss im Süden verbracht worden sein, das soziale Umfeld und die Familie sollte „stimmen“. Es geht bei der Literatur des Südens wohl vor allem um den Stoff und damit um Themen, die im weitesten Sinne koloniale oder postkoloniale Verhältnisse berühren.

Nicht nur „typische“ Kolonien. Nun beschränkten sich derartige Verhältnisse keineswegs auf die Länder, die wir als Kolonialmächte zu betrachten gelernt haben, noch auf jene Regionen in Übersee, die wir als Kolonien kennen (eben: „Asien, Afrika, Lateinamerika“). Dass das Russische Imperium ebenfalls ein Kolonialreich war – nur eben nicht übers Meer, sondern über Land errichtet –, kann uns gewisse estnische, georgische, kirgisische oder jakutische Verhältnisse auch als (post-)koloniale sehen lehren.

Aimé Césaire © Parti socialiste ( CC BY 2.0)

Das Osmanische Reich hat nicht nur selbst Völker und Königreiche unterworfen, sondern ist in den letzten Jahrzehnten seines Niedergangs selbst zum Objekt kolonialen Zugriffs geworden. Persien, der heutige Iran, wurde zwar nie formal kolonisiert, war aber neben Zentralasien einer der wichtigsten Schauplätze des imperialen „Great Game“ zwischen Großbritannien und Russland.

Sogar die österreichische und deutsche Politik gegenüber dem aufgeteilten beziehungsweise besetzten Polen wird gelegentlich als ein Kampffeld imperialistischer Politik gedeutet. So betrachtet, gehören Werke der polnischen, türkischen oder modernen persischen Literatur ebenfalls zur Literatur des „globalen Südens“, insofern sie von diesen historischen Prägungen durch Kolonialismus und Imperialismus sprechen.

Folgt man dieser Argumentationslinie konsequent, lösen sich weitere Grenzen auf. Das Spiel mit Personifizierungen, Metaphern und Allegorien ist so alt wie die Literatur selbst und darf von jedem weitergespielt werden. Schriftstellerinnen und Schriftsteller müssen überhaupt keine konkreten historischen, politischen oder sozialen Verhältnisse benennen, um von kolonialer Unterdrückung, Entrechtung und Ausbeutung zu sprechen.

Sie lassen sich auch als unterdrückerische, entrechtende, ausbeuterische Verhältnisse in einem beliebigen Büro, einer Mittelschichtspartnerschaft, im Kontakt mit Außerirdischen oder im Kopf eines Dorflehrers erzählen.

Käme der Autor aus Kenia, würden wir den Roman ohne zu zögern der Literatur des Südens zurechnen – selbst wenn kein einziger eindeutiger lokaler Hinweis vorhanden wäre. Und wenn ein solches Buch von einer schwedischen Autorin geschrieben wäre?

Ganz Neues erzählen. Die Frage nach einem eingrenzbaren globalen Süden in der Literatur wird, so betrachtet, zu einer müßigen. Zu lesen bedeutet ja bei jedem neuen Buch auch: ihm die Chance zu geben, etwas ganz Neues zu erzählen. Etwas, was ich weder vorausgesehen habe (als ich den Geburtsort der Autorin im Klappentext las) noch wiedererkenne (etwa eine Geschichte, deren Stoff ich schon in anderen Romanen begegnet bin).

Assia Djebar © Fredrik Sandberg / TT News Agency / picturedesk.com

Dazu bietet der Roman seit eh und je unermesslich reiche Möglichkeiten des Erzählens, man denke nur an den inneren Monolog. Er bringt uns seinen Stoff nicht nur nahe, sondern hilft, ihn weit über die eigentliche Handlung hinaus auch zu verstehen. Mario Vargas Llosas „Krieg am Ende der Welt“, Chinua Achebes „Alles zerfällt“, Taiye Selasis „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“, Assia Djebars „Fantasia“ – sie alle vermitteln Konflikte und Konstellationen so, dass sie sich dank ihrer künstlerischen Gestalt tief einprägen.

Die Unerbittlichkeit der französischen Armee bei der Eroberung Algeriens versteht, wer gelesen hat, wie Assia Djebar in „Fantasia“ den Kampf gegen die in Höhlen versteckten Einheimischen im Jahre 1845 beschreibt. Assia Djebar nennt Namen, Daten, Orte, zitiert aus Dokumenten, und doch ist „Fantasia“ weit mehr als ein regionales Geschichtsbuch. Denn ihr Ort engt den Zugang des Lesers und der Leserin zum Text nicht ein. Ein Abgrund des Menschlichen offenbarte sich 1845 und kann als Bekenntnis Assia Djebars, Unabhängigkeitsaktivistin im Algerienkrieg Mitte des 20. Jahrhunderts, gelesen werden.

Aber dieser Abgrund öffnete sich an vielen anderen Orten und Zeiten eben auch. Gute Bücher zeigen uns auch dann etwas über uns selbst, wenn sie an entlegenen Orten handeln.

Erfundene Namen. Manche AutorInnen haben ihrem literarischen Ort einen erfundenen Namen gegeben, um Assoziationen mit tatsächlichen Orten zu minimieren. Gabriel García Márquez’ Macondo ist wohl der berühmteste unter diesen Orten. Juan Carlos Onettis Santa María wäre allerdings genauso zu erwähnen wie Juan Rulfos Comala. Roberto Bolaño wählte in seinem Roman „2666“ für die mexikanisch-US-amerikanische Grenzstadt Ciudad Juárez den Namen Santa Teresa.

Geboren in Chile, verbrachte Roberto Bolaño lange Jahre in Mexiko und ließ sich schließlich in Spanien nieder – ein Ortewechsler auch er, zudem ein radikaler.

Roberto Bolaño © Bertrand Parres / AFP / picturedesk.com

In seinem Essay „Exile“ sagt er: „Alle Literatur trägt das Exil in sich, egal, ob sich der Schriftsteller mit zwanzig Jahren aus dem Staub machen musste oder nie sein Haus verlassen hat.“ Bolaño ist mit dieser Auffassung nicht allein – die Literatur der Welt ist durchzogen von Einsamen, Fremden, Rastlosen, Suchenden, denen ein realer, physischer Ort nicht genug Trost im Leben bieten kann.

Roberto Bolaño macht explizit, was für viele interessante Bücher gilt: Ein Ort auf der geographischen Landkarte und einer auf der literarischen sind nicht deckungsgleich, auch wenn sie denselben Namen tragen und sich ganz erstaunlich ähneln.

Sogar Teju Cole mit seinen großen Stadtbüchern – „Open City“ über New York, „Jeder Tag gehört dem Dieb“ über Lagos – sind da keine Ausnahme, so reportageartig, so getränkt mit Verkehrsmitteln, Straßen- und Gebäudenamen sie auch daherkommen mögen. Sie sind zugleich Romane über das Eindringen einer Stadt in jemandes Leben „im Schritttempo“, wie es am Beginn von „Open City“ heißt, und am Beispiel von Lagos über die Rückkehr in eine andere Stadt als die, die er einst verlassen hat, über das Vergehen der Zeit und das Verändern seiner selbst.

Entdeckungen. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Wir tun nichts Schlechtes, wenn wir in Romanen aus dem Süden nach genauen Ortsbeschreibungen suchen. Wir werden sie finden, weil sich den Autorinnen und Autoren gewisse Stoffe anbieten, auch solche, die mit Orten im engeren oder weiteren Sinne zu tun haben, mit geschichtsgetränkten oder geschichtsvergessenen, fremdartigen oder vertrauten, mit scheinbar unberührten oder durchglobalisierten Orten des Südens, die uns interessieren. Und sie werden uns, wenn das Buch gut ist, nicht allein literarisch packen, als Erzählung, die uns etwas angeht, sondern auch, weil sie uns einen Ort erschließen, den wir bisher ganz anders gesehen haben oder der uns unbekannt war.

Aber wir lassen weite Felder des Denkens unbeackert und Freuden der Lektüre ungenossen, wenn wir nicht weiter schauen. Im Zentrum der Literatur steht der Mensch, im Zentrum eines konkreten Romans zuallererst sein Autor, seine Autorin. Die Orte der Literatur, auch der Literatur des globalen Südens, finden sich im Kopf. 

Valentin Schönherr ist Geschichtslehrer und Redaktionsmitglied des Südlink.

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