„Wir schreien, um gehört zu werden“

Paris Preston, Black Lives Matter-Aktivist und Filmschaffender aus Washington, D.C., erklärt im Interview, warum die Proteste 2020 speziell sind.

Paris Preston engagiert sich seit drei Jahren für Black Lives Matter.© privat

Was bedeutet Black Lives Matter, kurz BLM, für die USA?

Diese Bewegung ist aus einem Trauma heraus entstanden. Menschen hatten genug davon, ihre Freunde und Liebsten sterben zu sehen. Nach den vielen Morden und der systematischen Erniedrigung ging es darum, laut zu schreien, in der Hoffnung, endlich gehört zu werden. Die Leute stellen sich jene Frage, die Jahrzehnte zuvor schon von Aktivisten wie Fred Hampton (Bürgerrechtler und Aktivist der Black Panther Party, 1948-1969, Anm. d. Red) gestellt wurde: „Wenn wir wirklich frei sind, wie kann dann dieses Unterdrückungssystem in unserer Gesellschaft existieren und wie können wir es verändern?“

Wer organisiert die Demonstrationen?

BLM lässt sich diesbezüglich durchaus mit den Occupy Wallstreet-Protesten von 2011 vergleichen. Die Aktionen werden von vielen unterschiedlichen Gruppen und Aktivisten getragen. Sie alle organisieren sich auf Basis bestimmter Kernprinzipien, nicht um einzelne Führungspersonen. Letzteres kennen wir aus der Vergangenheit, etwa mit Martin Luther King. Es hat sich auch gezeigt, dass unsere politischen Anführer immer wieder aus dem Weg geräumt wurden.

Was sind die zentralen Forderungen?

Wir möchten die rassistische und soziale Spaltung der Gesellschaft überwinden. Das kollektive Gefühl, dass wir immer nur die Anderen sind und von der Polizei auch als die Anderen behandelt werden, hat uns dazu gebracht, den Fokus auf „Defunding“ von Polizei und Militär zu legen. Wir fordern, dem Sicherheitsapparat finanzielle Mittel zu entziehen, sie in Sozialprogramme zu stecken und unseren Communities unter die Arme zu greifen.

Die ersten BLM-Proteste gab es bereits 2014. Was ist diesmal anders?

Die Bewegung ist definitiv breiter und inklusiver geworden. Unsere Botschaft hat sich nicht geändert, aber viele Leute realisieren, dass nicht nur Schwarze von dieser Gewalt betroffen sind, sondern auch ärmere Weiße. Auch sie werden von den Polizisten ungerecht behandelt.

In Portland haben sich z.B. weiße Mütter, Väter und Armeeveteranen unseren Protesten angeschlossenen. Sie erkennen, dass wir nicht anders sind als sie, und dass diese Spaltung großen Schaden anrichtet. Sie ist der Ursprung der Unterdrückungsverhältnisse, die sie genauso betreffen wie uns.

Ich beziehe mich nochmal auf den tragischen Helden Fred Hampton: Er sprach zu jedem, zum armen Weißen, Schwarzen oder Puertoricaner. Seine Message war: Ihr seid alle gleich und ihr müsst damit beginnen, zusammenzuarbeiten, anstatt euch gegenseitig zu bekämpfen.

BLM entstand 2014 infolge der Polizeimorde an Eric Garner und Michael Brown. Zu jener Zeit war der Demokrat Barack Obama Präsident. Ist die Demokratische Partei ein vertrauenswürdiger Verbündeter der Bewegung?

Eigentlich nicht. Ich halte es für einen Fehler, so zu tun, als wären nur die Republikaner oder Donald Trump das Problem. Demokraten sind genauso Teil dieses repressiven Systems. Denken wir nur an die 1990er Jahre, als die Demokraten eine verheerende Gesetzgebung im Kampf gegen Kriminalität forcierten, die die Masseninhaftierung von Schwarzen befördert hat. Zweifellos trägt Donald Trump die Verantwortung für die aktuelle Eskalation. Allerdings haben beide großen Parteien seit den Anschlägen von 9/11 die Erweiterung der Exekutivkompetenzen des Präsidenten unterstützt. Diese Macht nutzt Trump heute schamlos aus, z.B. indem er bewaffnete Spezialeinheiten der Bundespolizei gegen die Proteste in Seattle und Portland mobilisierte.

Im November sind Präsidentschaftswahlen: Ist der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden, der für viele den Status quo repräsentiert, aus Sicht progressiver BLM-Aktivisten und Aktivistinnen wählbar?

Ich denke nicht, dass Biden ein Verbündeter von BLM ist, aber unter Umständen könnte er einer werden – etwa durch ausreichend Druck von der Basis und der Bevölkerung. Zumindest hoffen das viele von uns.

Mich erinnert er an den ehemaligen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson, der den Civil Rights Act unterzeichnete (1964, Anm. d. Red.) und damit der Diskriminierung von Afroamerikanern die rechtliche Grundlage entzog. Er tat dies nicht aus ideologischer Überzeugung, sondern aus Pragmatismus.

Letztlich werden wir aber weiterkämpfen müssen, ganz unabhängig davon, ob Biden oder Trump die Wahl gewinnt.

Wir Progressiven versuchen, die Demokratische Partei zu infiltrieren. Die Demokraten waren nie links, auch wenn Linke sie mangels Alternativen gewählt haben. Das wollen wir ändern.

Interview: Tyma Kraitt

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