„Wir waren immer eine Gruppe“

Von Jürgen Vogt · ·
Die Tänzerin Nicole Viera beim Interview
Die Tänzerin Nicole Viera beim Interview über das Tanzen © Jürgen Vogt

Die 20-jährige Nicole Viera aus Montevideo kann nicht sehen und hat den Sprung zum Ballett gewagt.

Bei der Ballettaufführung „El hilo rojo“ („Der rote Faden“) tanzen zehn Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Sie haben meist ganz knapp vor dem Bühnenrand getanzt. Das Publikum wirkte oft besorgt. Absicht oder Zufall?

Das gehört zur Choreografie, nur wenige Teile sind improvisiert. Allerdings ist das Ballettpublikum an die Allgegenwart perfekter Körper gewöhnt, sprich schlanke Statur, perfekte Fußdrehungen, Körperspannung bis in die Zehenspitzen und sicher nicht blind. Bei „El hilo rojo“ wird diese Gewohnheit aufgebrochen.

Bei Ballettaufführungen ist neben dem Hören der Musik die visuelle Wahrnehmung wichtig. Woher kommt Ihre Faszination fürs Ballett?

Ich finde es spannend, den Körper einzusetzen und den Raum auszuloten. Schon mit sechs habe ich meine Leidenschaft für das Ballett entdeckt – aber ich hatte auch Angst, als Blinde mit Sehenden zu tanzen. Mit zehn traute ich mich dann in einem Folkloreensemble mitzumachen. 2019 habe ich schließlich den Sprung zum Ballett gewagt.

Als das Sodre im vergangenen Jahr für den Nussknacker eine Audiodeskription für Sehbehinderte erstellte, habe ich als Beraterin fungiert. Ich bekam die Hörtexte und prüfte, ob sie für Sehbehinderte und Blinde verständlich sind. Dann kam die Bewerbungsausschreibung für „El hilo rojo“. Man musste mich aber etwas pushen, weil ich mir das eigentlich nicht zutraute.

Aber Sie schafften den Sprung auf die Bühne …

Ja, von 30 Bewerberinnen und Bewerbern mit Behinderung war ich eine der fünf Ausgewählten. Schon das erste Zusammentreffen bei den Proben verlief völlig unkompliziert, zumal unsere Choreografin Erfahrungen mit gemischten Gruppen hatte.

Wir waren immer eine Gruppe, ohne Zuschreibungen wie „wir“ und „die“. Wir haben gelernt, gemeinsam zu arbeiten, uns zu begleiten, uns etwas beizubringen, uns auch zu mäßigen, Unterschiede zu respektieren und anzuerkennen, Unterschiedliches zu können. Vieles davon lässt sich rational nicht beschreiben, aber wird über den Körper erlebbar.

Jürgen Vogt lebt seit 2005 in Buenos Aires und ist u. a. Korrespondent der deutschen Tageszeitung Taz.

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