Wo reisen noch ein Erlebnis ist

Auf einer Fahrt über die Straße von Bogotá nach Medellín, eine der Hauptverkehrsadern Kolumbiens, lässt sich das Schicksal des leidgeprüften Landes beispielhaft nachvollziehen. Gebombt, entführt, gemordet wird von allen Akteuren des gewaltsamen Konfliktes.

Von Ralf Leonhard
Das Hotel ?Cacique Cocorná? dürfte einmal ein stattliches Haus gewesen sein. Keines der schmierigen Motels, deren Besitzer an Seitensprüngen und der Wohnungsnot unverheirateter Paare verdienen, sondern eine jener Herbergen, wo früher Lastwagenchauffeure Rast machten und ÖkotouristInnen abstiegen, um die Natur der bergigen Wälder zu erforschen.

Jetzt ist der rechte Flügel des ?Cacique Cocorná? nur mehr ein trister Trümmerhaufen. Die zerborstenen Fenster des intakten Teils geben den Blick auf längst geplünderte Zimmer frei. Aus dem Beton des Parkplatzes sprießt bereits das Unkraut. Zwei Versionen werden gehandelt: Nach der ersten waren es rechte Paramilitärs, die das Hotel in die Luft sprengten, weil die Eigentümer Schutzgeldzahlungen verweigert hatten. Nach der zweiten wurde es von Guerilleros des Nationalen Befreiungsheeres (ELN) ausgebombt, weil dort die Paramilitärs häufig übernachteten.

Die ?Autopista? Bogotá?Medellín hatte schon früher wenig gemein mit einer Autobahn nach unseren Begriffen. Es ist eine bessere Landstraße, die die beiden wichtigsten Städte Kolumbiens miteinander verbindet. Heute verraten die verkohlten Gerippe abgefackelter Schwertransporter am Straßenrand, dass man auf der Fahrt mit ?Behinderungen? zu rechnen hat.

Wenn bewaffnete Männer in Tarnuniformen die Fahrbahn blockieren, weiß man oft erst auf den zweiten Blick, ob es sich um Soldaten oder Guerilleros handelt. Von den Armeesoldaten werden die Reisenden in der Regel nur auf Waffen abgeklopft. Wenn es Guerilleros sind, müssen längere Wartezeiten einkalkuliert werden.

Am 9. März hielt ein Trupp der ELN-Front Carlos Alirio Buitrago auf der Höhe der Ortschaft San Luis im Südosten der Provinz Antioquia den Verkehr an. Bis Medellín sind es von dort knappe zwei Stunden, in die Hauptstadt Bogotá fünf bis sechs. Zwei Caterpillars, die mit Straßenverbesserungen beschäftigt waren, wurden quer gestellt, ihre Motoren mit Sprengstoff außer Gefecht gesetzt. Ein Dutzend Lkws, die von beiden Seiten kamen, wurden ineinander verschachtelt, ihre Reifen zerschossen. Binnen weniger Minuten war die Straße rettungslos verbarrikadiert.

Das Mechanikerkorps der IV. Infanteriebrigade, das sein Vorrücken von Einheiten der Luftwaffe absichern ließ, brauchte zwei Tage, um die Durchfahrt wieder möglich zu machen. Binnen 14 Tagen wiederholte sich das Schauspiel dreimal. Das ELN versuchte damit eine ?Operation Jaguar? genannte Antiguerilla-Offensive der Armee zu entschärfen.

Guerilleros von ELN und FARC sowie ?gewöhnliche? Kriminelle entführen auf den Straßen immer wieder beliebig PassantInnen und lassen sie erst nach saftigen Lösegeldzahlungen wieder frei. Derartige Geldbeschaffungsaktionen, bald mit dem ironischen Namen ?wundersame Ermittlungen? (pesquizas milagrosas) bedacht, haben die Mobilität der kolumbianischen Bevölkerung erheblich eingeschränkt.

Der Osten des Departements Antioquia, der von der ?Autopista? durchquert wird, ist seit langem umkämpftes Gebiet. Diese Region stellt die Hälfte der Wasserkraftkapazität Kolumbiens. Das ELN operiert hier seit Mitte der achtziger Jahre, lange genug, um sich als Hausherr zu fühlen. Die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC), die größte Guerilla des Landes, hat erst in den letzten Jahren zwei Fronten aufgebaut. Die paramilitärischen Verbände verstehen sich als Gegenguerilla. Sie tauchen dort auf, wo sie von Viehzüchtern oder Unternehmern, die der Erpressungen durch die Guerilla müde sind, gerufen und bezahlt werden. Normalerweise genießen sie den Schutz der Armee, die ihnen den schmutzigsten Teil des Krieges überlässt.

Der Frontverlauf ist fließend. Den ELN-Verbänden wird ihr traditionelles Territorium durch die Paramilitärs und in den letzten Jahren auch durch die FARC streitig gemacht. Die Gemeinde El Santuario steht unter dem Einfluss der Paramilitärs, das Dreieck zwischen San Francisco, Cocorná und San Luis ist Gebiet des ELN. Im Ortskern von San Luis waren bis Februar die FARC präsent. Als eines Nachts die Armee kam, zogen sie sich kampflos zurück. Die Soldaten kontrollieren aber nur das Dorf. Wenige Kurven nach ihrem Kontrollpunkt kann man bereits auf Guerilleros stoßen.

Bürgermeister Hernando Martínez ist ein Mann der Versöhnung und denkt pragmatisch: ?In einem Ort wie diesem muss einer, der auf der Seite der Dorfgemeinschaft steht, mit allen Akteuren auskommen. Wir schließen keinen aus.?

In der Praxis heißt das, dass Martínez immer wieder mit den aufständischen Gruppen verhandeln muss, um seine Kommunalprojekte durchzubringen. Die Gemeinde leidet schwer unter den bewaffneten Auseinandersetzungen. Unter normalen Umständen etwa zehn Minuten abseits der Autobahn, ist das Dorf heute nur mit geländetauglichen Fahrzeugen zu erreichen. Die wichtigste Brücke wurde vom ELN gesprengt, ein Straßenabschnitt, der durch einen Erdrutsch in glitschigen Morast verwandelt wurde, muss wegen der Kriegsbedingungen auf seine Instandsetzung warten.

TouristInnen, die längs des Wasserfalls von La Cuba über die Wanderwege kletterten, bleiben schon lange aus. Kein Wunder, dass das Wirtschaftsleben am Rande der Straße abgestorben ist. Die Betreiber von Imbiss-Ständen und Reifenflickerwerkstätten warten vergeblich auf Kundschaft. Auch die Bäuerinnen und Bauern, die ihre Produkte an improvisierten Kiosken anboten, sind weggezogen. Die meisten leben jetzt als Vertriebene in der Ortschaft San Luis.

Auch die Arbeit von engagierten NGOs wird durch den latenten Krieg nicht gerade erleichtert. Conciudadanía, eine Organisation mit Sitz in Medellín, die kommunale Strukturen stärken und die politische Partizipation der Bevölkerung fördern will, stößt immer wieder auf Unverständnis und Feindseligkeit. Die Kommandantur der ELNFront Carlos Alirio Buitrago erklärte letztes Jahr ihre Arbeit für konterrevolutionär. Die Zusammenarbeit mit lokalen, also staatlichen Strukturen stärke den korrupten Staat, den das ELN bekämpfe. In seinem Einflussbereich würde es also keine Aktivitäten der von der österreichischen Dreikönigsaktion unterstützten Organisation dulden.

Die Antwort in einem offenen Brief verfehlte nicht ihre Wirkung. Darin verteidigten die Verantwortlichen ihre Projekte, ?die das Ergebnis einer offenen und alle Akteure einschließenden Dynamik sind?. Tatsächlich ist die ELN-Führung von ihrer aggressiven Position abgerückt. Es wurde ein Treffen vereinbart, und wenn neue Projekte geplant sind, wird die Guerilla verständigt. Die FARC unternehmen in ihrem Operationsgebiet nichts gegen zivile Organisationen, die nicht als Stoßtrupps der Paramilitärs betrachtet werden. Dennoch suchte Conciudadanía auch mit ihnen den Dialog.

Schwieriger ist politische Arbeit im Einflussbereich der rechten Paramilitärs. Sie fragen nicht lange, wenn sie jemanden als Handlanger der Guerilla verdächtigen. Oder sie verzichten ganz auf Argumente und versuchen ein Dorf durch nackten Terror auf ihre Seite zu bringen. So zuletzt in San Francisco, wo sie aus Gruppen von fünf oder sechs Männern je einen auslosten und vor den Augen der entsetzten Kameraden ermordeten.

Wie überall in Kolumbien sind es fast immer die Zivilisten, auf deren Rücken der Konflikt ausgetragen wird. Gefechte zwischen Guerilleros und Paramilitärs sind äußerst selten. Betroffen ist die gesamte Bevölkerung der Region.

Benjamín Cardona von Conciudadanía hat ein Wochenendhäuschen bei El Pe?ol, nur wenige Kilometer abseits der Autopista. Seit Jahren hat er nicht mehr dort übernachtet, weil die Gegend jetzt von den Paramilitärs kontrolliert wird. ?Ich weiß, verglichen mit dem Schicksal der Vertriebenen ist das ziemlich lächerlich?, meint er, ?aber ich möchte mir das Dilemma ersparen, Schutzgeld zu zahlen oder das Haus zu verlieren?. Wenn er sich weigert, könnte das Haus dasselbe Schicksal erleiden wie das Hotel ?Cacique Cocorná?.

Der Autor ist ständiger Mitarbeiter des SÜDWIND-Magazins. Er arbeitete viele Jahre bei einer alternativen Nachrichtenagentur in Zentralamerika und lebt heute wieder als freiberuflicher Journalist in Wien.

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