„Wo sollen sie hin?“

Der junge Staat Südsudan kommt nicht zur Ruhe. Wie geht es den Menschen in einem Rebellengebiet? Patricia Otuka-Karner fragte via Internet für das Südwind-Magazin beim deutschen Comboni-Missionar Pater Gregor Schmidt nach, der seit 2009 im Norden des Landes lebt.

Gregor Schmidt

Südwind-Magazin: Wie ist es aus Ihrer Sicht zum aktuellen Konflikt gekommen?
Gregor Schmidt:
Das hat mit dem lange schwelenden Machtkampf innerhalb der Sudanesischen Volksbefreiungsbewegung (SPLM) zu tun: Präsident Salva Kiir wird vorgeworfen, dass er autokratisch regiert bzw. durch eine „ethnische Lobby“ beeinflusst ist. Im Juli 2013 entließ der Präsident das gesamte Kabinett, einschließlich Vizepräsident Riek Machar. Kiir war offensichtlich zur Überzeugung gekommen, dass er einigen Einheiten seiner Präsidentengarde nicht mehr vertrauen konnte. Daher ordnete er die Entwaffnung von Nuer-Soldaten an. Als sich diese dann widersetzten, kam es am 15. Dezember zu einer Schießerei in einer Baracke, die sich innerhalb weniger Stunden  ausbreitete.

Beschreiben Sie Fangak, die Region, in der Sie leben.
Das Gebiet ist seit dem Ende des Bürgerkrieges 2005 kaum entwickelt und nicht an das Straßen- und Mobilfunknetz angeschlossen worden. Der Staat tritt als Dienstleister bisher kaum in Erscheinung. Die Stadt Old Fangak liegt an einem Seitenarm des Nil, aber der Schiffsverkehr ist eingestellt, es werden keine Waren geliefert …

Und wie geht es der Bevölkerung aktuell?
In den vergangenen Jahren hungerten die Menschen hier jedes Jahr in der Trockenzeit, die bis April dauert. Heuer hat sich die Lage verschärft, da wegen des Konfliktes viele Flüchtlinge – allen voran Angehörige – ankamen. In einigen Haushalten hat sich die Zahl der zu ernährenden Personen verdoppelt. Die Zahl der Vertriebenen beträgt insgesamt über eine halbe Million!

Hier gibt es ein Krankenhaus und daher eine Landepiste für Medikamententransporte. Als Ende Jänner der Waffenstillstand ausgerufen wurde, haben die Behörden trotzdem verboten, dass das Spital beliefert wird, weil wir uns im Rebellengebiet befinden. Auf diese Art wird der Krieg mit anderen Mitteln fortgesetzt.

Wird die ethnische Zugehörigkeit im Konflikt instrumentalisiert?
Der aktuelle Konflikt ist vor allem ab dann „ethnisch“ geworden, als 3.000 Dinka-Sicherheitskräfte aus der Heimat des Präsidenten in die Hauptstadt Juba gerufen wurden. Dort haben sie gezielt hunderte Nuer-Zivilisten in Juba hingerichtet. Das hat eine Dynamik der Blutrache in Gang gesetzt.

Es ist aber zu einfach, den Konflikt damit zu erklären, dass Politiker die Ressentiments ihrer Volksgenossen instrumentalisieren. In einem Vielvölkerstaat müssen alle Gruppen mit ihren Interessen berücksichtigt werden. Es bedarf transparenter Machtmechanismen und Quoten, die die Repräsentation fair regeln.

Welche Rolle spielen die Ressourcen des Landes – Stichwort Öl?
Der Verkauf von Rohöl liefert 98 Prozent der Staatseinkünfte. Daher haben die Rebellen als erstes die Ölfelder besetzt, um bei den Verhandlungen mehr Druck ausüben zu können. Die Öleinkünfte wurden vom Staat bisher schlecht verwaltet: Das größte Budget bekam das Militär. Auch Bündnispartner werden damit gewonnen. Da Kiir autokratisch regiert, hat er viele Leute in der SPLM gegen sich aufgebracht, die bei der Kontrolle des Öls mitreden wollen. Ende 2012 ist öffentlich geworden, dass Politiker innerhalb von sechs Jahren ein Drittel der Staatseinkünfte in die eigene Tasche gesteckt haben.

Zurück zum Konflikt, Ende Jänner wurde ein Waffenstillstand ausgehandelt ...
Ja, aber in einigen Regionen wurde auch danach weitergekämpft. In Unity State, im Westen von Jonglei, betreuen wir Comboni-Missionare die Pfarre in der Stadt Leer. In der Region hat die Regierungsarmee seit dem Waffenstillstand ca. 80 Quadratkilometer Land eingenommen, Orte geplündert und alles in Brand gesetzt, was nicht mitgenommen werden kann. Tausende Nuer waren auf der Flucht, obwohl die Waffenstillstandsvereinbarung schon in Kraft getreten war. Im Radio hat ein UN-Sprecher zur gleichen Zeit gesagt, dass es keine groben Verstöße gegen den Waffenstillstand gibt. Die Menschen sind aufgefordert worden, wieder nach Hause zu gehen. Aber viele haben ihr Haus und ihren ganzen Besitz verloren. Wo sollen sie hin? Und: Die humanitäre Katastrophe wird wegen der anbrechenden Trockenzeit noch schlimmer werden.

Patricia Otuka-Karner schreibt freiberuflich als Journalistin für diverse Medien. Sie hat knapp sieben Jahre in Uganda gelebt und 2013 den Herta-Pammer-Preis der Katholischen Frauenbewegung Österreichs erhalten.

Gregor Schmidt stammt aus Berlin. Der Comboni-Missionar lebt seit 2009 im Südsudan und ist Priester bei den Nuer in der Pfarre Old Fangak (Diözese Malakal). Er ist unter gregor.bogdong@gmail.com erreichbar.

www.combonisouthsudan.org

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