Zirkusleben in Kambodscha

Von Isabel Stettin · · 2022/Nov-Dez
Mit Akrobatik und Tanz lernte Rachana, ihre Gefühle auszudrücken. © Sascha Montag

In einer Schule in Kambodscha lernen Kindern aus benachteiligten Familien neben dem Lesen und Schreiben auch tanzen, musizieren, zeichnen. Viele machen daraus einen Beruf, so wie Rachana.

Eine junge Frau springt auf dem abgewetzten Trampolin in der staubigen Trainingshalle. Die 25-jährige Rachana holt Luft, springt nochmals, höher und höher.

Seit sie elf Jahre alt ist, kommt sie fast täglich hierher – in die Schule „Phare Ponleu Salpak“, was übersetzt „Licht der Künste“ bedeutet und die kurz Phare genannt wird. Vormittags rechnete Rachana und schrieb Aufsätze. Am Nachmittag übte sie Salto, Seiltanz, Jonglieren, und Spagat.

Der Campus in der drittgrößten kambodschanischen Stadt Battambang an der Grenze zu Thailand gibt über tausend Kindern aus armen Verhältnissen eine Zukunft. Ein Gesetz schreibt in Kambodscha zwar vor, dass alle neun Jahre lang kostenfrei in eine Schule gehen dürfen. Eine Schulpflicht gibt es jedoch nicht, und in Dörfern ohne öffentliche Schulen ist es für viele kaum möglich, Unterricht zu bekommen.

Wenn Rachana auf dem Heimweg durch ihr Viertel geht, trifft sie immer wieder auf Kinder, die verloren wirken, Drogen nehmen, „die nicht wissen, was richtig und falsch ist“, sagt sie.

Sie weiß, wie wichtig es ist, dass Kinder Halt finden. Für sie selbst hat sich durch die Phare-Schule alles verändert. Mit Akrobatik und Tanz lernte sie, ihre Gefühle auszudrücken. „Es ist meine Sprache geworden“, sagt Rachana. „Bin ich traurig und beginne mein Training, bewege mich, dann fühle ich mich wieder stark.“

Kräftezehrendes Training. Zu Hause angekommen lässt sie sich in ihre Hängematte fallen, auch nach vielen Jahren bleibt das Training kräftezehrend. Seit ihrem Schulabschluss vor eineinhalb Jahren ist sie professionelle Artistin im Zirkus von Phare. In ihrer Gruppe ist sie die einzige Frau. In Kambodscha werde es nicht gern gesehen, wenn Frauen sich verbiegen, sportlich oder muskulös sind und auf der Bühne stehen, erzählt Rachana.

Der Zirkus hat ihre Welt groß gemacht. Sie ist im Ausland aufgetreten, u. a. in Deutschland und Frankreich. In einem guten Monat verdient Rachana etwa 200 US-Dollar und mehr.

Eine beachtliche Summe in Kambodscha, wo das durchschnittliche Einkommen 100 Dollar beträgt. Noch heute ist es eines der ärmsten Länder Asiens und leidet an den Folgen des blutigen, jahrzehntelangen Bürgerkrieges, der erst 1999 endete.

„Durch meine Auftritte kann ich meine Familie finanziell unterstützen. So konnten sie ein Haus bauen und meine Schwester konnte studieren.“ Rachana hat vier Geschwister, ihr Vater arbeitet als Taxifahrer, ihre Mutter verkauft Gemüse auf dem Markt. „Manchmal, wenn ich rumhängen wollte, trieb mich meine Mutter an, sagte: ‚Wir mussten wegrennen vor Bomben, lebten in ständiger Angst. Sei froh, jetzt zu leben.‘“

Liebe zum Fliegen. Ein Nachmittag in der Hauptstadt Phnom Penh. Im Innenhof des Französischen Instituts versammeln sich mehrere hundert Menschen vor der Bühne auf Plastikstühlen.

In einem Zelt schminkt sich Rachana, zieht die Augenbrauen schwarz nach. Lampenfieber kennt sie nicht mehr. „Aber mich macht es jedes Mal glücklich mitzuerleben, wie das Publikum mitfiebert, die Aufregung zu spüren.“

Wenige Minuten später tanzt Rachana mit ihrer Gruppe über die Bühne. Sie springt in die Luft, landet auf den Schultern ihres Kollegen, die Arme wie Flügel ausgebreitet.

Rachana liebt es, auf der Bühne zu stehen. Am meisten aber liebt sie es, wenn sie fliegt. Ihre Kollegen werfen sie wieder in die Luft. Für einen Moment schwebt sie. Ihre Augen strahlen. Wieder aufgefangen, findet sie sofort das Gleichgewicht und steht sicher da. „Ich habe gelernt, zu vertrauen. Das ist es, was zählt.“

Isabel Stettin ist Reporterin bei Zeitenspiegel und lebt in Stuttgart. In Kambodscha hat sie der Zusammenhalt unter den Zirkusschüler*innen fasziniert, die Gemeinschaft, das gegenseitige Vertrauen.

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