Zu Gehorsam verpflichtet

Von Redaktion ·

Die in Österreich lebende iranische Regisseurin Sudabeh Mortezai drehte bei vier Aufenthalten in ihrer Heimat einen Film über das Phänomen der Zeitehe. Mit ihr sprach Südwind-Redakteur Werner Hörtner.

Südwind: Wann hat sich dieses System der Zeitehe im schiitischen Islam herausgebildet und warum nur dort und nicht auch in anderen muslimischen Glaubensrichtungen?
Sudabeh Mortezai:
Das gibt es wirklich nur bei den Schiiten. Die Sunniten verurteilen dieses System sogar aufs schärfste. Gemäß den historischen Quellen stammt diese Praxis auf der arabischen Halbinsel schon aus vorislamischer Zeit. Auch Mohammed selbst hat die Zeitehe praktiziert, und gemäß einiger schiitischer und – interessanterweise – auch sunnitischer Überlieferungen hat er die Zeitehe empfohlen für Kriegszeiten, für Soldaten, Pilger, Handlungsreisende, wenn sie lange von ihren Frauen getrennt waren, um sozusagen im legalen Rahmen ihre Sexualität ausleben zu können.

Sind die ganzen Begleitumstände der Zeitehe schriftlich definiert, z.B. der Status der Kinder, Erbschaft usw.?
Ja, die Frage von Rechten und Pflichten der Eheleute, Erbschaft, Kinder – alles ist genau festgelegt. Die Kinder sind, theoretisch zumindest, ehelichen Kindern gleichgestellt. In der Praxis ist es aber so, dass die Vaterschaft ja auch vom Vater anerkannt werden muss, und bei den Zeitehen ist es oft so, dass kein Wunsch nach Nachkommen da war und der Vater zur Zeit der Geburt schon über alle Berge ist.
Im Iran ist in den letzten Jahren die Zahl der Zeitehen stark gewachsen, und auch die Zahl der Kinder aus Zeitehen. Im Rechtssystem der Islamischen Republik Iran ist es nun aber so, dass nur der Vater Papiere beantragen kann für das Kind. Wenn der also weg ist, dann kann das die Frau gar nicht machen, außer sie gibt ihr Kind als uneheliches aus, das hat aber wiederum rechtliche Nachteile. Die Mütter sind oft verzweifelt, weil sie z.B. einen Personalausweis für das Kind wollen oder es in die Schule schicken, doch sie können es nicht, weil der Vater einfach nicht mehr da ist.

Gibt es im Iran Statistiken über die Anzahl der Zeitehen?
Die gibt es, aber die kann man vergessen, weil eine sehr große Zahl von Zeitehen geheim gehalten wird. Man kann sie ja ganz formlos abschließen: man geht zu einem Mullah und lässt die Zeitehe absegnen, ohne dass dies irgendwo dokumentiert ist. Gerade die sehr kurzen Zeitehen sind nirgends erfasst. Dennoch habe ich kürzlich in einer Zeitung gelesen, dass im vergangenen Jahr laut offiziellen Statistiken die Zeitehen um 30 Prozent zugenommen haben!

Offenbar bringt dieses System der Zeitehe dem Mann die größten Vorteile. Schafft sie auch der Frau Freiräume, die sie nützen können?
Es ist sicherlich ein sehr patriarchales System, aber dennoch schafft es auch für die Frau Vorteile. Laut iranischem Recht dürfen Jungfrauen nur mit Erlaubnis ihres Vaters heiraten und sind dann ihrem Mann zu Gehorsam verpflichtet. Außerehelicher Sex ist sowieso verboten. Da kann es schon sein, dass eine Frau, die sich aus diesen Zwängen befreit hat und eine Beziehung führen will, die Form der Zeitehe benützt.

Gibt es viele Jugendliche, die dieses System nützen?
Meines Wissens ist es bei den Jugendlichen eher seltener. Bei ihnen haben sich ja die Moralvorstellungen sehr geändert. Wenn die ganz jungen Menschen im Iran eine Beziehung haben wollen, dann haben sie sie einfach. Zeitehen schließen eher geschiedene oder verwitwete Frauen ab.

Sudabeh Mortezai kam in Deutschland auf die Welt, lebte bis zum Alter von zwölf Jahren in Teheran und anschließend in Wien, wo sie Theaterwissenschaft studierte. Später Filmstudium in Los Angeles.

Filmstart am 16.4. in Wien (Gartenbaukino, Actors, Topkino), Linz (Moviemento) und Innsbruck (Leokino). Infos unter www.imbazar-derfilm.at

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