Zum Fürchten

Die Angst vor den Flüchtlingen schafft Unsicherheit und Gewalt.

Von Irmgard Kirchner
© Illustration: Thomas Kussin

Befinden wir uns in Europa im Krieg? Nicht wenige Menschen würden dem überraschenderweise zustimmen, manche handeln sogar schon so, als ob. Die privaten Waffenkäufe in Österreich boomen. Im Land formieren sich Bürgerwehren. „Nachdem man so viel hört“, sagt der Teilnehmer eines Schieß-Trainings in einem Fernsehinterview.

Man hört ja wirklich viel. Verbale Gewalt – aus der Mitte der Gesellschaft – bleibt ohne Aufschrei der Empörung im öffentlichen Raum stehen. Drei Beispiele des Unsinns aus den letzten Wochen: Menschen aus Ländern mit viel Gewalt würden nur die Sprache der Gewalt verstehen, verkündet ein Lehrer. Ein Philosoph fragt sich, warum denn die jungen Männer, die als Flüchtlinge jetzt bei uns Schutz suchen, nicht zu Hause blieben und ihre Heimat verteidigen würden (als ob junge Männer nicht die ersten Opfer jeglichen Kriegswahns wären). Ein Journalist bezeichnet junge muslimische Flüchtlinge aus Afghanistan als nicht integrierbar.

Momentan regiert die Angst. Angst ist bekanntlich ansteckend. Und kann auf diesem Weg leicht politisch instrumentalisiert werden. Viele von denen, deren Meinung gehört wird, sind selbst unreflektiert und verantwortungslos Spielbälle der Angst. Häufig wird gegen Schutzsuchende verbale Gewalt ausgeübt. Rollen werden verdreht, Opfer werden zu Tätern umdefiniert. Die, die vor der Gewalt fliehen, werden selbst als Bedrohung dargestellt.

Argumentiert wird mit der ängstlichen Suche nach Sicherheit. Um diese herzustellen, wird Gewalt zunehmend als legitimes Mittel gesehen. Ein nicht zu unterschätzender Anteil der Bevölkerung begegnet den ankommenden Flüchtlingen gewaltbereit. Ob der gemütlich anmutende Nachbar jetzt auch mit dem Revolver unter dem Kopfpolster schläft?

Trügerische Sicherheit. Menschen können auf Grund ihrer psychologischen Disposition Risiken nur mangelhaft einschätzen, erklärt uns die Forschung. Alltägliche Risiken wie das Autofahren werden chronisch unterschätzt, scheinbar Neues wie das Auftauchen vieler fremder junger männlicher Flüchtlinge wird als Risiko überschätzt. Mental derart ausgestattet, rüsten die Menschen auf. Nicht nur verbal. Das Gewaltmonopol des Staates scheint nicht mehr ausreichend. Da werden die Dinge lieber in die eigene zittrige Hand genommen.

Und „sicherer“ wird das Leben dadurch keinesfalls, ganz im Gegenteil. PsychologInnen verweisen auf eine Verengung des Handlungsspielraumes, der entsteht, wenn jemand über eine Waffe verfügt. Denken und Reagieren werden auf die Waffe fokussiert (benutzen oder nicht?) anstatt auf die Wahrnehmung der Situation. Das Risiko von Fehleinschätzung und Eskalation steigt drastisch.

Sicherer wird unser Leben durch aktive Gewaltfreiheit, durch das Eintreten jeder und jedes Einzelnen für ein friedliches und gerechtes Miteinander. Sicherer wird unser Leben durch gesellschaftlichen Zusammenhalt und Solidarität mit den Schwächeren, durch wahrnehmbare Gerechtigkeit, die ständig geschaffen und gelebt werden müssen. Dazu braucht es keinen Waffenschein, sondern eine positive Grundhaltung. Keine Angst, sondern Kontakt und das Vertrauen, dass sich sowohl Individuen als auch Gesellschaften als Ganzes weiterentwickeln können.

Irmgard Kirchner ist Chefredakteurin des Südwind-Magazins.

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