Zum Golde drängt …*

Das neu erschienene Schwarzbuch berichtet über Hintergründe und Schattenseiten der aktuellen „Flucht ins Gold“.

Von Ralf Leonhard
Das begehrte Edelmetall – von alters her ein Fluch der Menschheit.

Während das Buch in seiner letzten Entstehungsphase war, konnte man dem Goldpreis buchstäblich beim Klettern zusehen, so beschreibt Bettina Wörgötter, Lektorin des Deuticke Verlags, die Brisanz des eben erschienenen Sachbuchs. Fast täglich erreichte der Weltmarktpreis für eine Feinunze Gold neue Rekordhöhen. Der Zeitpunkt für das Erscheinen dieses Schwarzbuchs hätte also kaum besser gewählt sein können. Tausende durch Wirtschafts- und Finanzkrise verunsicherte Bürgerinnen und Bürger legen ihre Ersparnisse lieber in bleibenden Werten an, als sich auf die Stabilität des Euro zu verlassen. Andere tragen Erbstücke zu Juwelieren und Ankäufern, um private Budgetdefizite zu überbrücken. Mehr als 30 Jahre nach der Aufkündigung des Goldstandards zur Deckung der Währungen erleben wir eine Renaissance des Goldes als Sicherheitsgarant.

„Gold war bis vor ein paar Jahren ein Investment für seltsame Vögel, Verrückte und Exzentriker, die die Apokalypse, Armageddon oder Schlimmeres erwarten.“ So wird das Kapitel über den neuen Trend zur Vermögensanlage in Edelmetall eingeleitet. Diese Flucht ins Gold hat eine rapide Wertsteigerung zur Folge, deren Ende noch gar nicht abgesehen werden kann. Ronald Stöferle, Goldexperte der Erste Bank, rechnet kurzfristig mit 2.300 US-Dollar pro Feinunze. Am 30. Mai, als das Manuskript abgegeben wurde, notierte die Feinunze mit 1.539,80 Dollar. Derzeit oszilliert der Preis um die 1.700 Dollar.

Es sei schon etwas absurd, meint Co-Autor Thomas Seifert, wenn dieses Edelmetall mühsam aus dem Dunkel der Erde geholt werde, damit es dann wenig später wieder in der Dunkelheit eines Tresors in der Schweiz verschwindet. Tatsächlich landet rund ein Viertel des weltweit geförderten Goldes als Teil von Anlageportefeuilles in diskreten Schließfächern.

Zwei Drittel der Nachfrage kommen aber von der Schmuckindustrie. Kein Land verarbeitet derzeit so viel Gold in Geschmeide wie Indien. Das liegt nicht nur daran, dass sich die Frauen, die es sich leisten können, gerne mit glitzernden Colliers und Ohrringen behängen. Ein Gutteil dieses Schmucks dient als langfristige Wertanlage. Da Frauen in Indien traditionell weder Eigentum an Immobilien noch an Wertpapieren erwerben, wird die Aussteuer bevorzugt in Gold gegeben.

Zehn bis zwölf Prozent des weltweit verarbeiteten Goldes wird von der Industrie eingesetzt. Kleinste Mengen finden sich in jedem Handy, in Laptops, Photovoltaikanlagen oder auch in Kläranlagen.


Brigitte Reisenberger, Thomas Seifert: „Schwarzbuch Gold. Gewinner und Verlierer im neuen Goldrausch“, Verlag Deuticke, Wien 2011, 240 Seiten, € 18,40

Die Idee für dieses Schwarzbuch entstand, als Brigitte Reisenberger und Thomas Seifert gemeinsam in Ghana die Umstände und Auswirkungen der Goldförderung recherchierten. Reisenberger, eine Mitarbeiterin von FIAN, der Menschenrechtsorganisation für das Recht auf Nahrung, hatte 2009 mit ihrem Konzept für eine Reportage den Jungjournalistenpreis der Tageszeitung Die Presse gewonnen. Der Preis war die Realisierung ihres Vorschlags in Begleitung des erfahrenen Kollegen Seifert und die Veröffentlichung der Arbeit in der Zeitung.

Seither sind beide am Thema Gold drangeblieben. Davon zeugen Reportagen aus Kambodscha, Rumänien, Ghana, Indien und China. Zustände in Lateinamerika und West Papua werden zwar erwähnt, doch auf nähere Einblicke wird verzichtet. Das ist schade, angesichts limitierter Reisebudgets aber entschuldbar. Die untersuchten Beispiele sind anschaulich genug.

Wenn von 228 bekannten Goldminen nur 19 Prozent in politisch stabilen Ländern liegen, so drängt sich die Frage auf, ob Ressourcenreichtum einem Land nützt oder schadet. Besonders wenig vom Segen der unter der Erde liegenden Schätze haben in der Regel jene, deren Land betroffen ist. Etwa indigene Gemeinschaften in Guatemala, die zum Minenprojekt nicht gefragt wurden oder deren negatives Votum schlicht ignoriert wurde.

Die meisten Goldminen werden heute im Tagbau betrieben und bringen gravierende Umweltschäden mit sich. Allerdings ist der unkontrollierte Einsatz von Zyanid und Quecksilber beim Goldwaschen vorwiegend im – meist illegalen – Kleinbergbau zu finden. Es gehört zu den Verdiensten des Autorenduos, sich auch dieser Form des Goldabbaus zu widmen, der weltweit zehn bis 15 Millionen Menschen ernährt – obwohl den großen Profit meist die Zwischenhändler einstecken, die den Schürfern selten mehr als die Hälfte des eigentlichen Werts zahlen. Das Schwarzbuch unterstützt die Forderung der Alliance for Responsible Mining **, einer Art Bergbau-FairTrade-Organisation, die sozial verträglich und ökologisch gefördertes Gold zertifiziert. In der kolumbianischen Pazifikregion Chocó leistet die Kleinschürfervereinigung Oro Verde (s. SWM Nr.9/10) Pionierarbeit. 100 Kilogramm Gold, die jährlich aus fairer Produktion gewonnen werden, machen zwar nur einen Promillewert der gesamten Goldförderung aus. Doch in der Schmuckbranche soll die Nachfrage bereits groß sein. Brautleute wollen sich immer häufiger Ringe mit menschenrechtlichem Mehrwert schenken. l

* „Zum Golde drängt,
   Am Golde hängt,
   Doch alles.
   Ach wir Armen.“
J.W. Goethe, Faust I.

** Alliance for Responsible Mining: www.communitymining.org
 

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