Zum Siegen verdammt

Die Streitkräfte Irak-Kurdistans haben für lang ersehnte Erfolgsmeldungen im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ gesorgt. Doch die Region steht vor großen Herausforderungen. Einstige Rückkehrer zieht es wieder nach Europa, berichtet Birgit Svensson aus Erbil.

Freudentaumel in Erbil. Autokorso, Hupen, gegrölte Patriotenlieder und strahlende Gesichter. So viele Fahnen gab es schon lange nicht mehr rund um die Jahrtausende alte Zitadelle der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak mit den mehrheitlich von KurdInnen bewohnten Provinzen Erbil, Dohuk und Sulaimaniyya. Zwei Tage lang erklingen Freiheitsgesänge aus Megafonen, Radios und Fernsehern: Die KurdInnen feiern den Sieg ihrer Peschmerga-Streitkräfte über den „Islamischen Staat“ – die Rückeroberung von Sindschar.

Seit über einem Jahr war die mehrheitlich von Jesiden bewohnte Stadt in den Händen der Terrormiliz IS. Sindschar sei nur der erste Schritt, sind sich die im Siegestaumel befindlichen KurdInnen sicher. Deren Präsident, Masud Barzani, kann sich vorstellen, dass seine Peschmerga-Streitkräfte künftig verstärkt auch in Syrien eingreifen. Zusammen mit der Freien Syrischen Armee könnten die Peschmerga gar die IS-Hochburg Rakka zurückerobern. Bereits in Kobane, an der türkischen Grenze, halfen Peschmerga-KämpferInnen, die Stadt zu befreien. Warum also nicht auch Rakka, im syrischen Kernland?

Der Zeitpunkt der Militäroperation in Sindschar kam nicht von ungefähr. Barzani brauchte nach einer schweren Schlappe ein Jahr zuvor einen Sieg: Peschmerga heißt übersetzt so viel wie „die dem Tod ins Auge sehen“. Doch im August 2014 war davon nicht viel zu spüren gewesen. Nachdem schon im Juni tausende Soldaten der irakischen Armee desertiert waren und Menschen, Territorium und militärische Ausrüstung nahezu kampflos der Terrormiliz überlassen hatten, kapitulierten zwei Monate später die kurdischen Peschmerga ebenfalls vor dem IS. Ohne größere Gegenwehr der kurdischen Sicherheitskräfte fielen nicht nur die Jesidenstadt Sindschar nahe der syrischen Grenze, sondern auch die Christenstadt Karakosch sowie Gemeinden wie Bartilla und Baschika in die Hände der Dschihadisten.

Krise in Kurdistan. Der Jubel in Erbil über die militärische Erfolge täuscht zudem über eine Tatsache hinweg: Die Stimmung in Irak-Kurdistan ist mies. In den Jahren nach dem Irakkrieg kamen tausende KurdInnen aus dem Exil in Europa in die boomende Öl-Region zurück. Doch diese Bewegung dreht sich jetzt wieder um: Schätzungen zufolge haben allein in den vergangenen Wochen 25.000 KurdInnen den Irak Richtung Europa verlassen – und der Trend hält an.

Der Grund dafür sind nicht allein die Sicherheitsbedingungen und die Bedrohung durch den IS. Die Wirtschaft bricht ein. Vor allem die jungen KurdInnen geben an, keine Arbeit, keine Perspektive, keine Zukunft in Kurdistan zu haben. Zudem hätten sich Reformhoffnungen nicht erfüllt. Die Integration der RückkehrerInnen sei gescheitert, archaische Gesellschaftsstrukturen lebten fort. Korruption und Vetternwirtschaft sind nach wie vor omnipräsent.

Nächstes Ziel: Baschika. „Nächstes Mal trinken wir Tee in Baschika“, sagt Brigadegeneral Izadin Sadus. Optimistisch blickt der Brigadier der kurdischen Peschmerga von seinem Hauptquartier auf der Anhöhe in die Stadt hinunter, deren Rückeroberung sein Ziel ist. Alles, was hinter dem Backsteinhaus des Generals liegt, ist Peschmerga-Gebiet. Alles davor kontrolliert der IS. Durch sein Fernglas kann man gut die schwarze Fahne der Killertruppe sehen, die sie auf Moscheen, Funkmasten und Kirchtürmen in Baschika gehisst hat, um allen zu zeigen, wer hier herrscht. Vom Standort der Peschmerga-Brigade aus sind es nur drei Kilometer bis dorthin. „Wir haben Erdhügel, Schützengräben und wieder Erdhügel geschaffen, um unsere Stellungen zu festigen“, erklärt Sadus, „aber die da drüben haben Minen und TNT-Sprengsätze.“

Über 1.500 Peschmerga-KämpferInnen haben bereits ihr Leben im Kampf gegen den IS gelassen. Immer wieder treten sie auf Minen, wenn sie Gebiete zurückerobern. Der General hofft, dass seine Leute mit der Zeit lernen, wie man diese Minen entdecken und entschärfen kann.

Inzwischen gibt es unzählige Ausbildner aus unterschiedlichen Ländern, die den KurdInnen beibringen wollen, wie eine richtige Armee kämpft. Doch die Transformation von einer Guerilla zu einer regulären Armee ist schwierig.

Als Peschmerga bezeichnet man heute die regulären Streitkräfte der Region. Jahrelang waren die Peschmerga-KämpferInnen eine Guerillatruppe, die vorwiegend in den Bergen entlang der türkischen und iranischen Grenze beheimatet war. Ihre Wurzeln reichen zurück bis in die Zeit des Untergangs des Osmanischen Reiches. Das Streben nach einem unabhängigen Kurdenstaat hat also eine historische Dimension. Jedoch ist es keiner der den Mittleren Osten beherrschenden Mächte jemals gelungen, all die unzähligen Gebiete, in denen die KurdInnen beheimatet sind, vollständig unter ihre Kontrolle zu bringen – auch keiner kurdischen.

Doch das könnte sich ändern, hofft Peschmerga-Kommandeur Izadin Sadus. Noch nie waren die KurdInnen einem eigenen Staat so nah wie heute. Und gerade jetzt kehren viele dem Nordirak den Rücken.

Waffen aus Deutschland. Auf dem Platz vor dem Hauptquartier der Brigade Zwölf haben sich rund 40 kurdische Kämpfer versammelt, um ihre Waffen aus Deutschland zu präsentieren. Die G36-Sturmgewehre seien viel besser als die alten Kalaschnikows, loben sie. 800 hätten sie bekommen, drei Panzerfäuste und 24 Nachtsichtgläser.

Im Sommer 2014 beschloss die deutsche Bundesregierung in Reaktion auf die anhaltenden Siege des IS, die Autonome Region Kurdistan mit Waffen zu beliefern. Deutschland schickte tausende Gewehre, Pistolen, Panzerfäuste und -abwehrraketen sowie Handgranaten. Ende 2015 kündigte die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen weitere Lieferungen an.

Der junge Peschmerga-Soldat Foad bringt einen großen Plastikkoffer, auf dem „Milan“ steht. Er ist die größte Hoffnung von Sadus’ Männern. Gespannt schauen sie zu, wie Foad die Panzerabwehrrakete vorsichtig heraushebt. „Sie ist sehr leicht“, sagt er anerkennend. Als einziger der zwölften Brigade durfte der 24-Jährige eine Woche nach Bayern, um zu lernen, wie die Waffe bedient wird. Jetzt instruiert er die anderen. „Das Tolle an der Milan ist, dass die Anlage sich beim Abschuss der Rakete überhaupt nicht bewegt, sie steht vollkommen still. Die Raketen fliegen bis zu zwei Kilometer weit“, erläutert Foad. „Damit sind wir dem IS überlegen.“ Die hätten Raketen-Systeme mit geringerer Reichweite, die auf einen Pick-up montiert werden müssten. Die Milan-Anlage dagegen könnte überall stehen.

Erfolgsgeschichten gesucht. Zwar konnten die Peschmerga mit der Rückeroberung der Jesidenstadt Sindschar auch einen moralischen Sieg verbuchen, doch das Misstrauen der anderen Volksgruppen – Jesiden, Christen, Turkmenen, Araber – ist geblieben.

In Erbil währte der Freudentaumel über die Befreiung Sindschars nicht allzu lange. „Es geht schlecht“, antworten Händler auf dem Basar, „so schlecht wie noch nie.“ Eigentlich will jeder nur noch weg. Habib will nach Bayern zurück, wo er neun Jahre lang gelebt hat, bevor er 2011 nach Kurdistan zurückkam. Jetzt tauscht er Euro gegen Dollar oder irakische Dinar, handelt mit Feuerzeugen und islamischen Gebetsketten.

Marwan verkauft Datteln, Granatäpfel und Weintrauben und würde lieber wieder in der Pizzeria in Berlin arbeiten. Fauwzi träumt von seiner Wohnung in Duisburg, die er aufgegeben hat, um nach Erbil zurückzukehren, als seine Familie keine Ruhe gab und ihn schließlich überredete. Die Miete für seinen Laden in den mit gelbem Backstein neu gestalteten Arkaden kann er kaum noch bezahlen. „Niemand hat Geld, keiner kauft etwas.“

Einige Geschäfte mussten bereits schließen. Die Besitzer sind entweder weg oder pleite.

Seit vier Monaten werden in Irak-Kurdistan die Gehälter der Staatsbediensteten nicht mehr bezahlt – über 70 Prozent der Beschäftigten arbeiten im Öffentlichen Dienst. Stromausfälle sind die Regel, nicht die Ausnahme. Infrastrukturprojekte liegen auf Eis, ausländische Ölfirmen haben die Region verlassen, teils aus Sicherheitsgründen, aber auch weil sie nicht bezahlt wurden. Ein tiefgründiger Streit zwischen der kurdischen Region und der Zentralregierung in Bagdad stoppte die Transferzahlungen, also den Anteil der Region am gesamtirakischen Budget.

Allein kann sich die Region nicht finanzieren, zumal der Kampf gegen den IS und die Versorgung der vielen Flüchtlinge in der Region die Finanzen der Regionalregierung extrem belasten.

Zurück nach Österreich. Auch die beiden 2011 aus Wien nach Erbil gekommenen Schwestern Nevin und Sherin haben Kurdistan verlassen und sind mit ihrer Mutter wieder zurück nach Österreich. Sie fühlten sich nie wohl im Land ihrer Eltern, durften nicht Fahrradfahren, nicht Schwimmen gehen. Die Benimm-Regeln verbieten solche Freiheiten.

Feudalistische Clanstrukturen, Zwangsehen, Ehrenmorde – das alles kommt in der rückwärtsgewandten, konservativen Gesellschaft in Irak-Kurdistan noch vor.

Nevin und Sherin gingen in Erbil in die deutsche Schule, die vom Auswärtigen Amt in Berlin mitfinanziert wird. Die ältere, Nevin, verkroch sich in ihre Fantasien, war oft abwesend, kam zu spät und verweigerte die aktive Teilnahme am Unterricht, erzählt ihr Klassenlehrer.

Die deutsche Schule verzeichnet für das laufende Schuljahr einen Rückgang der Schülerzahl um 34 Prozent gegenüber dem vergangenen Jahr. Oft seien es die Kinder, die die Eltern zur Rückkehr nach Europa drängten.

Sesselkleber Barzani. Zu all dem kommt eine tiefe politische Krise: Präsident Barzani will seinen Stuhl nicht räumen. Die kurdische Regionalverfassung sieht zwei Amtszeiten vor, die im Fall Barzanis 2013 endeten. Sein Mandat wurde durch das Parlament dann nochmals um zwei Jahre verlängert, die Präsidentschaft endete im August 2015.

Seitdem fordern DemonstrantInnen mehr Demokratie und ein parlamentarisches System. In Sulaimaniyya kam es im Herbst zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Barzani beschuldigte die Oppositionspartei Gorran der Aufwiegelung und warf kurzerhand deren Mitglieder aus der Regionalregierung. Tags darauf ließ er den Vorsitzenden des Regionalparlaments nicht nach Erbil einreisen.

Birgit Svensson lebt als freie Journalistin im Irak und arbeitet für verschiedene deutschsprachige Medien.

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