Zurechtgerückte Erzählung

Der Sozialwissenschaftler André Gunder Frank (1929-2005) widerspricht in seinem Meisterwerk „ReOrient“ der eurozentristischen Weltwirtschaftsgeschichte. Andrea Komlosy analysiert das Buch anlässlich der deutschen Übersetzung.

Asiatische Pioniere: Der chinesische Admiral Zheng He unternahm zwischen 1405 und 1433 Expeditionen in den Pazifik und den Indischen Ozean. Auf Segelschiffen, den Dschunken, erforschte seine Flotte die Meere bis nach Arabien und Ostafrika.

André Gunder Frank gehörte zu den innovativsten Sozialwissenschaftlern des 20. Jahrhunderts. Der in Deutschland geborene, 1933 in die USA emigrierte Schüler von Milton Friedman wurde mit seinen Studien über Lateinamerika zum führenden Dependenztheoretiker. „Unterentwicklung“, so eine seiner Botschaften, war keine Folge von Rückständigkeit, sondern Resultat von Kolonialismus.

Frank beteiligte sich am sozialistischen Experiment Salvador Allendes (Präsident Chiles 1970-1973, Anm.), in Chile gründete er mit einer Aktivistin eine Familie. Mit Allendes Scheitern wuchs Franks Interesse an den Zwängen des Systems. Er trug in der Folge maßgeblich zum Verständnis der ökonomischen Hintergründe weltweiter Ungleichheit bei. Zunächst teilte er die Ansicht vieler Weltsystem-ForscherInnen vom westeuropäischen Ursprung des Kapitalismus, der seit dem 16. Jh. sukzessive andere Weltregionen seiner Logik unterwarf und souveräne Regionen in Peripherien verwandelte. Doch das sollte sich ändern.

Perspektivenwechsel. Franks quälender Neugier verdanken wir eine der spannendsten Auseinandersetzungen der Globalgeschichte- und Entwicklungsforschung: Die Erzählung von der europäischen Pionierrolle passte mit der Rolle asiatischer Gesellschaften als ProduzentInnen hochwertiger und auch von europäischen HändlerInnen nachgefragten Gewerbewaren, bis weit ins 18. Jh. hinein, nicht zusammen.

Des Rätsels Lösung: Aus ost- und südasiatischer Perspektive betrachtet ließ sich der europäische Kolonialismus in der Karibik und in Lateinamerika mit einer globalen asiatischen Führungsposition vereinbaren. In seinem 1998 erschienenen Buch „ReOrient, Globalwirtschaft im Asiatischen Zeitalter“ legte Frank seine Alternative zur eurozentrischen Erzählung dar. Er fand die Dynamik der Weltwirtschaft in der Frühphase der transatlantischen Expansion nicht in Westeuropa, sondern in Süd- und Ostasien. Hier lagen die am höchsten entwickelten Exportgewerbezentren der Welt.

Das in Lateinamerika erbeutete Silber diente europäischen HändlerInnen als Eintrittskarte in die Handelsnetzwerke des Indischen Ozeans und als Tauschmittel für bedruckte Baumwollstoffe, Seidenwaren, Teppiche, Tapeten und Porzellan, die beim europäischen Publikum auf steigende Nachfrage stießen. Über europäische HändlerInnen gelangten indische Baumwollstoffe auch nach Afrika (im Tausch gegen SklavInnen) und in die Karibik.

Umdenken. „ReOrient“ löste eine heftige Kontroverse in der englischsprachigen Forschungs-Community aus. Das Buch umfasst die Zeit bis 1800; die Phase, in der europäische Mächte im 19. Jh. zu Hegemonen der Weltwirtschaft avancierten, behandelt er darin nicht. Doch Frank wollte mit der historischen Positionierung Süd- und Ostasiens als Zentrum der Weltwirtschaft nicht zuletzt einen Beitrag zum Verständnis des aktuellen Wiederaufstiegs asiatischer Staaten leisten.

Das Buch bewirkte ein Umdenken in den Sozialwissenschaften. Die Idee des „orientalischen Despotismus“, mit der Karl Marx, Max Weber oder Karl Wittfogel die asiatischen Reiche als unfähig zur eigenständigen Modernisierung beschrieben, ist heute weitgehend überwunden.

Damit die Neuorientierung der Weltgeschichte auch beim deutschsprachigen Publikum ankommen kann, ist das Erscheinen der deutschen Übersetzung nicht hoch genug einzuschätzen. Sie hinkt der Übersetzung ins Chinesische, Japanische und Koreanische um mehr als zehn Jahre hinterher. An solche Vorsprünge werden wir uns in Hinkunft vielleicht vermehrt gewöhnen müssen.

Andrea Komlosy ist Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien.

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