Zurück zu den Wurzeln

Über die Hälfte der BrasilianerInnen haben Afrohaare. Die meisten aber lassen sich die Haare glätten. Über die Rolle von Afrohaaren, auch in ihrem eigenen Leben, erzählt die Haartherapeutin Marina Ulhôa Carvalho im Interview.

Ihren Salon benannte Ulhôa Carvalho nach den spiralförmigen Nudeln Fusilli, die der Form der Afrohaare ähneln.© Felipe Domingues

Sie sind Haartherapeutin und Trichologistin. Was kann man darunter verstehen?

Die Trichologie ist jenes Teilgebiet der kosmetischen Dermatologie, das sich mit der Kopfhaut, den Haarwurzeln, den Haaren sowie Haarerkrankungen beschäftigt. Bei der Haartherapie geht es darum, ein psychologisches Wohlbefinden mit den Haaren herzustellen. Viele Menschen mit Afrohaaren lassen ihre Haare – teils schon seit Kindesalter – durch chemische Behandlungen glätten, da die natürliche Krause immer noch nicht gesellschaftlich akzeptiert wird. Früher oder später haben sie mit den Folgen zu kämpfen – sowohl auf physischer Ebene wie auch auf psychischer Ebene.

Ausgehend von den USA hat es in den vergangenen Jahren aber ein Umdenken gegeben, das sich mit der „Natural-Hair“-Bewegung weltweit ausbreitet – mittlerweile ist sie auch in Brasilien angekommen.

Worum geht’s dabei?

Darum, dass Menschen mit Afrohaaren mit dem Glätten aufhören und es wagen, zu ihrer Naturkrause zurückzukehren. Technisch kann man das mit dem Loswerden einer Dauerwelle vergleichen – nur umgekehrt eben. Dazu braucht es nicht nur gute Beratung, Produkte und Schnitte, sondern vor allem auch psychologische Unterstützung. Die biete ich in meinem Salon Fusilli.

Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?

Ich habe selber erst vor fünf Jahren aufgehört, meine Afrohaare zu glätten. Es war teilweise ein schmerzhafter Prozess, aber ein lebensverändernder. Danach kam der Wunsch, mich auch beruflich damit zu beschäftigen. Dafür habe ich das Fachgebiet Trichologie studiert und umfangreiche Aus- und Weiterbildungen im Bereich Haartherapie gemacht.

Was steckt hinter dieser gesellschaftlichen Konvention des Haareglättens in Brasilien?

Der brasilianische Staat wurde in den 1930ern auf der Ideologie der sogenannten brasilianischen Rassendemokratie konstruiert. Damit wurde die Gleichheit aller BrasilianerInnen suggeriert und die Existenz von Rassismus in Brasilien geleugnet. Sie sollte als Grundpfeiler der nationalen Identität dienen. Das hat aber nicht funktioniert – der strukturelle Rassismus gegenüber AfrobrasilianerInnen existiert bis heute.

Wir leben in einer rassistischen, sexistischen Gesellschaft. Laut der Volkszählung von 2010 stellt die farbige Bevölkerung in Brasilien die Mehrheit: 50,7 Prozent der rund 200 Millionen Menschen. Dennoch haben meine Vorfahrinnen und auch ich noch von klein auf von unseren Eltern gehört, dass „schönes" Haar glattes Haar ist und es im naturbelassenen Zustand „Dienstmädchenhaar” und für bestimmte Berufe oder Positionen „ungeeignet" sei.

Diese Wahrnehmung ist immer noch tief verwurzelt in vielen Köpfen – auch jenen mit Afrohaar. Zumindest gibt es jetzt aber eine offenere Auseinandersetzung mit dem Thema. Eine unterstützende Rolle ist dabei sicherlich auch der wachsenden Anzahl und Popularität digitaler Influencerinnen und Influencer der Natural-Hair-Bewegung zuzuschreiben.

Wer sind die Menschen, die sich bei Ihnen behandeln lassen?

In meinen Salon kommen hauptsächlich Frauen. Sie wollen oder müssen aus verschiedensten Gründen aufhören ihre Afro-Haare zu glätten. Viele haben ihre Haare jahre- oder jahrzehntelang geglättet. Oft müssen daher zunächst Traumata behandelt und viele schmerzvolle Erfahrungen überwunden werden.

Zuletzt habe ich von meinen Klientinnen zunehmend den Wunsch erfahren auch ihren Töchtern zuliebe den Schritt zurück zum Afrohaar zu wagen – um ein Vorbild zu sein. Außerdem sind nun viele bereit zu lernen, wie sie ihre eigenen und die Afrohaare ihrer Kinder besser pflegen können.

Nicht zuletzt gibt es jetzt auch schon immer mehr junge Frauen, die dank der Natural-Hair-Bewegung Lust bekommen ihre Afrohaare offen zu tragen. Auch sie kommen dann zu uns, weil sie die spezielle Pflege dafür lernen oder Schnitte optimieren wollen.

Welche Rolle spielt die Schönheitsindustrie?

Der Wirtschaft geht es um Profite. Brasilien ist weltweit der viertgrößte Verbrauchermarkt für Haarprodukte. Lange Zeit machte die Industrie ihre Gewinne mit glatten Haaren, denn für das Glätten braucht man jede Menge chemischer Produkte, die auf Dauer Haare und Kopfhaut in Mitleidenschaft ziehen. Dadurch gab es und gibt es immer auch Nachfrage nach Haarpflegeprodukten, die diese Schäden reparieren.

Die Industrie verfolgt aber auch die Natural-Hair-Bewegung genau. Bei einer von Think With Google 2017 durchgeführten und veröffentlichten Umfrage kam heraus, dass immer mehr nach Schlagworten zu krausem, lockigem Haar gesucht wird. Im Vergleich zum Vorjahr gab es eine Zunahme um 232 Prozent! Darauf reagiert die Industrie und wartet mit immer größeren Paletten an Haarprodukten für Afrohaare auf.

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?

Die Revolution fängt gerade erst an und der Trend zurück zum natürlichen Afrohaar ist meines Erachtens nach mehr als eine Modeerscheinung. Es ist zu einem Symbol für Selbstliebe, Ermächtigung und Stärkung der afrobrasilianischen Identität geworden. Es ist schön, das zu beobachten, weil es meist weit über die Veränderung der Haare hinausgeht.

Interview: Christina Schröder

Das Interview wurde online geführt.

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